Chilling Adventures of Sabrina Netflix

„Chilling Adventures of Sabrina – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 26. Oktober 2018 (Netflix)

Sabrina Spellman (Kiernan Shipka) ist eine ganz normale Jugendliche. So scheint es zumindest. Nach dem Tod ihrer Eltern lebt sie mit ihren Tanten Hilda (Lucy Davis) und Zelda (Miranda Otto) sowie ihrem Cousin Ambrose (Chance Perdomo), sie geht ganz normal zur Schule, durchlebt mit ihrem Freund Harvey Kinkle (Ross Lynch) ganz normal die Freuden und Ängste einer ersten Liebe. Und wenn doch mal etwas nicht ganz funktioniert, hat sie immer noch ihre Freundinnen, die ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen. Man erzählt sich alles, wie beste Freundinnen das nun mal tun. Fast alles. Eine Sache verheimlicht ihnen Sabrina schon: Sie ist halb Mensch, halb Hexe und steht kurz davor, einen Bund mit dem Teufel einzugehen. Darauf hat sie sich lange vorbereitet, ist bereit, ihr sterbliches Leben hinter sich zu lassen – bis ihr Zweifel kommen.

Vor zwei Wochen startete Netflix mit Spuk in Hill House eine Serie, die wie kaum eine Horrorserie zuvor glühende Verehrer fand. Manch einer ließ sich sogar dazu hinreißen, von der ersten großartigen Horrorserie überhaupt zu reden. Und schon folgt der Streaminggigant mit einem zweiten düsteren Werk, das dem inhouse-Kollegen in mancher Hinsicht den Rang abläuft und sicher eine Reihe von Diskussionen anstoßen wird, welchem von beiden denn nun die Genrekrone zusteht. Denn auch das heiß ersehnte Chilling Adventures of Sabrina ist teuflisch gut geworden. Und mindestens ebenso kontrovers.

Aus Spaß wurde Ernst
Eines der vorab am meisten diskutierte Themen war, ob Sabrinas schwarzer Kater Salem sprechen kann oder nicht. Wo in Sabrina – Total verhext! vor über 20 Jahren der treue Vierbeiner dank seiner bissigen Kommentare zu einem der Stars der Serie wurde, da war er hier in den Trailern verdächtig stumm. Und das ist nicht der einzige Punkt, wo sich die beiden Produktionen deutlich unterscheiden. War die erste Adaption des Comics aus den 1960ern eine Sitcom, bei der Magie oft kuriose Auswirkungen hatte, da orientiert sich Chilling Adventures of Sabrina an der gleichnamigen Comic-Auflage von 2014. Und die ist deutlich düsterer.

Und das gilt dann auch für die Netflix-Variante. Hier darf ein Teufel noch wirklich teuflisch sein, die Zuschauer in einen Albtraum stürzen, aus dem es kein Erwachen gibt. Bemerkenswert daran ist, dass dies Chilling Adventures of Sabrina gelingt, ohne ihn groß zeigen zu müssen. Er ist die unheimliche Eminenz, über die gewispert wird, die angebetet wird und sich doch so gut wie nie zeigt. Braucht er aber auch nicht, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Richard Coyle als Hohepriester des Dunklen und Michelle Gomez als verschlagene Hexe, die im Hintergrund die Fäden zieht, haben auch so genügend dämonische Präsenz.

Allgemein ist die fantastische Besetzung eine der ganz großen Stärken der Serie. Kiernan Shipka und Ross Lynch geben ein süßes Highschool-Paar ab, mit all den rührenden bis kitschigen Momenten einer ersten Liebe, den schwierigen Phasen des Erwachsenwerdens. Gleichzeitig dürfen sie aber auch die Abgründe wiederverwenden, die sie in ihren vorherigen Filmen schon bewiesen haben: Shipka spielte in Die Tochter des Teufels schon einmal eine Schülerin mit dämonischen Neigungen, Lynch verkörperte in My Friend Dahmer den berüchtigten Serienmörder Jeffrey Dahmer. Aber auch die zweite Reihe überzeugt. Wunderbar ist beispielsweise die Besetzung der beiden Tanten. Davis wird als komisch unbeholfene, jedoch gut meinende Hilda zu einem echten Szenendieb, Otto gibt die eisige Verfechterin der dunklen Lehre.

Eine Abrechnung mit alten Regeln und Rollenmustern
Gerade letzter Punkt dürfte für eine zweite hitzige Diskussion sorgen: Chilling Adventures of Sabrina ist für Christen teils schwer zu schlucken. Immer wieder baut Roberto Aguirre-Sacasa, der die neue Comicfassung schrieb und auch die Serienadaption entwickelte, unverhohlene Kritik am Christentum ein. Die können teils lustiger Natur sein, wenn dessen Gott als falscher Gott verspottet wird – ein bissiger Seitenhieb auf den Alleinanspruchsgedanken der Religion. Gleichzeitig offenbaren sich hier im Laufe der zehn Folgen aber auch jede Menge Gemeinsamkeiten zwischen der Kirche der Nacht und der der Menschen. Eine davon: der Umgang mit Frauen. Die sind hier nur Kreaturen zweiter Klasse, die sich völlig dem Mann hinzugeben haben, oft nicht mehr als ein Objekt mit einer Funktion sind. Und das in mehrfacher Hinsicht, von der Brutmaschine bis zur Befriedigung anderweitiger Gelüste.

Chilling Adventures of Sabrina ist daher nicht nur deutlich abgründiger als die harmlose Sitcom-Vorfahrin. Sie hat auch deutlich mehr zu sagen: Der Aufstand der Halbhexe gegen alte Traditionen ist Horror, ist teils bewegendes Drama, ist aber eben auch Gesellschaftskommentar. Eine Serie, die von dem Geist von #MeToo beseelt ist, die Unterdrückung der Frau ebenso verteufelt wie Rassismus und eine Bevormundung durch eine organisierte Religion und auch sonst jede Menge einbaut, was konservative Kräfte in den USA Sturm laufen lassen dürfte. Sabrinas Cousin Ambrose ist schwarz und pansexuell, die eine Freundin (Lachlan Watson) ebenfalls schwarz, die andere (Jaz Sinclair) entzieht sich Geschlechteridentifikationen. Und auch die Weird Sisters, ein Trio von Hexen-Antagonistinnen, ist bunt gemischt. Die Geschichte um Sabrina ist daher gleich in mehrfacher Hinsicht spannend: als reine Horrorgeschichte und als liberales Zeitdokument, das sicher nicht immer subtil ist, dafür aber verflucht unterhaltsam.

Chilling Adventures of Sabrina – Staffel 1
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Chilling Adventures of Sabrina – Staffel 1
Wer nur die „Sabrina“-Sitcom aus den 90ern/00ern kennt, der wird hier große Augen machen: „Chilling Adventures of Sabrina“ ist deutlich düsterer als die Vorfahrin, dabei dank diverser gesellschaftlicher Themen auch deutlich progressiver. Aber auch der Unterhaltungsfaktor stimmt, nicht zuletzt dank einer fantastischen Besetzung, die sowohl die albtraumhaften wie die komischen Momente beherrscht.
8von 10

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