Kritik

Sa-nyang-eui-si-gan Time to Hunt Netflix

„Time to Hunt“ // Deutschland-Start: 23. April 2020 (Netflix)

Als Jun-seok (Je-hoon Lee) nach drei Jahren Knast wieder freikommt, erkennt er die Welt nicht wieder. Von der aufstrebenden Wirtschaftsmacht Südkorea ist nach einer erneuten Finanzkrise nicht mehr viel übrig, es gibt keine Arbeit, keine Perspektive, keine Hoffnung. Und natürlich kein Geld: Die heimische Währung ist längst nichts mehr wert. Also fassen er und seine Freunde Ki-hoon (Woo-shik Choi) und Jang-ho (Jae-hong Ahn) den Plan, ein Casino auszurauben, wo um ausländische Devisen gespielt wird. Der Plan geht auf, sie entkommen mit der Beute und auch mit den Aufnahmen der Sicherheitskamera. Doch auf Letzteren befindet sich ausgesprochen brisantes Material, weshalb ihnen bald schon ein Killer auf den Fersen ist, der sie durch das ganze Land verfolgt …

Dass einem bei dieser Welt der Blick in die Zukunft Angst und Bange machen kann, das versteht sich von selbst. Ob es die aktuelle Corona-Krise ist, welche die Zerbrechlichkeit der menschlichen Zivilisation aufzeigt, die apokalyptischen Warnungen vor der Klimakatastrophe oder auch die wachsende Schere zwischen arm und reich, es gibt viel, das einem Sorgen bereiten kann. Und damit viel Stoff, aus dem man spannende Filme machen kann. Vor allem in Südkorea finden sich auffallend viele Geschichtenerzähler, die düstere Visionen ihres Landes bzw. der Menschheit entwerfen. Ob nun Oscar-Preisträger Parasite, der eine absurde Auseinandersetzung mit dem Klassenkampf aufzeigte, die Gesellschaftskritik im Festivalliebling Burning oder der bizarre Survival Trip Human, Space, Time and Human, das fernöstliche Land ist geradezu berüchtigt für abgründige Stoffe mit gesellschaftlicher Relevanz.

Eine Zukunft von gestern
Nun versucht sich auch Sung-hyun Yoon in dem Netflix-Thriller Time to Hunt daran, eine eigene dystopische Variante seines Heimatlandes zu entwerfen. Wobei sie nicht so wirklich eigen ist. Der Regisseur und Drehbuchautor, der neun Jahre nach Bleak Night seinen zweiten Film vorlegte, orientiert sich vielmehr an dem, worüber schon seine Kollegen ausgiebig sprachen. Dass in der Zukunft einige wenige Geld und Macht auf sich vereinen, während der große Rest leer ausgeht, das muss man sich nicht erst ausdenken. Auch eine erneute Finanzkrise ist nicht unbedingt der Gipfel an Kreativität, wenn es darum geht, aktuelle Tendenzen zu beschleunigen.

Interessanter ist da schon, dass Spielbanken diesen Absturz überstanden haben und hier zum Symbol von Elite und krimineller Machenschaften werden. Und auch eine spätere Wendung fällt positiv auf. Leider begnügt sich Yoon aber damit, diese Umstände kurz zu skizzieren, anstatt sie wirklich auszuarbeiten und zu einer tatsächlichen Anklageschrift zu entwickeln. Gleiches gilt für die Figuren, die zwar große Träume vor sich herschieben, ohne dabei selbst nennenswert in Erscheinung zu treten. Das muss nicht zwangsweise zu einem Problem werden, wie die zweite Hälfte des Films beweist, wenn die im Titel angekündigt Jagd dann endlich mal beginnt. Da bleibt eh nicht mehr Zeit, über Geschichte und Charaktere nachzudenken.

Audiovisuell brillante Menschenjagd
Nur braucht Time to Hunt, das auf der Berlinale 2020 Weltpremiere hatte, eben wahnsinnig lange, bis es endlich mal an dem Punkt ankommt. Natürlich ist man zuvor nicht untätig. Da wäre vor allem der Überfall an sich, der einen beschäftigt. Aber auch die Reaktionen der Bestohlenen lassen nicht lange auf sich warten und versprechen einen Blick in tiefste Abgründe. Ansonsten wird aber viel gesprochen, ohne wirklich etwas Relevantes dabei zu sagen. Die Dialoge sollen zwar dafür sorgen, dass uns die Figuren und ihre Situationen näherkommen. Das klappt aber nicht wirklich. Jedes Mal, wenn Yoon versucht tiefgründig zu werden, steht der Film auf der Stelle, kommt einfach nicht in die Gänge.

Ist die Jagd eröffnet, fährt Time to Hunt doch noch zur Höchstform auf. Auffallend ist hier neben dem Sounddesign gerade die besondere Farbgebung, die den Orten immer etwas Unwirkliches verleiht. Da den Film über zudem kaum ein Mensch zu sehen ist, wir uns überwiegend an verlassenen Plätzen aufhalten, kommt eine schöne surreale Endzeitstimmung auf. Und auch die eine oder andere Kameraeinstellung trägt dazu bei, dass der Thriller audiovisuell durchaus in Erinnerung bleibt. Mit den obigen Kollegen kann er es trotz allem nicht aufnehmen, dafür hätte er entweder gestrafft oder vertieft werden müssen. Aber es bleibt doch eine recht spannende Jagd, mit der man sich zu Hause gut die Zeit vertreiben kann.

Credits

OT: „Sa-nyang-eui-si-gan“
Land: Südkorea
Jahr: 2020
Regie: Sung-hyun Yoon
Drehbuch: Sung-hyun Yoon
Musik: Primary
Kamera: Won-geun Lim
Besetzung: Je-hoon Lee, Jae-hong Ahn, Woo-shik Choi, Jeong-min Park, Hae-soo Park

Bilder

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Time to Hunt
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Time to Hunt
Drei junge Kriminelle rauben eine Spielbank aus und werden im Anschluss von deutlich erfahreneren Verbrechern gejagt. „Time to Hunt“ braucht recht lange, um mal in die Gänge zu kommen, und arbeitet sein dystopisches Szenario nicht genügend aus. Die zweite Hälfte ist dafür gut spannend und bleibt vor allem für die audiovisuelle Umsetzung in Erinnerung
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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