Us and Them
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Us and Them

„Hòulái de Womén“, China, 2018
Regie: Rene Liu; Drehbuch: Rene Liu, Yu Pan, Yuan Yuan, Chien-Chi Chen
Darsteller: Boran Jing, Dongyu Zhou

Us and Them
„Us and Them“ ist seit 21. Juni 2018 auf Netflix verfügbar

Xiaoxiao (Dongyu Zhou) mag es kaum glauben, als sie über Neujahr unterwegs ist und dabei ausgerechnet Lin Jianqing (Boran Jing) über den Weg läuft. Denn so waren sie sich damals auch schon das erste Mal begegnet: in einem Zug zu Neujahr, Xiaoxiao hatte gerade ihr Zugticket verloren. Die beiden kamen sich rasch näher, wurden Freunde, irgendwann auch mehr als das. Bis es wieder vorbei war, der Traum von der großen romantischen Beziehung geplatzt. Aber wie kam das eigentlich? Was ist damals schiefgelaufen?

Ein bisschen gemischt ist die Freude ja schon. Auf der einen Seite ist es schön, dass Netflix Anhängern des asiatischen Kinos immer wieder kleine Geschenke von der filmischen Weltreise mitbringt. Schade ist jedoch, dass die Amerikaner damit zwar ihr Portfolio erweitern, sie aber offensichtlich so wenig Erwartungen darin haben, dass Synchronisierungen offensichtlich kein Thema sind – siehe zuletzt Telekinese und Notwehr, siehe jetzt auch Us and Them. Dabei hätte gerade Letzteres durchaus Potenzial dafür, ein größeres Publikum anzusprechen. Nicht nur, dass das chinesische Drama in seiner Heimat ein Kassenschlager wurde, der mehr als 200 Millionen Dollar einspielte. Es ist zudem so universell, dass sich auch Zuschauer aus allen anderen Ecken dieser Welt darin wiederfinden können.

Der alljährliche Wahnsinn
Der Anfang von Us and Them ist jedoch erst einmal typisch chinesisch. Dass sich größere Menschenmassen über die Feiertage auf den Weg machen, um entweder in die Heimat zu fahren oder auch Verwandte und Freunde zu besuchen, das kennen wir auch hierzulande. Die Ausmaße jedoch, die das Ganze im Reich der Mitte annimmt, die sind dann aber doch einmalig. Das komplette Land scheint dann auf den Beinen zu sein, auf Rädern oder sonstigen Fortbewegungsmitteln, der Versuch durch die Horden an Passagieren zu kommen, gleicht einem Abenteuer. Wenn der Film dieses Chaos zum Auftakt nimmt, um zwei Menschen näherkommen zu lassen, dann ist das naheliegend, wenn auch nicht übermäßig originell.

Originell ist dafür aber, was die taiwanesische Sängerin und Schauspielerin Rene Liu in ihrem Debüt als Regisseurin daraus macht. Us and Them spielt in der Gegenwart nicht nur zu Neujahr und erzählt anschließend, wie sich die beiden an einem früheren Neujahr kennengelernt, später auseinandergelebt haben – ähnlich zum deutschen Kollegen Whatever Happens. Die komplette Geschichte blickt praktisch ausschließlich auf diese besondere Zeit im Jahr zurück, lässt die Beziehung der beiden Revue passieren, indem wir uns chronologisch von einem Neujahr zum nächsten hangeln.

Flüchtige Momente für die Ewigkeit
Konkret sieht das so aus, dass der Film zwischen der in Schwarzweiß gehaltenen Gegenwart und den farbigen Erinnerungen der beiden hin und her springt. Dass die Ausflüge in die Vergangenheit nur Momentaufnahmen sind, ist praktisch unvermeidbar. Und doch gelingt es Liu sehr schön damit, aus der Abfolge von Schnappschüssen das glaubwürdige Bild einer Beziehung zu basteln. Angefangen von den unsicheren ersten Annäherungen, über die frühen Szenen des Glücks bis hin zu der allmählichen Erkenntnis, dass das Zusammenleben nicht so ist wie von ihnen erhofft. Der Alltag ist nicht von rosa Wölkchen begleitet, sondern grauen Sorgen um Geld und Wohnung, von Vernachlässigung, verpassten Chancen, von Gleichgültigkeit.

Das Zusammenspiel von Boran Jing und Dongyu Zhou (The Thousand Faces of Dunjia) funktioniert dabei sehr gut. Sie geben ein süßes Paar ab, ein authentisches, zuletzt auch trauriges Paar. Charmant in der Unbeholfenheit, die Träume und die Realität in Einklang zu bringen. Der Blindheit für das, was um sie herum passiert. Aber eben auch tragisch in der Erkenntnis, dass Gefühle allein manchmal vielleicht nicht ausreichen. Hin und wieder neigt Us and Them dazu, ein bisschen dicker aufzutragen, gerade auch durch die musikalische Untermalung. Zum Glück behält das Drama meistens aber seine unaufgeregte Beiläufigkeit bei, wenn die gezeigten Momente für so viele im Leben der beiden stehen, für so viele auch im Leben des Publikums.



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„Us and Them“ blickt anlässlich einer späteren Zufallsbegegnung zweier Menschen auf deren Beziehung über die Jahre zurück – von den vorsichtigen Anfängen über glückliche Momente bis hin zur traurigen Trennung. Originell ist, dass dies anhand der verschiedenen Neujahrserinnerungen geschieht, die stellvertretend für die Entwicklung der beiden stehen. Das ist trotz des gelegentlichen Hangs zur Dramatisierung schön beiläufig und charmant.
8
von 10