Inhalt / Kritik

Kein Friede den Toten El Inocente Netflix Mario Casas

„Kein Friede den Toten“ // Deutschland-Start: 30. April 2021 (Netflix)

Eigentlich hatte der Jurastudent Mateo Vidal (Mario Casas) eine glänzende Zukunft vor sich. Bis zu jenem Abend, als in einem Club ein Streit ausbrach und es zu einem Handgemenge kommt. Am Ende ist einer der jungen Männer tot, Mateo muss wegen fahrlässiger Tötung für vier Jahre ins Gefängnis. Und das ist nur einer von mehreren Schicksalsschlägen, die ihn heimsuchen, sowohl während seiner Zeit hinter Gittern wie auch danach. Das soll nun ein Ende haben, er ist glücklich mit Olivia (Aura Garrido) verheiratet. Selbst ein erstes Kind ist bereits auf dem Weg. Doch die Schatten der Vergangenheit sind lang, wie er immer wieder feststellen muss. Das gilt nicht nur für seine eigenen, sondern auch für seine Frau, die ihre ganz eigenen Geheimnisse mit sich herumträgt. Während Mateo nach der Wahrheit sucht, was Olivia hinter seinem Rücken tut, kreuzt sich sein Weg mit dem der Polizeikommissarin Lorena Ortiz (Alexandra Jiménez), die in einem rätselhaften Selbstmordfall ermittelt …

Spannende Wendungen

Unter Genrefans hat sich der spanische Regisseur Oriol Paulo in den letzten den Ruf eines wahren Twist-Meisters erworben. Ob nun The Body – Die Leiche, Der unsichtbare Gast oder zuletzt Parallelwelten, der Filmemacher hat sich auf Thriller spezialisiert, die man mit gutem Recht in die Mindfuck-Schublade legen darf. Immer wieder kommt es in seinen Werken zu unvorhergesehenen Wendungen oder wird mit eigenartigen Szenarien konfrontiert. Wer gerne rätselt, kommt dabei auf seine Kosten. Bis zum Schluss weiß man meist nicht, was gespielt wird. Die eine oder andere Frage bleibt oft selbst dann noch offen. Glaubwürdig ist das dabei zwar eher nicht, spannend aber schon.

Als bekannt wurde, dass ausgerechnet Paulo einen Roman von Harlan Coben als Netflix-Serie adaptiert, durfte man gleich doppelt neugierig sein. Schließlich ist der US-amerikanische Autor – bekannt etwa durch die Netflix-Titel Ich schweige für dich und Das Grab im Wald – selbst jemand, der düstere Geschichten schreibt, bei denen einem vor lauter geschlagener Haken schon einmal schwindlig werden kann. Kein Friede den Toten enttäuscht in der Hinsicht auch nicht. In den ersten paar Minuten kommt es, dank eines im Rückblick erzählten Zeitraffers, zu so vielen dramatischen Wendepunkten, wie sie andere über mehrere Stunden einsetzen. Doch das ist nur der Einstieg. Wer angesichts der hohen Frequenz zu Beginn befürchtet, dass da nicht mehr viel kommen wird, der wird bald eines Besseren belehrt.

Was wird hier gespielt?

Tatsächlich dauert es bei Kein Friede den Toten sogar eine Weile, bis überhaupt klar wird, was genau denn nun die Geschichte sein soll. Während der Einstieg impliziert, dass die Serie von Mateo handelt und den Folgen seiner Tat, rückt später Olivia in den Mittelpunkt – und einer eigenen Vorgeschichte, die überhaupt nichts mit Mateo zu tun hat. Und als wären die beiden Hauptpunkte nicht schon genug, tauchen am Rand immer mehr Figuren auf, immer mehr rätselhafte Vorfälle wie der Selbstmord einer Nonne, die erwartungsgemäß mehr sein wird als nur eine Nonne. Natürlich geschieht nichts davon zufällig. Alle Nebenschauplätze sind miteinander verbunden, selbst wenn man anfangs keinen blassen Schimmer hat wie. Erst nach und nach werden diese Querverbindungen deutlich.

Das könnte für manche etwas anstrengend sein. Nicht nur, dass Paulo ständig zwischen den verschiedenen Figuren hin und her springt – alle acht Folgen haben zu Beginn den Monolog einer Figur, die über ihr Leben sinniert –, auch Zeitsprünge sind an der Tagesordnung. Zeitweilig werden die so umfangreich, dass die Gegenwart in Vergessenheit gerät. Das wäre sicher auch etwas organischer gegangen. Aber es funktioniert: Das Publikum erlebt bei Kein Friede den Toten eine inhaltliche und emotionale Achterbahnfahrt, bei der man sich im Vorfeld nie ganz sicher sein kann, wo man am Ende rauskommt. Nicht einmal bei den Figuren ist man rundum überzeugt, da praktisch jeder irgendwelche Geheimnisse mit sich herumträgt.

Nicht glaubwürdig, aber unterhaltsam

Ansprüche an die Glaubwürdigkeit sollten dabei wie schon bei den anderen Titeln vorab möglichst begraben werden. Das ist schon alles ziemlich überzogen, etwa bei den gelegentlichen Actionszenen. Aber es unterhält, wie die Leute hier durch die Gegend laufen, ihre Ziele verfolgen und sich dabei gegenseitig regelmäßig in den Rücken fallen. Es ist auch gut gespielt: Man bringt beinahe allen Figuren hier ein gewissen Grundmisstrauen mit. Mario Casas wechselt inzwischen so oft vom Protagonisten zum Antagonisten, dass man nie weiß, was er als nächstes spielt. Seiner Filmpartnerin Aura Garrido (Die Stille des Todes) gelingt es ebenfalls, beim Publikum Zweifel zu säen, wer ihre Figur ist und was sie will. Ganz schafft es Kein Friede den Toten nicht, diese Ambivalenz durchzuhalten. Eigentlich wird zu früh schon klar, was gelaufen ist. Dennoch: Wer temporeiche Verwirrspiele mag, für den vergehen die rund acht Stunden hier wie im Flug.

Credits

OT: „El inocente“
Land: Spanien
Jahr: 2021
Regie: Oriol Paulo
Drehbuch: Guillem Clua, Oriol Paulo, Jordi Vallejo
Vorlage: Harlan Coben
Kamera: Bernat Bosch
Besetzung: Mario Casas, Alexandra Jiménez, Aura Garrido, José Coronado, Martina Gusmán, Juana Acosta, Gonzalo de Castro, Ana Wagener, Miki Esparbé

Bilder

Trailer

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Ihr seid mit Kein Friede den Toten schon durch und braucht Nachschub? Dann haben wir vielleicht etwas für euch. Unten findet ihr alle Netflix-Titel, die wir auf unserer Seite besprochen haben.

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3.6/5 - (19 votes)
Kein Friede den Toten
„Kein Friede den Toten“ zeigt ein Ehepaar, das auf verschiedene Weisen von einer düsteren Vergangenheit eingeholt wird. Die wendungsreiche Romanadaption ist sicherlich alles andere als glaubwürdig, verrät zudem einige Geheimnisse schon zu früh. Insgesamt macht die Serie aber Spaß, zumal es dem Ensemble gut gelingt, das Publikum im Unklaren zu lassen, wer die Figuren wirklich sind und was sie vorhaben.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. kopfüber

    Leider eine ausgesprochene Billigproduktion. Die meisten Szenen sind unglaublich schlecht mit den szenisch erkennbaren Lichtquellen ausgeleuchtet.
    Die Einstellungen sind dementsprechend nichtssagend, bestenfalls profan. Im Stakkato hoppelt man durch Schnitte, die nach dem Muster eines Tennisspiels die Seiten wechseln. Mal schaut man ins Glas eines Protagonisten oder starrt auf sinnlos drapierte Gegenstände wie die abgelegte Brille von Candice, die die Verinnerlichung ihrer Rolle symbolisieren soll.
    Die sinnschwangeren Symbolismen ziehen sich so konsequent durch die Staffeln wie die flachen Dialoge.

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