Der Junge der den Wind einfing The Boy Who Harnessed the Wind Netflix

„Der Junge, der den Wind einfing“ // Deutschland-Start: 1. März 2019 (Netflix)

William Kamkwamba (Maxwell Simba) ist ein äußerst wissbegieriger 14-Jähriger, der in einem kleinen Dorf in Malawi lebt und schon immer eine Schwäche dafür hatte, an elektronischen Geräten herumzubasteln. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihm. Geld ist in seiner Familie knapp, so knapp, dass sein Vater Trywell (Chiwetel Ejiofor) bald nicht mehr das Schulgeld bezahlen kann. Aber auch das Dorf hat jede Menge Probleme: Erst wird es von einer Überschwemmung heimgesucht, danach von einer Dürre. Es ist weit und breit nicht mehr genügend Essen da, um noch alle ernähren zu können. Da hat der einfallsreiche William eine Idee …

Was macht ein Schauspieler, der bei seiner Arbeit – zumindest künstlerisch – schon fast alles erreicht hat? Richtig, er versucht sich als Regisseur. Der für einen Oscar nominierte Chiwetel Ejiofor (12 Years a Slave) ist das neueste Beispiel einer langen Liste an Darstellern, die weitergehende Ambitionen hegen. Für sein Debüt suchte sich der in Nigeria geborene Brite ein Thema aus, das wie gemacht ist für einen Film. Ein Junge aus ärmsten Verhältnissen, der seine Familie, sogar sein ganzes Dorf rettet? Da werden die Augen ja schon feucht, noch bevor der Film überhaupt angefangen hat.

Die lange, bittere Vorgeschichte
Dabei nimmt diese Rettungstat, dem Titel zum Trotz, in Der Junge, der den Wind einfing nur einen sehr kleinen Teil ein. Wichtiger war es Ejiofor, der auch das Drehbuch schrieb, die Umstände des Jungen aufzuzeigen. Material dafür gab es reichlich, die Grundlage für den Netflix-Film lieferte das gleichnamige Buch, in dem der tatsächliche William Kamkwamba seine Lebensgeschichte festhielt. Entsprechend viele Details finden sich auch in dem Film wieder, die weniger mit den Errungenschaften des Jungen zu tun haben, sondern vielmehr die Lebensbedingungen aufzeigen.

Die sind ausgesprochen bitter. Das Geld ist von Anfang an knapp, später kommt der Essensmangel hinzu, mit für uns unvorstellbaren Konsequenzen. Die einzige Hoffnung, aus der Misere ausbrechen zu können, ist Bildung. Das wird in Der Junge, der den Wind einfing von Anfang an betont, ist so etwas wie der rettende Hoffnungsschimmer in den finsteren Zeiten. Dass ausgerechnet das aber wieder an den fehlenden Finanzen scheitert, ist doppelt bitter, ein Teufelskreis aus Armut entsteht, aus dem sich niemand mehr aus eigener Kraft befreien kann. Hilfe von außen fehlt zudem, eine besonders perfide Situation zeigt, dass die wenigen, die etwas haben – Stichpunkt Politiker – alles dafür tun, dass sie die Ausnahme bleiben. Notfalls mit Gewalt.

Zwischen Licht und Schatten
Was anfangs noch wie ein Jugendfilm wirkt, der mal wieder die Geschichte eines Jungen erzählt, der über sich hinauswächst, wird so auch zu einem Gesellschaftsporträt. Zu einer Anklage. Aber eben auch zu einem Plädoyer. Der Junge, der den Wind einfing, das auf dem Sundance Film Festival 2019 debütierte, ist ein in mehrfacher Hinsicht aufbauender Film, der einerseits das System kritisiert, doch aber zeigt, wie Einzelne etwas bewegen können. Wortwörtlich.

Das kommt glücklicherweise ohne den Kitsch aus, den eine solche Geschichte oft mit sich bringt. Ejiofor hat zwar die Tricks von Hollywood gelernt und weiß diese anzuwenden, ohne aber zu sehr darauf zurückzugreifen. Was Der Junge, der den Wind einfing fehlt, ist der Do-it-yourself-Charme, den andere afrikanische Filme zuletzt hatten (Supa Modo, Rafiki). Dafür ist das hier zu professionell, zu ausgefeilt, manchmal vielleicht auch ein klein wenig glatt. Aber es ist eben auch beeindruckend gespielt, nicht nur von durch Ejiofor. Gelungen ist sein Debüt deshalb auf alle Fälle: Der Junge, der den Wind einfing erzählt eine Geschichte, die uns einerseits hierzulande fremd ist, dabei aber gleichzeitig so universell, dass man bei ihr mitfiebern kann.

Der Junge, der den Wind einfing
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Der Junge, der den Wind einfing
Mit „Der Junge, der den Wind einfing“ ist Chiwetel Ejiofor ein sehenswertes Regiedebüt gelungen. Die wahre Geschichte eines afrikanischen Jungen, der sein Dorf rettet, ist gleichzeitig bitteres Gesellschaftsporträt und aufbauendes Plädoyer. Das Drama findet dabei auch eine insgesamt schöne Mitte aus Authentizität und Professionalität, getragen von beeindruckenden Schauspielleistungen.
7von 10

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