
Schon seit Längerem gibt es Konflikte innerhalb der Familie, die in einer ländlichen Gegend im Kosovo einen Bauernhof betreibt. Doch niemand hätte damit gerechnet, dass Liridon (Tristan Halilaj) nach einem erneuten heftigen Streit hinter dem Rücken der anderen die Kühe verkauft und sich mit dem Geld ins Ausland absetzt. Also bleibt seinem Bruder Shaban (Astrit Kabashi) und dessen Frau Hatixhe (Flonja Kodheli) nichts anderes übrig, als mit den drei Töchtern und Shabans Mutter (Kumrije Hoxha) in die Hauptstadt Pristina zu ziehen, wo Hatixhes wohlhabende Schwester lebt. Dort wollen sie sich eine neue Existenz aufbauen. Aber das ist leichter gesagt denn getan, da ihnen ohne Geld nicht viele Möglichkeiten bleiben und der Versuch, dieses zu verdienen, mit zahlreichen Demütigungen einhergeht …
Eine Familie zwischen Neuanfang und Entfremdung
Bislang ist die Filmografie von Visar Morina noch überschaubar. Doch wenn der selbst aus dem Kosovo stammende Regisseur und Drehbuchautor eine Geschichte erzählt, muss man sich auf einiges gefasst machen. So handelte sein Debüt Babai (2015) von einem Mann, der aus dem osteuropäischen Land nach Deutschland auswandert und dafür seinen Sohn zurücklässt – der ihm aber hinterherreist. In Exil (2020) dreht sich die Geschichte um einen ebenfalls aus Kosovo nach Deutschland ausgewanderten Mann, der sich in der Fremde aber diskriminiert fühlt und zunehmend psychotisch wird. Sein dritter Film Von Scham und Geld beginnt abermals damit, dass ein Mann aus dem Kosovo nach Deutschland auswandert. Anstatt aber diesem wie in den ersten beiden Werken zu folgen, konzentriert er sich auf die Angehörigen in der Heimat.
Wobei es auch bei diesen um die Themen Neuanfang und Entfremdung geht, wenn sie aus der wirtschaftlichen Not heraus in die Großstadt ziehen müssen. Ein solcher Umzug geht oft mit Culture-Clash-Elementen einher. Das ist hier nicht anders, wenn die Familie sich schwer damit tut, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Morina verzichtet in Von Scham und Geld aber auf jeglichen Humor. Dann und wann wird es zwar ein wenig absurder. Zu lachen dürfte hierbei aber niemandem zumute sein. Stattdessen handelt es sich auch bei dem dritten Kinobeitrag des Filmemachers um ein schweres Drama, das von menschlichen Abgründen handelt, von der Suche nach einem Platz in der Welt, die nicht unbedingt auf dich gewartet hat. Mit dem Unterschied, dass diesmal der wirtschaftliche Aspekt an erster Stelle steht. Andere Konflikte gibt es auch, die sind aber nebensächlich.
Beklemmende Stimmung
Es ist nicht wirklich überraschend, was Morina und seine Co-Autorin Doruntina Basha zu dem Thema zu sagen haben. Im Grunde läuft es darauf hinaus, wie Menschen sich für Geld ausbeuten lassen und dabei ihre Würde verlieren. Das heißt nicht, dass man es nicht zu etwas bringen kann. Das zeigen das Bild der Schwester und ihres Mannes. Von Scham und Geld demontiert aber das Versprechen, dass harte Arbeit allein ausreicht, um sich ein richtiges Leben finanzieren zu können. Zumindest nicht bei allen. Ähnlich zu anderen Sozialdramen wie etwa Sorry We Missed You zeigt uns die europäische Coproduktion, wie sich einige Menschen abstrampeln und doch nicht weiterkommen, der Einsatz nicht belohnt wird. Die wirtschaftsliberalen Versprechungen entpuppen sich als leer.
Das ist nicht schön, schafft aber viel Identifikationsfläche für Menschen, die sowieso der Ansicht sind, dass es in der Welt ungerecht zugeht und viele abgehängt werden, weil sie niemand baucht. Das Drama, das 2026 beim Sundance Film Festival Weltpremiere hatte und dort auch den Grand Jury Prize erhielt, nimmt die Position von Leuten ein, die zu den Verlierern einer sich wandelnden Gesellschaft gehören. Morina und sein Kameramann Janis Mazuch, sonst oft im Dokumentarischen unterwegs, verstärken dieses Gefühl noch durch Bildsprache. Von Scham und Geld tauscht den geräumigen Familienhof mit weiten Flächen gegen eine enge Wohnung, in der niemand Platz hat und die für eine beklemmende Stimmung sorgt. Subtil ist das dann nicht unbedingt. Wirksam aber schon, der mit Alltagsbeobachtungen arbeitende Film ist ein bedrückendes Werk darüber, wie den Menschen abverlangt wird, das Menschsein abzulegen, nur um von einem Tag zum nächsten zu kommen.
OT: „Shame and Money“
Land: Deutschland, Kosovo, Slowenien, Albanien, Nordmazedonien, Belgien
Jahr: 2026
Regie: Visar Morina
Drehbuch: Visar Morina, Doruntina Basha
Kamera: Janis Mazuch
Besetzung: Astrit Kabashi, Flonja Kodheli, Kumrije Hoxha, Fiona Gllavica, Alban Ukaj
Sundance 2026
Filmfest München 2026
Fünf Seen Filmfestival 2026
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