Kritik

Innocence Project Gerechtigkeit fuer Justitia Innocence Files Netflix

„Innocence Project – Gerechtigkeit für Justitia“ // Deutschland-Start: 15. April 2020 (Netflix)

Mit seinen True Crime Dokus hat Netflix einen Nerven getroffen, praktisch jeden Monat erscheinen neue Filme oder Serien auf dem Streamingdienst, die sich vergangener Verbrechen annehmen. Wobei die Bandbreite dabei recht hoch ist, das Label wurde zuletzt zu einem Sammelbegriff für die unterschiedlichsten Produktionen und Themen. Während die derzeitige Sensation Großkatzen und ihre Raubtiere beispielsweise völlig fasziniert von kuriosen Gestalten berichtete und sich kaum für Verbrechen interessierte, Der Fall Gabriel Fernandez schwer erträgliche Einblicke in unfassbar grausame Folterungen gewährte, handelte Anleitung für einen Drogenskandal von grundsätzlichen Systemfehlern bei der Verbrechensbekämpfung.

In die letzte Richtung geht auch Innocence Project – Gerechtigkeit für Justitia, eine groß angelegte Miniserie rund um Justizirrtümer. Die Grundlage hierfür legt die Arbeit der gleichnamigen wohltätigen Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, unschuldig hinter Gitter gebrachte Menschen eine Chance auf Gerechtigkeit zu bringen. Und das sind jede Menge. Im Laufe von neuen Folgen stellt Netflix zahlreiche Fälle vor, die zum Teil haarsträubend verlaufen sind, entweder weil die beteiligten Personen bei Polizei, der Staatsanwaltschaft oder auch an Gerichten ihre Arbeit nicht ordentlich machten oder auch weil sie schlicht nicht das Interesse hatten, sich zu sehr mit der Wahrheitsfindung aufzuhalten.

Drei Aspekte eines kaputten Justizsystems
Die Folgen sind dabei in drei Blöcke unterteilt. Der erste befasst sich mit dem Themenkomplex Beweise, der zweite mit Zeugen, der dritte mit Staatsanwaltschaft. Die ersten beiden Themen sind einem aus Krimis oder auch aus anderen True Crime Dokus prinzipiell bekannt. Da werden fragwürdige Indizien als unumstößliche Beweise angesehen, Zeugenaussagen für bare Münze genommen, unabhängig davon, wie diese zustande gekommen sind. Interessant sind dabei beispielsweise die Ausführungen, wie das menschliche Gedächtnis funktioniert und dass es von vornherein nicht so zuverlässig ist, dass man sich darauf verlassen sollte – was es umso tragischer macht, dass bei Verurteilungen diese an erster Stelle stehen.

Während diese Passagen lediglich Ausdruck von bedauerlicher bis ärgerlicher Inkompetenz sind, hält Innocence Project – Gerechtigkeit für Justitia auch einige schockierendere Erkenntnisse bereit. So erinnert die Dokumentation mal wieder daran, dass es in den USA ein großes Rechtsgefälle gibt – Reiche dürfen mehr als Arme, Weiße mehr als Schwarze. Es wird noch nicht einmal wirklich so getan, als ginge es um eine allgemeingültige Gerechtigkeit. Oft brauchte es einen Sündenbock, damit die Bevölkerung Ruhe gibt oder etwa der Staatsanwalt Karriere macht. Und dafür nimmt man eben jemanden, der sich nicht wehren kann. Wenn die Organisation späte Freisprüche erreicht, tut das der Zuschauerseele dann auch gut, es spielt ein bisschen David gegen Goliath hinein.

Aus der Vergangenheit lernen?
Aber es bleibt eben auch Bitterkeit. Menschen, die Jahre oder gar Jahrzehnte im Gefängnis waren, das sind tragische Geschichten, die sich allein durch Geld nicht wieder aus der Welt schaffen lassen. Vor allem wird dies nicht verhindern, dass auch in Zukunft immer wieder Justizirrtümer geschehen. Innocence Project – Gerechtigkeit für Justitia ist deshalb nicht allein die Chronik vergangener Verbrechen, sondern sieht sich auch als Aufforderung, ein nicht funktionierendes Justizsystem zu reformieren, das falsch bestraft oder falsche Anreize setzt. Anstatt immer nur frühere Fehler zu berichtigen, wäre es schließlich besser, in Zukunft solche zu vermeiden oder wenigstens die Gefahr zu minimieren.

Manchmal wird die Serie auf diese Weise zu einer Art Imagefilm der Organisation. Außerdem erfordert sie Geduld: Die sehr großzügig angelegten Folgen – die kürzeste ist 51 Minuten, die längste 85 Minuten – hätten durchaus kürzer ausfallen können, da finden sich schon viele inhaltliche Wiederholungen, die das Geschehen unnötig in die Länge ziehen. Zumal Innocence Project – Gerechtigkeit für Justitia zu einem Großteil auf Interviews setzt, was auf Dauer nicht sehr abwechslungsreich ist. Trotz dieser kleineren Schwächen ist das Ergebnis für Fans von True Crime Dokus aber einen Blick wert. Um die Tätersuche geht es hierbei zwar nicht, auch die Verbrechen als solche werden kaum rekonstruiert. Dafür erfahren wir viel über die Opfer eines maroden Systems und welche Auswirkungen dieses auf ihr Leben hatte.

Credits

OT: „The Innocence Files“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Sarah Dowland, Andy Grieve, Alex Gibney, Liz Garbus, Jed Rothstein, Roger Ross Williams
Musik: Peter Nashel, Justin Melland, Jay Wadley
Kamera: Wolfgang Held, Thorsten Thielow, Axel Baumann, William Zilliox, Peter Hutchens, Tom Hurwitz, Ted Hayash, Jerry Henry

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Innocence Project – Gerechtigkeit für Justitia
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Innocence Project – Gerechtigkeit für Justitia
„Innocence Project – Gerechtigkeit für Justitia“ stellt uns eine Organisation vor, die sich für unschuldig Inhaftierte in den USA einsetzt. Die Dokuserie ist dabei einerseits sehr persönlich, wenn sie auf das Schicksal der Opfer eingeht. Gleichzeitig versteht sie sich als Plädoyer, ein nicht funktionierendes Justizsystem zu reformieren. Das neigt zwar zu Wiederholungen, ist insgesamt zu lang, hat aber doch interessante bis schockierende Beispiele.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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