Kritik

Die bunte Seite des Mondes Over the Moon Netflix

„Die bunte Seite des Mondes“ // Deutschland-Start: 23. Oktober 2020 (Netflix)

Eine ganze Weile ist ihre Mutter nun schon tot, doch die 14-jährige Fei Fei ist noch nicht so weit, ein neues Leben anzufangen. Entsprechend übel nimmt sie es ihrem Vater dann auch, als der sich neu verheiraten will und ihr zu allem Überfluss noch einen Stiefbruder einbrockt. Dass sie dem nicht kampflos zusehen kann, ist klar. Sie hat auch schon einen Plan: Sie will zum Mond reisen, wo der Legende nach die Göttin Chang’e leben soll, die in ewiger Liebe mit dem Bogenschützen Houyi verbunden ist. Wenn Fei Fei es schafft, deren Existenz zu beweisen, dann muss auch ihr Vater einsehen, dass er das Ansehen seiner verstorbenen Frau nicht beschmutzen darf, indem er eine neue holt. Tatsächlich gelingt es der Jugendlichen, mit einer selbstgebastelten Rakete den Mond zu erreichen. Doch damit beginnt das eigentliche Abenteuer erst, schließlich warten dort ein paar Überraschungen auf sie …

Die Vorzeichen bei Die bunte Seite des Mondes waren eigentlich alles andere als gut. So erfreulich der Animationsnachschub von Netflix eine ganze Weile war, die letzten Titel waren doch recht ernüchternd. Ob nun Fearless – Babysitten ist Heldensache, Pets United oder Ein tierischer Zirkus, der Streamingdienst bewies weder bei der Produktion noch dem Einkauf animierter Filme ein sonderlich gutes Händchen. Außerdem war Misstrauen angebracht, da hier ein rein westliches Kreativteam sich einer chinesischen Legende annimmt. Dabei hatte das missglückte Remake Mulan kürzlich bewiesen, dass so etwas keine besonders gute Idee ist, da am Ende ein fürchterlicher Mischmasch herauskam, der weder der einen, noch der anderen Seite gerecht wurde.

Ein Animationsabenteuer mit Tradition
Ganz frei von diesem Mangel ist auch Die bunte Seite des Mondes nicht, das eine Brücke aus beiden Kulturen zu schlagen versucht. Immerhin ist das hier aber unterhaltsam und weitestgehend in sich stimmig. Das wiederum ist sicherlich nicht zuletzt ein Verdienst des Regie-Duos Glen Keane und John Kahrs. Beide haben sie jahrzehntelange Erfahrung im Animationsbereich gesammelt – Keane beim klassischen Disney-Zeichentrick, Kahrs bei Pixar – und legen nach diversen Kurzfilmen hiermit ihr Spielfilmdebüt als Regisseur vor. Die Netflix-Produktion steht dann auch sehr in der Tradition dieser beiden Studio-Giganten, knüpft inhaltlich an die vergangenen Märchen-Musical-Zeiten Disneys an, verbunden mit der CGI-Optik, welche durch Pixar maßgeblich mitbestimmt wurde.

Entsprechend viel kommt einem hier dann auch bekannt vor. Da gibt es tierische Sidekicks, sogar gleich mehrere, der Humor ist doch sehr vertraut, gleiches gilt für die Aussage, die Die bunte Seite des Mondes trifft. Wenig überraschend wird es wieder um Mut gehen und um Zusammenhalt. Dass Fei Fei ihren so lang geschmähten Stiefbruder im Laufe des Abenteuers doch liebgewinnt, das ist klar. Der Film gibt sich nicht einmal sonderlich Mühe dabei, da mit einer Entwicklung zu arbeiten. Da wird lieber an passender Stelle einfach der Schalter umgelegt, muss reichen. Stimmiger ist dafür das Motiv, sich nach einem schweren Verlust wieder zu öffnen, eine Vergangenheit zu ehren, ohne sich dabei von dieser versklaven zu lassen.

Ein psychedelischer Trip an den Rand der Fantasie
Die ganz große Stärke des Films ist jedoch die Ausgestaltung des Mondes. Dass ein für ein jüngeres Publikum anvisiertes Animationsabenteuer sich nicht mit einem grauen Felsbrocken zufriedengeben wird, das war zwar abzusehen. Doch was hier aus unserem Trabanten gemacht wurde, ist ein fantastischer, überwältigender Anblick. Die Zusammenarbeit mit dem chinesischen Animationsstudio Pearl Studio (Everest – Ein Yeti will hoch hinaus) führte zu einem psychedelischen Trip, in dem die einzige Grenze die der eigenen Fantasie ist. Da gibt es motorradfahrende Rockerhühner, durch die Luft gleitende Frösche. Plus einen Haufen von Wesen, die sich keiner bekannten Art zuordnen lassen. Das Ergebnis ist ein Feuerwerk aus Farben und Formen, ein surrealer Wirbelwind, der die unterschiedlichsten Einflüsse in sich vereint.

Enttäuschend ist hingegen die Musik. Im Stil der Disney-Musicals wird hier gerade in der ersten Hälfte alle paar Minuten gesungen, weshalb der Erzählfluss immer wieder ins Stocken gerät. Schlimmer noch ist aber, dass die Lieder fast durch die Bank weg Wegwerfware sind. Wenn man einen Film schon auf diese Weise gestaltet, sollten es wenigstens Stücke sein, die packen, sei es emotional oder als Ohrwurm. In der Form ist das aber mehr Pflichterfüllung als Leidenschaft. Doch trotz dieses Mankos ist Die bunte Seite des Mondes ein schöner Animationsfilm, der sich zwar konventionell, dafür einfühlsam mit dem schwierigen Thema der Trauerverarbeitung auseinandersetzt und im Laufe der Reise zu einer Liebeserklärung an das Leben, die Liebe und die Familie wird. Und solche positiven Impulse sind ja nie ganz verkehrt.

Credits

OT: „Over the Moon“
Land: USA, China
Jahr: 2020
Regie: Glen Keane, John Kahrs
Drehbuch: Audrey Wells
Musik: Steven Price
Animation: Pearl Studio, Sony Pictures Imageworks

Bilder

Trailer

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Die bunte Seite des Mondes
In „Die bunte Seite des Mondes“ reist eine Jugendliche zum Mond, um die Existenz einer Göttin und damit einer ewigen Liebe zu beweisen. Der Film ist vor allem visuell ein Feuerwerk, psychedelisch und kreativ. Enttäuschend sind hingegen die Lieder. Insgesamt überwiegen die Stärken, der Animationsfilm ist ein unterhaltsames Abenteuer, das sich konventionell, aber einfühlsam mit ernsten Themen auseinandersetzt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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