Kritik

The App Netflix

„The App“ // Deutschland-Start: 26. Dezember 2019 (Netflix)

Zur Zeit läuft es richtig gut für Niccolò (Vincenzo Crea). Er dreht seinen ersten Film, ist glücklich verliebt, endlich sieht es so aus, als hätte er sein Leben richtig in Griff. Doch dann bittet ihn seine Freundin (Jessica Cressy) eine neue Dating-App auf seinem Handy zu installieren, da sie seine Erfahrungen für ihre eigenen Forschungen braucht. Niccolò lässt sich darauf ein, wenn auch eher weniger begeistert. Es dauert jedoch nicht lange, bis sich eine gewisse Maria bei ihm meldet. Immer wieder sprechen die beiden miteinander, aus der anfänglichen Neugierde wird mehr, die Gefühle werden zunehmend stärker – ohne dass sie sich je gesehen hätten. Was eigentlich nur eine nette Spielerei hätte sein sollen, wird so bald zu einer echten Besessenheit …

Das Internet kann schon praktisch sein, kein Zweifel. Ob noch schnell die nächste Zugverbindung rausgesucht werden muss, man seine Einkäufe bequem von zu Hause aus erledigt oder man sich in einer fremden Stadt zurechtfindet, die Anwendungsgebiete sind grenzenlos. Doch kaum ein Bereich hat sich stärker verändert als der des Zwischenmenschlichen. Wir kommunizieren anders, schneller, direkter, können auf diese Weise zudem Leute kennenlernen, die wir im wahren Leben nie zu Gesicht bekommen würden – was Vorteile wie Nachteile mit sich bringt.

Und wer bist du?
Der Netflix-Film The App scheint zunächst vor allem diese Nachteile aufzeigen zu wollen. Wenn Niccolò von seiner neu installierten App geradezu verfolgt wird, sein Leben immer mehr von dieser fremden Frau dominiert wird, dann ist das alles andere als ein gutes Zeichen. Die Geschichte um einen jungen Mann und dessen gesichtslose (Un-)Bekannte gibt sich als einer dieser Stalking-Thriller, wo aus einem harmlosen Techtelmechtel bald mehr wird, bis es kein Zurück mehr gibt. Hinzu kommt, dass sowohl der Protagonist wie auch das Publikum diese Frau nie zu sehen bekommen. Hier mal ein Körperteil, dort mal eine Andeutung – das war es schon, allein die Stimme gibt Hinweise, wer da auf der anderen Seite des Bildschirms sein könnte.

Das macht natürlich schon neugierig, als Zuschauer würde man schon gerne wissen, wer diese Person denn nun ist. Eine Zeit lang erzeugt Regisseur und Co-Autor Elisa Fuksas auf diese Weise auch durchaus Spannung. Auf Dauer fehlt aber die Dringlichkeit. Das Gefühl der Bedrohung, welche solche Stalking- oder Mystery-Thriller normalerweise mit sich bringen, das gibt es hier nicht. Die Bedrohung kommt nicht von außen, sondern allenfalls von innen. The App zeigt, wie schnell man in einer digitalisierten Welt den Halt verlieren und sich vollkommen in etwas verrennen kann. Im Mittelpunkt steht also nicht die Technik an sich, sondern die Menschen, die letztendlich nicht mit ihr umgehen können.

Ja, schon, aber …
Das ist als Idee nicht uninteressant, da es das Publikum so ein bisschen auffordert, das eigene Verhalten zu überdenken. Die tatsächliche Umsetzung ist in The App jedoch leider sehr viel weniger packend. Zwar versucht Fuksas durch die Hintergründe von Niccolò und dessen Familie ein bisschen mehr Fundament für den Kontrollverlust zu schaffen. Das klappt nur nicht so wie erhofft, der junge Mann wächst einfach nicht zu einer Persönlichkeit heran, die einen irgendwie fesseln würde. Eine Hauptfigur, die einem egal ist, das ist für einen solchen Film natürlich unglücklich. Allenfalls die Szenen mit Niccolòs jüngerem Bruder bringen ein bisschen Leben hinein, selbst wenn die mit der App so gar nichts zu tun haben.

Erst zum Ende hin, wenn die Geschichte doch mal auf den Punkt kommt, wird mit der Thematik etwas Konkretes angefangen. Was zuvor noch die Thriller-Richtung war, wird nun zu einer ganz grundsätzlichen Überlegung zu Menschen und ihrer Beziehung zu Technik, aber auch zu unserer Sehnsucht nach Glück. Der Film hält dabei eine ungewöhnliche Balance aus Dystopie und Trost, will sich gar nicht festlegen, was gut, was schlecht ist. Doch das ist insgesamt zu wenig: Auch wenn einem nach The App sicher noch der eine oder andere Gedanke durch den Kopf schwirrt, hat das italienische Drama zu wenig zu sagen, selbst für eine knappe Laufzeit von nicht einmal 80 Minuten ist der Inhalt zu dünn, um den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Wer nachdenkliche, ruhige Stoffe mag, der sollte es lieber mit den Serien Ad Vitam: In alle Ewigkeit und Es war einmal ein zweites Mal versuchen.

Credits

OT: „The App“
Land: Italien
Jahr: 2019
Regie: Elisa Fuksas
Drehbuch: Elisa Fuksas, Lucio Pellegrini
Musik: Michele Braga
Kamera: Stefano Falivene
Besetzung: Vincenzo Crea, Jessica Cressy, Greta Scarano, Maya Sansa

Trailer



(Anzeige)

The App
3.89 (77.78%) 9 Artikel bewerten

The App
In „The App“ installiert ein junger Mann auf Bitte seiner Freundin eine Dating-App, die bald schon sein Leben dominiert. Das hat immer wieder Anleihen eines Mystery- bzw. Stalking-Thrillers, ist letztendlich aber mehr mit der Frage beschäftigt, wie wir mit Technik umgehen. Einige interessante Denkanstöße sind dabei, aber nicht genug, um damit die gesamte Laufzeit zu füllen.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.