Kritik

The Prom Netflix

„The Prom“ // Deutschland-Start: 11. Dezember 2020 (Netflix)

Der Schock sitzt groß bei Dee Dee Allen (Meryl Streep) und Barry Glickman (James Corden): Ihr neues Broadway-Stück ist ein riesiger Flop und wird von allen Kritikern verrissen. Klar ist, dass etwas geschehen muss und zwar dringend, um ihr Image aufzubessern und den drohenden Karriereknick zu verhindern. Dabei stoßen sie auf die Geschichte von Emma Nolan (Jo Ellen Pellman) und Alyssa Greene (Ariana DeBose), die in einer Kleinstadt in Indiana als lesbisches Pärchen auf ihren Abschlussball gehen wollen. Denn obwohl der Schuldirektor (Keegan-Michael Key) sie dabei unterstützt, will Alyssas Mutter (Kerry Washington), Leiterin des örtlichen Eltern-Lehrer-Verbands, dies unter allen Umständen verhindern und droht nun, den gesamten Abschlussball platzen zu lassen. Also schließen sich Dee Dee und Barry mit Angie Dickinson (Nicole Kidman) und Trent Oliver (Andrew Rannells) zusammen, die ebenfalls schon bessere Tage gesehen haben, um zu PR-Zwecken den Abschlussball zu retten …

Zwischen Glamour und Satire
Untätigkeit kann man Ryan Murphy sicherlich nicht vorwerfen – oder auch mangelnde thematische Vielfalt. So hat er zuletzt eine Politsatire entworfen (The Politician), eine romantische Vorstellung der alten Traumfabrik (Hollywood), zuletzt ging seine Thrillerserie Ratched an den Start über die Anfänge der sadistischen Krankenschwester. Nun kehrt er mit The Prom zum Showgeschäft zurück. Genauer adaptiert er mit seinem ersten Film seit zehn Jahren das gleichnamige Broadway-Musical, das 2018 trotz guter Kritiken, darunter sechs Nominierungen für den Tony Award, nicht wirklich Fuß fassen konnte und am Ende zu einem Verlustgeschäft wurde.

Ein solcher Quasi-Flop bietet sich normalerweise weniger an für eine Filmadaption, schließlich wollen die sich mit berühmten Namen und großen Erfolgen schmücken. Und doch wird schnell klar, warum Murphy an dem Stoff Gefallen fand. The Prom vereint diverse Themen, die immer wieder in seinen Werken auftauchen, indem er das Schillernde und das Satirische miteinander verbindet. Er kann gleichzeitig seiner Bewunderung für Glanz und Glamour ausleben und sich doch über Leute lustig machen. Außerdem kann der ebenfalls in Indiana geborene, offen homosexuelle lebende TV-Produzent und Regisseur sich für die Belange der LGBT-Community einsetzen und für mehr Offenheit und Toleranz werben.

Humorvolle Gute-Laune-Revue mit etwas Ernst
Der an und für sich schwere Stoff der Diskriminierung wird in The Prom aber in ein luftig-leichtes Kleid gehüllt. Tatsächlich dramatische Momente gibt es in dem Film zwar schon. Eine Szene, welche aufzeigt, wie allein und isoliert Emma an ihrer Schule ist, geht besonders zu Herzen. Die meiste Zeit über dominiert aber ein heiterer, humorvoller Ton. Das betrifft jedoch weniger die gemobbte Jugendliche als vielmehr die vier wohlmeinenden Fremden, die ihr helfen wollen – mit weniger altruistischen Hintergedanken natürlich. Tatsächlich macht sich der Film von Anfang an über das Quartett lustig, zeigt sie als egozentrische Opportunisten, für die das Image wichtiger ist als der Inhalt. Sympathisch ist das eher weniger, aber durchaus spaßig, auch weil die vier Stars mit viel Mut zur Hässlichkeit und Lächerlichkeit auftreten.

Gleichzeitig sind die starken Auftritte der gut gelaunten Stars aber auch ein Problem: The Prom verliert irgendwann die beiden Jugendlichen aus den Augen, um die es ja eigentlich in der Geschichte gehen sollte. Während der Film den Opportunismus des Quartetts klar anprangert, macht er sich desselben ebenfalls schuldig. Emma und Alyssa bekommen nie den Raum zur Entfaltung, der ihnen eigentlich zustehen sollte. Stattdessen wird die Gelegenheit genutzt, um den kriselnden Broadway-Importen noch eine eigene Entwicklung zuzugestehen, wenn sie im Laufe des Films lernen müssen, worauf es wirklich ankommt. Das ist nett, wenn auch oberflächlich, geht viel zu sehr auf Nummer sicher, um tatsächlich zu überzeugen. Besser sind da die Auftritte von Kerry Washington, bei deren Figuren Homophobie und Beschützerinstinkte auf interessante Weise miteinander verschmelzen.

Aber am Ende wird sich vermutlich ohnehin niemand die Adaption anschauen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Auch der Appell für mehr Offenheit dürfte bei einem Zielpublikum, das sich Musicals anschaut, offene Türen einrennen. Dieses darf sich dafür an überbordenden Gesangseinlagen erfreuen, mal mitreißend, mal eher belanglos, nicht jedes Lied ist dafür geeignet, sich in den Ohren festzusetzen. Dafür haben die Augen, wie bei praktisch allen Murphy-Produktionen, einiges zu tun: Ob Kostüme, Frisuren oder das Szenenbild, da wurde schon einiges investiert. Für trübe Zeiten ist die knallbunte Revue sicherlich nicht verkehrt, sofern man eben nicht mehr erwartet als Gute-Laune-Berieselung, die nirgends anecken mag.

Credits

OT: „The Prom“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Ryan Murphy
Drehbuch: Chad Beguelin, Bob Martin
Musik: Matthew Sklar
Kamera: Matthew Libatique
Besetzung: Meryl Streep, James Corden, Nicole Kidman, Keegan-Michael Key, Andrew Rannells, Ariana DeBose, Jo Ellen Pellman, Kerry Washington

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The Prom
„The Prom“ ist ein gut gelauntes Musical über vier Stars, die in eine Kleinstadt fahren, um einen Abschlussball und damit die eigene Karriere zu retten. Die Adaption des Broadway-Stücks ist dabei einerseits Satire auf das Showgeschäft, gleichzeitig Appell für mehr Offenheit. Das ist insgesamt nett und bietet einiges fürs Auge, inhaltlich sollte man aber nicht sehr viel erwarten.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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