Kritik

„Dangerous Lies“ // Deutschland-Start: 30. April 2020 (Netflix)

Für einen kurzen Moment war Adam Kettner (Jessie T. Usher) ein echter Held, als er ganz alleine einen bewaffneten Mann überwältige, der den Diner seiner Freundin Katie (Camila Mendes) ausrauben wollte. Vier Monate später ist von dem Ruhm nicht viel übrig geblieben, das Paar wird von schweren Geldsorgen heimgesucht. Adam findet einfach keine Arbeit, Katie verdient als Pflegerin beim alleinstehenden Leonard (Elliott Gould) auch nicht die Welt. Als dieser zudem eines Tages stirbt, scheinen die beiden endgültig am Ende – bis sie eine unerwartete Entdeckung machen …

Wenn alte Menschen sterben und es darum geht, wer ihr schönes Anwesen und die darin versteckten Schätze erbt, dann bedeutet das in Filmen praktisch immer: Da hat doch jemand seine Finger im Spiel gehabt! Agatha Christie hat dieses Szenario immer wieder gern genommen, um ihre Leser und Leserinnen mit zahlreichen Puzzeln und Rätseln herauszufordern, auch Knives Out – Mord ist Familiensache griff vor einigen Monaten auf diesen Klassiker zurück, um eine ganz eigene Form des Whodunnit-Krimis zu erstellen. Dem folgt nun der Netflix-Thriller Dangerous Lies, der schon im Titel verrät, dass es hier Personen gibt, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen.

Ein Thriller zum Ausschalten
Das hatte sich im Vorfeld eigentlich recht vielversprechend angehört: Selbst wenn die Ausgangssituation nun nicht gerade die originellste ist, solange am Ende die Spannung und der Rätselfaktor stimmen, sieht man darüber gerne hinweg. Und tatsächlich sind es gar nicht die altbekannten Elemente, die bei Dangerous Lies zu einem Problem werden. Man hat überhaupt nicht die Zeit, um über diese nachzudenken, ist man doch viel zu sehr damit beschäftigt, sich über den gesamten Rest zu ärgern. Denn hier gibt es praktisch nichts, das funktioniert oder überzeugt, die US-Produktion ist einer der furchtbarsten Vertreter, die man in diesem Bereich in den letzten Monaten hat sehen müssen.

Das erste ganz große Manko sind die Figuren. Natürlich sollte ein Film, der das Publikum darüber nachgrübeln lässt, wer denn der Schuldige ist, möglichst viele Zweifel säen. Das sollte sich aber mehr in Details zeigen, in kleinen rätselhaften Momenten. Im Fall von Dangerous Lies ist es aber eher so, dass ein inoffizieller Wettstreit besteht zwischen den Leuten, wer das Schild mit der Inschrift „Schau mich an, ich bin verdächtig!“ am höchsten halten kann. Das ist hier schon so übertrieben, auch wegen suboptimaler Leistungen des Schauspielensembles, dass man zwischendurch immer wieder grübelt, ob das nicht vielleicht eine Parodie sein sollte. Damit einher geht ein Verhalten der Figuren, dem mit der Bezeichnung „idiotisch“ noch geschmeichelt wäre.

Ein Film voller Idioten
Dabei spielt es nicht einmal eine Rolle, ob es nun um das Paar, die Polizei oder sonstige Leute geht, die sich hier herumschleichen, Handlungen und Dialoge sind von einer derart beleidigenden Willkürlichkeit und Inkompetenz geprägt, dass die dringendste Frage nicht die ist, wer Leonard umgebracht hat. Viel rätselhafter: Wer hielt Dangerous Lies für gut genug, dass man das tatsächlich veröffentlichen muss? Dabei versuchte Drehbuchautor David Golden, der wie Regisseur Michael Scott auch zuvor hauptsächlich an TV-Weihnachtsfilmen gearbeitet hat, einige falsche Fährten einzubauen. Doch die werden nie konsequent genug verfolgt, dass daraus ein ernstzunehmender Krimi werden könnte. Vielmehr ist auch das so sehr an den Haaren herbeigezogen, dass man nur mit großen Augen auf das Geschehen starren kann.

Für einen kurzen Moment meint man noch, der Film hätte tatsächlich eine interessante Antwort auf die vielen Fragen gefunden, bevor es dann doch zum offensichtlichen Teil übergeht. Vielleicht fehlte den Machern der Mut, vielleicht haben sie auch das Potenzial nicht erkannt. So oder so ist Dangerous Lies ein ausgesprochen mäßiger Thriller, dessen bester Bestandteil noch das schöne Anwesen ist, in dem sich dankenswerterweise ein Großteil der Geschichte abspielt. Aber das reicht natürlich nicht aus, um hier auch nur den Ansatz einer Empfehlung aussprechen zu können. Nach A Fall from Grace ist das hier schon der zweite Netflix-Totalausfall in diesem Segment, der uns dieses Jahr heimsucht.

Credits

OT: „Dangerous Lies“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Michael Scott
Drehbuch: David Golden
Musik: James Jandrisch
Kamera: Ronald Richard
Besetzung: Camila Mendes, Jessie T. Usher, Jamie Chung, Cam Gigandet, Sasha Alexander, Elliott Gould

Trailer

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Dangerous Lies
3.69 (73.75%) 32 Artikel bewerten

Dangerous Lies
„Dangerous Lies“ beginnt mit einem Paar in Geldnöten, das dank eines vermögenden älteren Herren vielleicht doch wieder eine Perspektive hat. Der Thriller bietet zwar eine Reihe von Verdächtigen und falschen Fährten, ist aber so willkürlich und überzogen, dass die größte Gefahr von dem Film noch die ist, die eigene Laune nachhaltig zu zerstören.
3von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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