Inhalt / Kritik

Gipfel der Götter The Summit of the Gods Le Sommet des Dieux Netflix

„Gipfel der Götter“ // Deutschland-Start: 30. November 2021 (Netflix)

Der Fotograf Fukamachi Makoto ist gerade in Nepal unterwegs, als ihm ein Fremder eine angeblich wertvolle Kamera verkaufen, geradezu aufdrängen will. Diese soll niemand Geringerem als George Mallory gehört haben, der als einer der ersten den Everest bestieg und dabei ums Leben kam. Doch Fukamachi lässt den Mann links liegen, will sich das Objekt nicht einmal anschauen. Kurze Zeit später stößt er erneut auf den Quälgeist, wie der gerade von jemandem anderen bedroht wird und am Ende die Kamera rausrückt. Diese andere, davon ist Fukamachi überzeugt, ist niemand anderes als der Bergsteiger Habu Jôji. Der bewies viel Talent, bis eines Tages ein Unglück geschah und er daraufhin spurlos verschwand. Wenn dieser so viel Interesse an der Kamera hat, kann das nur eines bedeuten: Es muss sich tatsächlich um die legendäre Kamera des Bergsteigers handeln und vielleicht die Antwort enthalten, was damals wirklich vorgefallen ist. Fasziniert von dem Gedanken macht sich Fukamachi auf die Suche nach Habu …

Die Faszination der Lebensgefahr

Das mit den gefährlichen Sportarten ist oft so eine Sache. Auf der einen Seite geht da schon eine gewisse Faszination von ihnen aus, der man sich als Zuschauer und Zuschauerin nicht entziehen kann. Gleichzeitig steht man dem Treiben fassungslos bis entsetzt gegenüber. Warum riskiert jemand sein Leben, wieder und wieder, und das ganz freiwillig? Besonders weit oben auf diese Ich-fass-es-nicht-Aktivitäten sind Extremvarianten des Bergsteigens. Die gefeierte Doku Free Solo ist in der Hinsicht gleichermaßen optischer Genuss und übelkeitserregender Irrsinn, wenn aus Lust und Tollerei an geraden Wänden herumgekraxelt wird, ohne sich zu schützen. Der Netflix-Film Gipfel der Götter stellt sich ebenfalls der Frage, weshalb jemand das alles auf sich nehmen sollte – aber auf eine ganz eigene Weise.

Anders der obige Titel ist das hier kein dokumentarisches Werk, in denen passionierte Bergsteigende Einblicke in ihre Himmelfahrtskommandos liefern. Stattdessen handelt es sich bei Gipfel der Götter um eine Comic-Adaption. Genauer stand ein Manga von Jiro Taniguchi und Baku Yumemakura Pate, der zwischen 2000 und 2003 veröffentlicht wurde und auch auf Deutsch vorliegt. Schon einmal wurde dieser verfilmt, 2016 unter der Regie deren Landmannes Hideyuki Hirayama. Dessen französischer Kollege Patrick Imbert startete nun einen erneuten Anlauf, das preisgekrönte Werk in Filmform wiederzugeben. Anders als die zuerst veröffentlichte Live-Action-Variante wählte er jedoch das Medium des Animationsfilms und bleibt damit natürlich der gezeichneten Vorlage optisch näher, als es eine reale Version ist.

Atemberaubende Aufnahmen zwischen real und surreal

Welche Darstellungsform die bessere ist in einem solchen Fall, darüber lässt sich natürlich streiten. Beide haben ihre eigenen Vor- und Nachteile. So ist es bei Gipfel der Götter natürlich schon gut, wenn sich niemand in Lebensgefahr begeben muss, um Aufnahmen der Berglandschaften zu drehen. Von dem Aufwand, durch die Weltgeschichte herumzudüsen ganz zu schweigen. Klar, auch bei Realfilmen kann da ein bisschen geschummelt werden, sei es unter Zuhilfenahme von Computern. Aber das ist schon mit hohem Aufwand verbunden, teils mit astronomischen Kosten, wenn es nicht billig aussehen soll. Gleichzeitig vermitteln reale Aufnahmen natürlich meist stärker das Gefühl, tatsächlich vor Ort zu sein und gemeinsam in mehreren Kilometern Höhe durch den Schnee zu stapfen. Man verliert sich hier schneller in den Bildern.

Doch die Gemeinschaftsarbeit der Animationsstudios Folivari (SamSam – Der kleine Superheld) und Mélusine Productions (Wolfwalkers) kann sich sehen lassen. Sicher, da gab es in dem Bereich schon flüssigere Animationen. Die Designs der Figuren sind eher unauffällig. Doch es gelingt Imbert und seinem Team, eine unglaubliche Atmosphäre zu kreieren und tatsächlich das Gefühl zu vermitteln, in dieser gleichermaßen verzaubernden wie unheimlichen Welt unterwegs zu sein. Das gilt auch in den Momenten, wenn sich Gipfel der Götter von dem Anspruch entfernt, eine realistische Szenerie zu zeigen, und sich in eine surrealere Wahrnehmung der Außenwelt begibt. Denn je weiter wir uns von den Menschen und ihren Behausungen entfernen, je näher wir der absoluten Natur kommen, umso fremder wird alles.

Fragen über Fragen

Der Inhalt kann mit der großartigen audiovisuellen Gestaltung nicht mithalten. Aber auch er hat einige interessante Aspekte zu bieten. Gipfel der Götter beginnt als eine Art Mysteryabenteuer mit Krimianleihen, wenn Fukamachi dem scheuen Bergsteiger nachjagt. Genauer besteht die Geschichte sogar aus zwei Spurensuchen. Zum einen geht es um die Frage, was mit Habu geschehen ist. Die andere betrifft Mallory und was sich auf dessen Kamera befindet. Auf diese Weise springt der Film von Ebene zu Ebene, arbeitet mit Flashbacks oder Erzählungen, um die Grenzen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart aufzuheben, ebenso die zwischen realen Ergebnissen und Kopfgeburten. Man sollte aber weder daran noch an die Auflösung allzu große Erwartungen haben. Das Abenteuerdrama, das bei den Filmfestspielen von Cannes 2021 Premiere feierte, geht zwar den Fragen nach, was geschehen ist und was diese Männer dazu veranlasst, auf die höchsten Berge zu klettern. Doch es bleibt diese Mischung aus Wundern und Entsetzen, das Gefühl, vor einer fremden Welt zu stehen, welche Normalsterblichen verschlossen bleibt.

Credits

OT: „Le Sommet des Dieux“
IT: „The Summit of the Gods“
Land: Frankreich, Luxemburg
Jahr: 2021
Regie: Patrick Imbert
Drehbuch: Patrick Imbert, Magali Pouzol, Jean-Charles Ostorero
Vorlage: Jiro Taniguchi, Baku Yumemakura
Musik: Amine Bouhafa
Animation: Folivari, Mélusine Productions

Bilder

Trailer

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Gipfel der Götter
In „Gipfel der Götter“ folgt ein Fotograf einem zurückgezogenen Bergsteiger, um das Geheimnis eines früheren Bergsteigers zu lüften. Das beginnt als interessantes Mysteryabenteuer, bevor es um die Frage geht, warum man überhaupt so hoch hinauswill. Vor allem die audiovisuelle Umsetzung des gleichnamigen Mangas macht den Animationsfilm aber zu einem Must-see.
8von 10
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9.3

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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