Banlieusards Du hast die Wahl Street Flow Netflix

„Banlieusards – Du hast die Wahl“ // Deutschland-Start: 12. Oktober 2019 (Netflix)

Unterschiedlicher könnten die drei Brüder nicht sein, die in einem Pariser Vorort leben. Der Älteste Demba (Kery James) versucht schon gar nicht mehr, sich eine wirkliche Zukunft zu erarbeiten, sein Leben ist von Verbrechen und Gewalt geprägt. Soulaymaan (Jammeh Diangana) hingegen will aus all dem ausbrechen, lernt fleißig, um einmal Rechtsanwalt zu werden und bereitet sich auf einen wichtigen Debattier-Wettstreit mit Lisa (Chloé Jouannet) vor. Und dann wäre da noch der Jüngste, der 15-jährige Noumouké (Bakary Diombera), der noch nicht so recht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Immer wieder gerät er in Schwierigkeiten, womit er seiner alleinerziehenden Mutter viel Kummer bereitet. Aber noch ist es nicht zu spät, einen anderen Weg einzuschlagen …

Filme über Jugendliche, die in schwierigen Vierteln aufwachsen, geprägt von Kriminalität, die kommen oft aus den USA. Dabei gibt es natürlich auch andere Länder, die sich für etwas Derartiges anbieten. Frankreich beispielsweise. Gerade die Großwohnsiedlungen in den Vororten – auf Französisch: banlieue – großer Städte genießen nicht den besten Ruf, sind teilweise soziale Brennpunkte mit massiven Problemen und erheblichem Konfliktpotenzial. Der eine oder andere wird vielleicht noch die Bilder im Kopf haben, als 2005 während der gewalttätigen Unruhen Hunderte von Autos in Brand gesteckt wurden.

Die schwierige Welt aus der Sicht eines Jugendlichen
Ganz so weit geht es in dem Netflix-Film Banlieusards – Du hast die Wahl nicht. Schießereien, Morde oder sonstige Gewalttaten sind hier in der Minderheit. Es geht auch gar nicht um die Gesellschaft als solches. Stattdessen nimmt sich Kery James der Frage an: Wie ist das, als Jugendlicher in einem solchen Umfeld aufzuwachsen? Der französische Rapper mit haitianischen Wurzeln, der hier das Drehbuch schrieb, mit Leïla Sy Regie führte und noch dazu eine der Hauptrollen übernahm, erzählt von der Wichtigkeit von Vorbildern, positiven wie negativen, und wie wir uns als junge Menschen solche suchen, um einen eigenen Platz im Leben zu finden.

Wobei dieser Aspekt in Banlieusards – Du hast die Wahl auch immer wieder in Vergessenheit gerät. Anstatt Noumouké in den Mittelpunkt zu rücken und seine inneren Kämpfe zu thematisieren, bleibt er immer seltsam unbeteiligt. Einer, über den oft in der dritten Person gesprochen wird, als dass er als tatsächliches Individuum in Erscheinung treten würde. Insgesamt ist die Figurenzeichnung nicht unbedingt die große Stärke des Krimidramas. Während der Jugendliche als Sinnsuchender tatsächlich noch ein bisschen leerer sein darf, sind die beiden älteren Geschwister zu offensichtlich als Ideen entworfen worden, weniger als Charaktere. Das Ziel: einen möglichst großen Kontrast erschaffen.

Ein (zu) kleiner Ausschnitt
Besser geglückt ist das Porträt der Banlieues an sich. Zwar kann es das Spielfilmdebüt von Sy und James in der Hinsicht nicht mit dem erst nächstes Jahr hierzulande startenden Die Wütenden – Les Misérabless aufnehmen, dessen Darstellung des ewigen Pulverfasses von einer rauen Authentizität und allgegenwärtigen Ambivalenz geprägt war. Das liegt auch daran, dass der Fokus von Banlieusards – Du hast die Wahl sehr stark auf der Familie liegt, was auf Kosten des Umfelds geschieht, die nur begrenzt Teil der Geschichte werden dürfen. Für sich genommen ist es aber ein atmosphärischer Ausflug in ein Problemviertel, im dem die Träume von einem besseren Leben immer wieder von der Realität eingeholt werden.

An manchen Stellen lassen die beiden Regisseure auch ein wenig den Blick schweifen, entdecken dabei Themen wie Klassenunterschiede oder systematischen Rassismus für sich. Doch Banlieusards – Du hast die Wahl will dabei nicht allein schocken oder deprimieren, gerade die Nebenhandlung um den gemeinsamen Debattierwettbewerb soll Hoffnung darauf machen, dass die Gräben überwunden werden können. Das wird dann gegen Ende ein bisschen viel, das Regieduo zeigt eine unschöne Schwäche für Theatralik bei dem unnötigen Versuch, alles noch ein bisschen eindrucksvoller zu machen. Die Absicht dahinter war aber gut. Da zudem Filme zu dem Thema eher selten den Weg hierher finden, wenn die Verleihe im Zweifel doch lieber Liebeskomödien aus unserem Nachbarland importieren, ist die Geschichte um drei Brüder ein zwar nicht ganz geglückter, aber doch willkommener Zuwachs im Netflix-Sortiment.

Banlieusards – Du hast die Wahl
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Banlieusards – Du hast die Wahl
„Banlieusards – Du hast die Wahl“ erzählt von drei Brüdern, die in einem problembehafteten französischen Vorort aufwachsen und den verschiedenen Wegen, die sie einschlagen. Das ist gut gemeint und zumindest teilweise atmosphärisch, das Krimidrama schwächelt aber bei der Figurenzeichnung und neigt später zur Theatralik.
6von 10

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