Kritik

Desperados Netflix

„Desperados“ // Deutschland-Start: 3. Juli 2020 (Netflix)

Wesley (Nasim Pedrad) hat gerade echt keinen Erfolg in ihrem Leben. Die Jobsuche ist eine einzige Katastrophe, als Vertrauenslehrerin fliegt sie schon, noch bevor sie überhaupt angefangen hat. Und auch das Date mit Sean (Lamorne Morris) war bereits nach wenigen Minuten vorbei. Doch dann scheint auch sie endlich mal das Glückslos gezogen zu haben, als sie Jared (Robbie Amell) über den Weg läuft, einem absoluten Traummann, bei dem alles so klappt, wie sie es sich immer erhofft hat. Dummerweise kommt es jedoch eines Tages zu einem Missverständnis, weshalb Wesley ihm in ihrer Wut eine bitterböse Mail schreibt. Die darf er unter keinen Umständen lesen, dessen ist sie sich bewusst. Und so bleibt ihr nichts anderes übrig, als gemeinsam mit ihren besten Freundinnen Brooke (Anna Camp) und Kaylie (Sarah Burns) nach Mexiko zu fliegen, um zu verhindern, dass er die Nachricht liest …

Was tut man nicht alles für die Liebe! Sich ein bisschen zum Affen machen, das gehört schon dazu, nicht nur um seine Gefühle zu beweisen, sondern auch dass man es wert ist. Außerdem: Wo wäre der Spaß, wenn eine sich anbahnende Beziehung so ganz ohne Hindernisse wäre? Seinen Traum muss man sich schließlich verdienen. Zumindest in Filmen ist das so. Aus gutem Grund: Wenn alles ganz einfach wäre, hätte niemand was zu erzählen, gäbe es keine Geschichte. Außerdem ist so eine Romanze natürlich befriedigender, wenn sie erkämpft wurde, man daran vielleicht etwas gewachsen ist. Neuestes Beispiel für diese Theorie: die Netflix-Komödie Desperados.

Auf der Suche nach der großen Liebe
Der Titel ist hier in zweifacher Hinsicht Programm. Die Protagonistin ist äußerst verzweifelt, muss sie doch unter allen Umständen verhindern, dass ihr Freund ihre Nachricht liest und damit herausfindet, wie sie wirklich tickt. Außerdem spielt der Film in Mexiko. Letzteres hat mit der Geschichte praktisch nichts zu tun, tatsächlich wurde der Ort dermaßen umständlich ins Spiel gebracht, dass man sich fragt: warum das Ganze? Vielleicht wollte man Desperados dadurch optisch ansprechender machen, wenn ein Großteil des Geschehens innerhalb eines schönen Hotels stattfindet und man das Liebeschaos mit etwas Urlaubsgefühl verbindet. Mit Delfinen im Meer auf Tuchfühlung zu gehen, das hat schon was. Oder der Dreh war dort günstiger und man wollte auf diese Weise etwas Geld sparen.

Schlimmer als diese Willkürlichkeit ist ohnehin, dass auch der Humor ausgesprochen billig ist. Schon die erste Szene, wenn sich Wesley bei einem Vorstellungsgespräch in einer religiösen Schule um Kopf und Kragen redet, verrät, dass man hier seine Erwartungen doch besser nach unten schrauben sollte. Die verschiedenen Möglichkeiten der Masturbation aufzuzählen, während man einer Nonne gegenüber sitzt, das ist weder besonders schlau, noch irgendwie komisch. Leider hat Drehbuchautorin Ellen Rapoport in der Hinsicht auch nicht wirklich mehr zu bieten, als in den unpassendsten Momenten irgendwo einen Hinweis auf Sex einzubauen. Oder auch mehrere, Wiederholungen gehören hier dazu. Das wird nicht ganz so grausam wie in anderen Netflix-Komödien wie Vater des Jahres oder The Wrong Missy, witzig ist das Ganze aber ebenfalls nicht.

Vergeudetes Talent
Das ist auch deshalb eine herbe Enttäuschung, weil Hauptdarstellerin Nasim Pedrad mit einem besseren Drehbuch durchaus komisch sein kann – siehe ihr Auftritt letztes Jahr in Aladdin. Zu selten bekommt sie jedoch die Gelegenheit, dieses Talent hier einmal auszuspielen. Stattdessen ist Wesley nur eine furchtbar nervige Figur, deren Tollpatschigkeit völlig frei jeglichen Charmes ist. Bei der man nicht weiß, weshalb es ihre Freundinnen Jahre lang mit ihr ausgehalten haben. Nicht dass der Rest voller Sympathieträger wäre. Desperados ist vollgestopft mit Leuten, die entweder oberflächlich oder sehr anstrengend sind, denen interessante Charaktereigenschaften fremd sind und die einen immer wieder zur Fernbedienung greifen lassen.

Dass Desperados – so viel Klischee muss sein – am Ende doch noch versöhnlich wird, die Figuren in fünf Minuten auf einmal zu besseren Menschen werden und eine große Liebe aus dem Quatsch wird, ist deshalb natürlich nicht erarbeitet. Man wollte einfach nur das Happy End, egal wie. Wem das „wie“ selbst völlig egal ist und nur eine Durchrausch-Komödie braucht, um sich abzulenken, bei der alles irgendwie gut geht, kann es hiermit versuchen. Ein bisschen Sympathiepunkte ist zudem wegen des Einsatzes für mehr Diversität drin. Von der bemerkenswert unsinnigen Geschichte einmal abgesehen gibt es aber keinen wirklichen Grund, sich ausgerechnet diese langweilige Liebeskomödie anschauen zu wollen, bei der weder Humor noch Herz wirklich mitmachen.

Credits

OT: „Desperados“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: LP
Drehbuch: Ellen Rapoport
Musik: Mateo Messina
Kamera: Tim Orr
Besetzung: Nasim Pedrad, Anna Camp, Sarah Burns, Lamorne Morris, Robbie Amell

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Desperados
4 (80%) 9 Artikel bewerten

Desperados
In „Desperados“ verschickt eine Frau aufgebracht eine Nachricht an ihren neuen Freund und versucht später, diese Nachricht wieder abzufangen. Die Geschichte ist bemerkenswert umständlich. Ansonsten ist die Liebeskomödie aber sehr langweilig, arbeitet mit billigstem Humor und Klischees, welche der Hauptdarstellerin keine Möglichkeit geben, ihr Talent auszuspielen.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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