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Caid Gangsta Dealer Netflix

„Caïd (Gangsta) – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 10. März 2021 (Netflix)

Eigentlich ist Franck (Sébastien Houbani) auf den Dreh von Musikvideos spezialisiert. Doch dieses Mal soll es um etwas Großes gehen: Gemeinsam mit Thomas arbeitet er an einem Dokumentarfilm über Tony (Abdramane Diakite). Bislang führte dieser eine Drogengang in einem Problemviertel im Süden Frankreichs an, plant nun aber, als Rapper groß herauszukommen. Nach anfänglichen Irritationen nimmt Tony die beiden tatsächlich mit in seine Welt, zeigt das Leben abseits der Gesetze, welches die zwei mit der Kamera festhalten. Als die Aufnahmen den Produzenten aber nicht krass genug sind, heißt die Ansage: noch näher ran! Dabei stellen die zwei bald fest, dass dies deutlich näher ist, als ihnen lieb ist. Und deutlich gefährlicher …

Unterwegs in französischen Problemvierteln

In den letzten Jahren hat es doch eine Reihe von Filmen oder Serien gegeben, welche sich Problemviertel in Frankreich zum Thema genommen haben. Die Wütenden – Les Misérables zeigte beispielsweise den Alltag dreier Polizisten in einer Gegend, die zunehmend einem Pulverfass gleicht und in der ständig die Gefahr einer gewaltsamen Entladung droht. Banlieusards – Du hast die Wahl wiederum machte drei Brüder zu Protagonisten, die unterschiedliche Wege einschlagen, um in einer Welt zu überlegen, die ihnen keine wirkliche Perspektive bildet. Doch gleich ob nun aus den Augen der Bevölkerung erzählt oder aus denen der Gesetzeshüter, die irgendwie für Ordnung sorgen wollten: Es sind schon recht düstere Einblicke, welche sich dem Publikum da bieten.

Das gilt dann auch für die französische Netflix-Serie Caïd (Gangsta), die ebenfalls in diesem thematischen Umfeld unterwegs ist. Dabei unterscheidet sie sich in zwei Punkten wesentlich von dem, was die Konkurrenz so gezeigt hat. Der eine betrifft die Figuren. So werden mit Franck und Thomas zwei Außenstehende in die Geschichte involviert. Anders als bei den obigen Titeln, bei denen die Viertelbevölkerung quasi unter sich blieb, da wird hier ein Blick von außen gewährt. Die zwei stehen damit stellvertretend für das Publikum daheim vor den Bildschirmen, welches den erschreckenden Zuständen begegnen darf, sowie den Menschen, die dort leben.

Vorsicht, Wackelkamera!

Der zweite entscheidende Punkt ist das „wie“. Caïd (Gangsta) orientiert sich grob an der Found-Footage-Welle, welche einige Jahre über die Filmlandschaft hinwegbrauste und vor allem das Horrorgenre unter sich begrub. Genauer bedeutet das, dass wir hier ausschließlich Aufnahmen der Kameras des Duos sehen, welche zusammengesetzt die Geschichte ergeben. Wer mit Filmen wie The Blair Witch Project vertraut ist, weiß deshalb schon, was ihn erwartet: häufige und willkürliche Schnitte, viele verwackelte Szenen sowie mitunter gewöhnungsbedürftige Perspektiven. Das Ziel dieser Ästhetik ist es, ein größeres Gefühl von Authentizität zu erzeugen. Man soll hier als Zuschauer und Zuschauerin den Eindruck haben, selbst auf den Straßen unterwegs zu sein.

Das klappt aber nur zum Teil. Zum einen übernimmt Caïd (Gangsta) zwar die Stilmittel der Found Footage, kümmert sich aber wenig um die inhaltliche Anbindung. Die Kunst bei einem solchen Werk besteht darin, dass die einzelnen Aufnahmen für sich genommen immer plausibel sind. Man muss glauben können, dass in einer solchen Situation jemand herumsteht und die Kamera bedient. Hier wird jedoch auch dann draufgehalten, wenn es keinen wirklichen Sinn ergibt. Da wird dann zu deutlich, dass es sich um eine rein ästhetische Entscheidung handelt, nicht um eine inhaltliche. Es hätte an den Stellen schon mehr Konsequenz gebraucht, vielleicht auch ein in sich schlüssigeres Konzept.

Licht und Schatten

Insgesamt ist das Ergebnis von einer etwas gemischten Natur. Die sehr kurze Laufzeit der zehn Folgen – die meisten sind maximal zehn Minuten lang – verhindert, dass sich tatsächlich mal etwas entwickelt. Es wird nicht einmal wirklich klar, warum es für diese kurzen Momentaufnahmen überhaupt ein Serienformat gebraucht hat. Von der Länge her ist das hier kürzer als so mancher Netflix-Film, die Unterbrechungen für den Vor- und Abspann reißen einen alle paar Minuten aus dem Geschehen. Gleichzeitig gibt es durchaus einige spannende Zwischenstopps bei diesem Schnelldurchlauf. Gerade die Szenen mit Tony, der inmitten des Gangsteralltags von einem Ausstieg träumt, haben einiges zu bieten. Zum Ende zeigt sich auch, warum Found Footage so beliebt war, wenn unübersichtliche Aufnahmen den Spannungsfaktor erhöhen. Die Optik ist hier doch eine ganz andere, als sonst in diesem Genre üblich. Außerdem erlaubt die kurze Laufzeit, sich bei Caïd (Gangsta) schnell einen ersten Eindruck zu verschaffen.

Credits

OT: „Caïd“
IT: „Dealer“
Land: Frankreich
Jahr: 2021
Regie: Ange Basterga, Nicolas Lopez
Drehbuch: Ange Basterga, Nicolas Lopez, Nicolas Peufaillit
Kamera: Julien Meurice
Besetzung: Abdramane Diakite, Mohamed Boudouh, Sébastien Houbani, Idir Azougli

Bilder

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Caïd (Gangsta) – Staffel 1
In „Caïd (Gangsta)“ folgt ein Filmteam einem Gangleader, der von einer Rapkarriere träumt. Die Serie hebt sich durch die Found-Footage-Optik von der Konkurrenz ab, auch wenn diese zu oft nur aus ästhetischen Gründen drin ist, nicht weil sie inhaltlich gerechtfertigt ist. Das kann man sich anschauen, auch wegen der kurzen Laufzeit der einzelnen Folgen. Tatsächlich neue Impulse setzt das hier aber nicht.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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