Jim Queen
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Nicolas Athane / Marco Nguyen [Interview]

Das Regie-Duo Nicolas Athane und Marco Nguyen (v.l.)

Jim Queen nimmt uns mit in die queere Szene, dessen ungekrönter König die Titelfigur ist. Denn er hat viele Bauchmuskeln und deshalb viele Fans, ihm fliegen die Herzen aller Schwulen zu. Und damit auch das von Lucien, dem ungeouteten Sohn einer konservativen Ministerin. Als dieser sich eines Tages in einen Club traut, um sein Idol zu treffen, muss er enttäuscht feststellen, dass der Supermann ihn keines Blickes würdigt. Das ändert sich, als Jim einen neuartigen Virus einfängt, der ihn nach und nach zu einem Heterosexuellen macht. Das muss natürlich verhindert werden und nur Lucien kann ihm dabei helfen. Klingt verrückt? Ist es auch, Deswegen wollten wir natürlich mehr über die Entstehung und die Gedanken hinter dem Animationsfilm wissen. Zum Glück hatten wir die Gelegenheit, uns zum Kinostart am 24. September 2026 mit dem Regieduo Nicolas Athane und Marco Nguyen zu unterhalten. Im Interview zur Science-Fiction-Komödie sprechen sie über Humor als Waffe, Diskriminierung innerhalb der queeren Community und ob Rollen Schutzraum oder Gefängnis sind.

Ihr erzählt in Jim Queen eine sehr ungewöhnliche Geschichte. Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Marco Nguyen: Das ist schon lange her, 2018 glaube ich. Simon Balteaux und ich kamen bei Bobbypills auf die Idee, das Leben, das wir als schwule Männer führen, zu zeigen. Es gab nicht wirklich etwas im Kino, das die Gay Community zeigt, so wie wir sie kennen. Dabei gibt es so viel zu erzählen, so viele Besonderheiten. Wir wollten eine Art Liebesbrief an diese Community drehen. Und deshalb erzählen wir die Geschichte, wie es wäre, wenn all das auf einmal verschwinden würde. Wir brauchten also etwas, das diese Community irgendwie angreifen würde. Dann habe ich Nicolas Athane und Brice Chevillard kennengelernt, die auch bei Bobbypills waren. Sie hatten die Aufgabe, diese doch sehr nischige Geschichte für ein größeres Publikum aufzubereiten.

Nicolas Athane: Brice und ich sind hetero. Marco kennt sich natürlich super in dieser Community aus. Aber wenn er davon erzählte, hörte sich das immer erfunden an. Wir wollten diese Geschichte also gewissermaßen übersetzen, damit auch Heterosexuelle sie verstehen.

Eine Community, die angegriffen wird, das hört sich eigentlich sehr düster an. Warum habt ihr eine Komödie daraus und nicht etwa einen Science-Fiction-Thriller?

Marco Nguyen: Humor kann auch eine Waffe sein! Für mich war klar, dass der Film komisch sein muss. Denn so sind wir, so reden wir. Gleichzeitig wollten wir aber auch, dass Jim Queen etwas aussagt und von Problemen spricht, die es in der realen Welt gibt. Wenn du willst, dass dein Publikum eine Verbindung zu deinem Film aufbaut, darfst du diese Probleme nicht verschweigen.

Nicolas Athane: Marco sagte außerdem am Anfang zu mir, dass er nicht wollte, dass Homosexuelle als Opfer dargestellt werden. Viele queere Filme sind traurig und zeigen nur die Schattenseiten. Wir wollten aber etwas Positives schaffen. Etwas, das dich aufmuntert und dir Stärke gibt.

Marco Nguyen: Genau. Wir haben ein tolles Leben. Da ist nichts Trauriges daran und wir wollten das auch nicht so darstellen. Es braucht aber schon einen Angriff von außen, damit wir uns auch bewusst werden, wie toll das ist. Du solltest das alles nicht für selbstverständlich nehmen.

Ihr zeigt die Community aber nicht als homogene Gruppe. Es gibt da eine Reihe von Untergruppen wie etwa die Bären und die Twinks. Auf der einen Seite bedeuten diese Untergruppen und Rollen, dass du etwas hast, womit du dich identifizieren kannst. Du hast Gleichgesinnte. Es führt aber auch dazu, dass es nur wenig Kontakt mit anderen Gruppen gibt, eben weil man unter sich bleibt. Sind solche Rollen etwas Positives oder etwas Negatives? Sind sie ein Schutzraum oder ein Gefängnis?

Marco Nguyen: Wir wollen mit unserem Film nicht werten oder moralische Lehrstunden geben. Wir wollten zunächst einmal beschreiben, wie die Situation ist. Und es stimmt, dass es da diese Differenzen gibt. Du brauchst diese Schutzräume. Die Bären suchten solche Schutzräume in der Gay Community, wurden dort aber zurückgewiesen, weil sie zu dick sind. Das war furchtbar. Also haben sie ihre eigene Community gegründet. Das war wichtig für sie, um sie selbst sein zu können. Aber du hast recht, diese Communities können auch Gefängnisse sein. Wir wollen mit Jim Queen auch sagen, dass es okay ist, Teil einer solchen Community zu sein, du aber trotzdem nett zu Menschen aus anderen Communities sein solltest. Denn nur zusammen seid ihr stark.

Nicolas Athane: Das ist eine Erkenntnis, die Jim im Laufe des Films hat. Und dass du von Menschen etwas lernen kannst, von denen du denkst, dass sie minderwertig sind. Freundlichkeit, das ist es, worauf es ankommt.

Marco Nguyen: Jim ist am Anfang ein perfekter Mann mit einem perfekten Körper, mit all diesen Bauchmuskeln. Aber das macht ihn auch so toxisch.

Warum gibt es überhaupt so viel Diskriminierung innerhalb der queeren Community? Sollten sie es nicht eigentlich besser wissen, da sie doch selbst diskriminiert werden?

Marco Nguyen: Das ist eine wirklich schwierige Frage.

Nicolas Athane: Du hast überall Diskriminierung. Die queere Community ist da nicht anders als andere Communities. Nur weil du diskriminiert wirst, heißt das nicht, dass du nicht auch andere diskriminieren kannst. Es gibt auch Rassismus in der queeren Community. Den wirst du immer finden, weil wir alle Menschen sind.

Marco Nguyen: Da ist so viel Hass überall. Wir haben alle diese Tendenz, uns immer weiter voneinander zu distanzieren. Die sozialen Medien machen es auch nicht einfacher. Kommunikation ist so schwierig geworden. Es gab auch innerhalb der Community sehr hitzige Diskussionen über den Film. Die anfänglichen Reaktionen waren überall sehr positiv. Doch dann sind wir angegriffen worden, weil unser Film nicht alle repräsentiert, die in der Community sind.

Eben weil es so viele unterschiedliche Communities und Themen gibt, gab es je die Überlegung, gleich eine Serie zu machen?

Marco Nguyen: Tatsächlich fing das Ganze auch als kurze Serie an. Aber das war sehr schwer zu finanzieren, niemand wollte uns das Geld dafür geben. Als Film war das einfacher. Wir würden aber tatsächlich gern eine Serie daraus machen, weil es eben so viel darüber zu erzählen gibt.

Nicolas Athane: Du merkst vielleicht auch an dem Film, dass das alles noch hätte größer sein sollen. Es war richtig harte Arbeit, so viel zu streichen, um einen Film machen zu können. Wir hatten so viele Ideen, was wir alles erzählen wollten.

Eine ganz andere Frage: Warum habt ihr aus der Geschichte einen Animationsfilm gemacht?

Marco Nguyen: Wir kommen alle aus der Animation und haben das studiert, seit wir jung sind. Deswegen gab es für uns keine Alternative: Das ist das Medium, in dem wir uns ausdrücken. Vermutlich wäre die Geschichte auch dramatischer geworden, wenn wir sie als Live Action erzählt hätten. Du kannst bei Animation auch etwas weiter gehen und dich mehr trauen. Animation ist da wie eine Art Filter, den wir darüber legen.

Animationsfilme können sehr unterschiedlich aussehen. Warum habt ihr euch für diesen Stil entschieden?

Nicolas Athane: Wir hatten nicht das Geld, um etwas Größeres daraus zu machen. (lacht) Wir hatten viele Ideen, was wir alles machen könnten. Wir wollten ganz viele Referenzen an Disney einbauen, was mit diesem Budget aber nicht ging. Auf der anderen Seite hat uns das auch geholfen, weil du damit leichter eine Komödie machen kannst. In manchen Szenen gehen wir direkt von einer Pose zur nächsten, bei anderen arbeiten wir mit Zwischenanimationen.

Und jetzt, da der Film fertig ist, was sind eure nächsten Projekte? Woran arbeitet ihr?

Nicolas Athane: Ich arbeite an einer neuen Serie Bobbypills.

Marco Nguyen: Ich brauchte nach dem Film erst einmal eine Pause. Aber ich würde tatsächlich gern noch mehr zu Jim Queen machen, mehr als nur diesen einen Film. Wie du schon gesagt hast, da gäbe es noch so viel mehr zu erzählen. Ich bin noch nicht fertig mit dem Thema!

Vielen Dank für das Interview!



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