Inhalt / Kritik

Schwarm der Schrecken La Nuée The Swarm Netflix

„Schwarm der Schrecken“ // Deutschland-Start: 6. August 2021 (Netflix)

Virginie (Suliane Brahim) war fest von ihrer Geschäftsidee überzeugt, auf dem Land mit ihren Kindern Laura (Marie Narbonne) und Gaston (Raphael Romand) Heuschrecken zu züchten und diese als Nahrungsmittel zu verkaufen, sei es pur oder zu Mehl verarbeitet. Doch so sehr sie sich anstrengt und so viel Hilfe sie von Karim (Sofian Khammes) erhält, sie kommt einfach auf keinen grünen Zweig. Die Ausbeute ist mau, sie bekommt einfach nie genug zusammen, um davon leben zu können. Das führt immer wieder zu Konflikten mit Laura, die aufgrund der ungewöhnlichen Arbeit ihrer Mutter immer wieder von den anderen Jugendlichen gehänselt wird und sich nach einem normalen Leben sehnt. Tatsächlich ist Virginie schon drauf und dran alles hinzuschmeißen, als sie per Zufall eine Möglichkeit findet, die Heuschreckenzucht zu steigern. Doch der Preis hierfür ist hoch …

Die unscheinbare Gefahr

Auch wenn eine einzelne Heuschrecke nicht sonderlich gefährlich aussieht, werden sie in Massen doch zu einem kaum zu bändigenden Feind. Nicht ohne Grund gehören sie zu den zehn biblischen Plagen. Und auch heute noch sind sie ein ernstes Problem, wie einige Länder in Afrika und Pakistan feststellen mussten. So fielen allein in Kenia mehrere hundert Millionen Exemplare über das Land her, fraßen alles weg, das sie finden konnten, bevor sie weiterzogen. Insofern ist es eigentlich naheliegend, dass mit dem Netflix-Titel Schwarm der Schrecken dann auch das Horrorgenre diese Insekten für sich entdeckt, mit deren Zerstörungswut es kaum eine andere Tierart aufnehmen kann.

Wobei der Film nicht wirklich vergleichbar zu Arachnophobia oder vergleichbaren Creature Horror Titeln ist. Zu Beginn geht von den Tieren keinerlei Gefahr aus, es gibt keinen Vorfall, der das Gegenteil andeuten würde. Stattdessen konzentriert sich Schwarm der Schrecken lange auf die menschlichen Figuren, beschreibt ihre Verhältnisse untereinander sowie die Situation der Familie. Die ist alles andere als glücklich. Die Art und Weise, wie die alleinerziehende Mutter verzweifelt um das Überleben der drei kämpft, ist einem Sozialdrama deutlich näher als einem „echten“ Genrefilm. Kein Wunder also, dass der Titel ursprünglich in der Critics’ Week der Filmfestspiele von Cannes 2020 Premiere haben sollte, wäre Corona nicht gewesen.

Eile mit Weile

Für Horrorfans bedeutet das konkret, dass man hier mindestens ein Drittel des Films abwarten muss, bis überhaupt mal eine Genrerichtung eingeschlagen wird. Manche werden zu dem Zeitpunkt längst abgeschaltet haben. Und selbst wer so lange durchhält, braucht im Anschluss eine größere Geduld: Schwarm der Schrecken bleibt bei einer recht langsamen Erzählweise, verlässt sich mehr auf die unheilvolle Stimmung als auf tatsächlichen Schrecken. Regisseur Just Philippot verzichtet darauf, die unausweichlichen Angriffe der Heuschrecken explizit zu zeigen. Dann und wann werden wir mit den Folgen ihrer Fresslust konfrontiert. Ansonsten überlässt er es lieber dem Publikum, sich das Grauen im Kopf auszumalen.

Das ist natürlich vor allem bei Zuschauern und Zuschauern effektiv, denen schon die bloße Vorstellung von unzähligen herumwuselnden Insekten Alpträume erzeugt. Zumal es Philippot gelingt, die Bedrohung tatsächlich spürbar zu machen. Sind die Viecher erst einmal entfesselt, dann gibt es in Schwarm der Schrecken kein Entkommen. Wobei der noch größere Schrecken letztendlich von Virginie ausgeht, die in ihrer Verzweiflung eine verstörende Entwicklung durchmacht, dabei nach und nach die Kontrolle verliert. Das ist packend von Suliane Brahim (Black Spot) gespielt, wenn ihre Figur eine ambivalente Zwischenstufe von Opfer und Täter einnimmt. Wer sich nicht an dem geringen Tempo oder der fehlenden Explizität stört, der findet hier einen etwas anderen Genrevertreter, der vielleicht keine Panikattacken auslöst, aber doch eine beständige Anspannung verursacht.

Credits

OT: „La Nuée“
IT: „The Swarm“
Land: Frankreich
Jahr: 2020
Regie: Just Philippot
Drehbuch: Jérôme Genevray, Franck Victor
Musik: Vincent Cahay
Kamera: Romain Carcanade
Besetzung: Suliane Brahim, Sofian Khammes, Marie Narbonne, Raphael Romand

Bilder

Trailer

Filmfeste

Cannes 2020
Sitges 2020

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Schwarm der Schrecken
„Schwarm der Schrecken“ beginnt als Sozialdrama um eine alleinerziehende Mutter, die mit ihrer Heuschreckenzucht nicht vorankommt, bis sie zufällig eine Lösung findet und damit eine Horrorrichtung einschlägt. Das fängt langsam an, wird auch später nie wirklich explizit. Die unheilvolle Stimmung und die erschreckende Wandlung der Protagonistin machen dies aber wieder wett.
7von 10
Leserwertung: (53 Votes)
2.7

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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