Kritik

Salir del ropero So My Grandma’s a Lesbian! Netflix

„Salir del ropero“ // Deutschland-Start: 22. Januar 2021 (Netflix)

Sofía (Verónica Forqué) und Celia (Rosa María Sardà) sind schon ihr Leben lang gute Freundinnen – so dachten zumindest alle. Tatsächlich sind sie im Geheimen ein Liebespaar, haben sich dabei nie getraut, anderen von der Beziehung zu erzählen. Doch das soll nun ein Ende haben, vorbei mit den Versteckspielen. Sie wollen sogar heiraten, ganz offiziell! Für die Familie ist das ein ziemlicher Schock, nicht alle kommen damit wirklich klar. Vor allem Sofías Enkelin Eva (Ingrid García Jonsson) tut sich sehr schwer mit dieser Nachricht, schließlich steht sie selbst kurz davor, den Bund der Ehe einzugehen. Und da die Familie ihres künftigen Ehemanns sehr konservativ und versnobt ist auf keinen Fall mit einer solchen Verbindung einverstanden wäre, steht für Eva fest: Sie muss ihrer Oma die Hochzeit ausreden …

Man ist nie zu alt für ein Coming-out

Anders zu sein, das ist selbst in einer Zeit, in der das Individuelle vermeintlich gefeiert wird, nie ganz einfach. Denn auch wenn es zweifelsfrei viele Fortschritte gegeben hat bezüglich der Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Beziehungen, es gehört schon Mut dazu, sich vor anderen zu outen. Gerade junge Menschen, die sich selbst und ihren Platz auf der Welt noch nicht ganz gefunden haben, tun sich damit zuweilen schwer. Fast noch schlimmer aber ist es für Menschen, die ihr ganzes Leben lang „normal“ gelebt haben und ihrem Umfeld nun erklären müssen, dass sie eigentlich ganz anders sind – und gleichzeitig nicht. Wir beide zeigte vor einigen Monaten auf, wie groß Hemmungen in Hindernisse in einem solchen Fall sein können, wenn zwei Seniorinnen ihre verheimlichte Langzeitbeziehung öffentlich machen wollen.

Der Netflix-Film Salir del ropero erzählt eine im Grunde sehr ähnliche Geschichte. Auch hier sind es zwei Frauen in deutlich fortgeschrittenen Jahren, deren bekannte Freundschaft eigentlich immer mehr war und deren Liebe auf Ablehnung stößt. Während die französischsprachigen Kolleginnen dabei jedoch im Dramabereich verankert waren, da nimmt man das Problem in Spanien eher locker. Der Fall von zwei Omas, die auf einmal heiraten wollen und damit alle vor den Kopf stoßen, ist vielmehr als Komödie gedacht. Warum auch nicht? So ein angerichtetes Chaos kann etwas Befreiendes haben, öffnet Tür und Tor für die unterschiedlichsten Ausprägungen von Humor, von albern bis bissig.

Und wo ist der Witz?

Leider macht Salir del ropero aber viel zu wenig daraus. Wie beim thematisch verwandten Netflix-Film Omas Hochzeit, bei dem ebenfalls eine geplante Hochzeit die Familie empörte, fehlen irgendwie die Witze, die tatsächlich diese Bezeichnung auch verdienen. Man versuchte zwar, durch Überzeichnungen eine Form der Komik zu erzeugen. So ist praktisch jeder im Film irgendwie bescheuert, trägt Macken mit sich herum oder verhält sich eigenartig. Es gelingt Regisseur und Drehbuchautor Ángeles Reiné aber nicht, aus diesem Szenario tatsächlich herauszutreten. Der beste Einfall steckt schon im Titel, der ähnlich zum englischen „coming out of the closet“ aussagt, dass sich jemand outet, dabei aber ein falsches Möbelstück verwendet. Auf Deutsch funktioniert das natürlich nicht, weshalb „vom anderen Ufer“ als Running Gag zur „anderen Küste“ gemacht wird. Den Titel beließ man hingegen gleich auf Spanisch, womit man sich und dem hiesigen Publikum so oder so keinen Gefallen tat.

Der eher unglückliche Sprachmischmasch ist dabei aber eines der geringeren Probleme. Vielmehr gibt es einfach keine wirklichen Gründe, warum man dieser Familie tatsächlich folgen sollte. Nicht allein, dass die Figuren nicht witzig sind. Sie sind zudem ziemlich nichtssagend, teilweise sogar unsympathisch. Wenn Eva aus egoistischen Gründen die Hochzeit ihrer Großmutter verhindern will, dann macht sie das eigentlich eher zur Antagonistin. Salir del ropero kann sich dazu aber nicht durchringen, sondern zeigt stattdessen, wie sie und Jorge (David Verdaguer), der Sohn Celias, sich langsam näherkommen. Denn hat sie erst einmal den richtigen Partner, dann darf die Oma auch heiraten.

Zu viele Nebenschauplätze

Das ist nicht nur inhaltlich fragwürdig, sondern Teil eines weiteren Problems: Obwohl im Zentrum der Geschichte die beiden Damen stehen sollten, werden dauernd irgendwelche Nebenstränge verfolgt. Der Film spricht zwar davon, wie die Liebe der zwei Frauen für Turbulenzen sorgt. Die Liebe an sich kommt dabei jedoch zu kurz. Das ist auch deshalb schade, weil die Schauspielerinnen eigentlich sympathisch auftreten. Aufgrund des trotz allem wichtigen Themas sowie schöner Bilder von Lanzarote kann man sich Salir del ropero schon anschauen. Doch das Ergebnis ist so gehaltlos, dass es nicht einmal Lust darauf macht, sich darüber zu ärgern.

Credits

OT: „Salir del ropero“
IT: „So My Grandma’s a Lesbian!“
Land: Spanien
Jahr: 2019
Regie: Ángeles Reiné
Drehbuch: Ángeles Reiné
Musik: Lucas Vidal
Kamera: José Luis Alcaine
Besetzung: Rosa Maria Sardà, Verónica Forqué, Ingrid García Jonsson, David Verdaguer, Candela Peña, Mónica López

Trailer

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Salir del ropero
Zwei Seniorinnen, die seit Jahren heimlich liiert sind, wollen endlich heiraten, was bei der Familie auf wenig Gegenliebe stößt. „Salir del ropero“ hat eigentlich ein vielversprechendes Szenario. Am Ende wird aber viel zu wenig draus gemacht: Die Witze sind nicht vorhanden, das wichtige Thema wird lieblos beiseitegeschoben, die Figuren sind langweilig bis unsympathisch. Lediglich das Paar selbst und die schönen Bilder stimmen versöhnlich.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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