Kritik

Liebe garantiert love guaranteed Netflix

„Liebe garantiert“ // Deutschland-Start: 3. September 2020 (Netflix)

Mehr schlecht als recht schlägt sich die Anwältin Susan (Rachael Leigh Cook) durchs Leben, ihre Kanzlei braucht dringend neue und zahlungskräftige Kunden. Da kommt ihr Nick (Damon Wayans Jr.) eigentlich gerade recht, auch wenn der Fall selbst ihr nicht so wirklich zusagt. Knapp 1000 Dates will der attraktive Junggeselle über eine Dating-Plattform bereits hinter sich gebracht haben, ohne dabei die große Liebe zu finden, welche die Seite garantiert. Und so will er diese und deren Besitzerin Tamara Taylor (Heather Graham) zur Rechenschaft ziehen, fordert finanzielle Wiedergutmachung und ein Ende der falschen Versprechen. Nach einigem Zögern lässt sich Susan darauf ein und kommt dabei selbst Nick immer näher …

Die Zeit, in der man seine große Liebe in der Bar oder an der Käsetheke begegnete, die ist dann doch ein Stück weit vorbei. So wie sich viele Aspekte des Lebens jetzt im Internet abspielen, weite Teile des gemeinsamen Erlebens und des Austauschs virtuell geworden sind, da ist es nur folgerichtig, wenn auch die amouröse – wahlweise sexuelle – Annäherung per Mausklick oder eines schnellen Wisches am Smartphone geschieht. Neu ist diese Entwicklung natürlich nicht, seit vielen Jahren schon gibt es entsprechende Seiten oder Apps, auf denen Menschen ihre Bilder hochladen, sich selbst beschreiben und im Chat andere kennenzulernen versuchen. Dass dabei vieles schief gehen kann, versteht sich von selbst, kuriose, komische, traurige, ärgerliche, aber auch schöne Erfahrungen, in diesem Umfeld ist alles möglich.

Alles andere als modern
Wenn der Netflix-Film Liebe garantiert diese Entwicklung aufgreift, dann ist das einerseits ein dankbares, weitläufiges Thema. Gleichzeitig ist es aber inzwischen derart stark abgegriffen, dass man sich schon ein bisschen was einfallen lassen muss, um wirklich noch etwas Interessantes darüber sagen zu können. Elizabeth Hackett und Hilary Galanoy, die wie schon bei Falling Inn Love zusammen das Drehbuch geschrieben haben, ist das jedoch nicht gelungen. Vermutlich war es ihnen auch nicht wirklich wichtig, etwas aus der Thematik herauszuholen. Stattdessen greifen sie auf Situationen und Ideen zurück, die noch älter sind als Online-Dating und eher lieblos in dessen Kontext gepresst wurden.

Zumindest am Anfang gibt es noch den einen oder anderen zaghaften Versuch eines Witzes. Neben dem Running Gags, dass in Susans Wagen immerzu I Think We’re Alone Now von Tiffany läuft – warum auch immer –, greift Liebe garantiert ein paar der Standardsituationen von Online-Dates auf. Da sehen Leute nicht so aus wie auf den Bildern, Gespräche entwickeln sich zu quälender Langeweile, nach einem Mal ist sowieso Schluss, auch wenn keiner so wirklich weiß warum. Gerade Letzteres wäre ein guter Anlass gewesen, sich tatsächlich mit der Gesellschaft oder der Frage auseinanderzusetzen: Sind in einer Zeit, in der alles schnell und oberflächlich sein muss, überhaupt noch Möglichkeiten gegeben, sich näherzukommen?

Nur keine Verantwortung, bitte
Aber auch die Frage, inwieweit die Anbieter solcher Seiten und Plattformen Verantwortung tragen an dem, was geschieht, wäre ein spannendes Umfeld. Zuletzt gab es beispielsweise Diskussionen darum, inwiefern Suchraster Diskriminierung sind und ob eine derartige Verengung von meist optischen Merkmalen nicht menschenunwürdig ist. Liebe garantiert selbst drückt sich aber vor der Verantwortung, lässt lieber zwei attraktive Singles Zeit miteinander verbringen, bis sie sich unsterblich ineinander verlieben. Warum das vorher nicht geklappt hat, warum Susan keinen Mann hatte, warum Nick in Hunderten von Dates niemand gefunden hat, obwohl viele nett waren – das wird nicht einmal ansatzweise vertieft. Der Film ist so oberflächlich wie das Dating, das hier vorgeblich in Frage gestellt wird, von den überholten Geschlechterbildern ganz abgesehen.

Natürlich muss nicht jeder Film ein inhaltliches Schwergewicht sein, man darf zwischendurch auch einfach mal Spaß haben. Für das neueste Werk von Regisseur Mark Steven Johnson, der eher durch seine umstrittenen Marvel-Adaptionen Daredevil und Ghost Rider aufgefallen ist, gilt aber nicht einmal das. Die Witze sind ohne Kraft, die emotionale Entwicklung verläuft im Hauruckverfahren, die Figuren sind völlig ohne Ecken und Kanten, die einem das Gefühl geben würden, dass man es mit Menschen aus Fleisch und Blut zu tun hat. Das einzige reale Gefühl ist das des Ärgers, wenn Liebe garantiert am Ende auch noch die wenigen relevanten Teile verrät und ein dreistes Happy End konstruiert, das nicht weniger künstlich ist als die Photoshop-Models, die zum Bewerben der Datingplattform genutzt werden.

Credits

OT: „Love, Guaranteed“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Mark Steven Johnson
Drehbuch: Elizabeth Hackett, Hilary Galanoy
Musik: Ryan Shore
Kamera: José David Montero
Besetzung: Rachael Leigh Cook, Damon Wayans Jr., Heather Graham, Jed Rees, Kandyse McClure

Trailer

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Liebe garantiert
Ein Mann will eine Datingplattform verklagen, weil sie ihm nicht die versprochene Liebe gebracht hat? Das klingt nach einem interessanten Szenario. „Liebe garantiert“ schert sich aber nicht darum, beschränkt sich auf ein paar Lippenbekenntnisse, bevor der Film zu einer 08/15-RomCom mutiert, die genauso oberflächlich und verlogen ist wie die Seiten, die er kritisiert.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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