Prime Time Netflix

Prime Time

Inhalt / Kritik

Prime Time Netflix
„Prime Time“ // Deutschland-Start: 30. Juni 2021 (Netflix)

Der Shock ist groß bei den Leuten im Fernsehstudio, die sich am Silvesterabend 1999 dort eingefunden haben. Eigentlich war man gerade dabei, eine Live-Show zu übertragen, wollte den Leuten zu Hause ein bisschen Unterhaltung bieten. Stattdessen stürzt der 20-jährige Sebastian (Bartosz Bielenia) mit einer Waffe herein und bedroht die Anwesenden. Sein Versuch, vor der Kamera aufzutreten und zu den Menschen vor den Fernsehern daheim zu sprechen, wird dabei jäh unterbrochen. Das Programm wird einfach vorzeitig beendet. Um seine Forderungen durchzusetzen, nimmt der junge Mann daher zwei Geiseln: die berühmte Fernsehmoderatorin Mira (Magdalena Poplawska) und den Wachmann Grzegorz (Andrzej Klak). Aber was genau will der Eindringling überhaupt? Während ein Team von Spezialisten Sebastian zur Zusammenarbeit zu überreden versucht, nehmen die Spannungen in dem Studio stetig zu …

Importschlager Polen

Seit einiger Zeit schon gewährt uns Netflix überfällige Einblicke in die Film- und Serienlandschaft Polens, die uns trotz geografischer Nähe bislang fremd blieb. Die Qualität der eingekauften bzw. produzierten Titel schwankt dabei beträchtlich. Aber auch bei der Wahl der Genres zeigte man wenig Konstanz. Während es zunächst vor allem sehr düstere Werke zu sehen gab, etwa aus dem Krimi- oder Thrillerbereich, deckt der Streamingdienst inzwischen alles ab, was er so vorfindet. Allein in den letzten Monaten gab es so unterschiedliche Filme wie die schwarze Komödie Meine Freunde sind alle tot, das Musikdrama Fierce oder auch den Horrorslasher Nobody Sleeps in the Woods Tonight.

Nun folgt mit Prime Time ein Film, der selbst ein bisschen zwischen den Genrestühlen sitzt. An und für sich ist eine Geiselnahme immer für einen Thriller gut, eventuell auch einen Actionfilm. Letzteres trifft hier aber so gar nicht zu. Erst zum Ende hin kommt es zu einer nennenswerten Handlung. Ansonsten wird hier anderthalb Stunden lang überwiegend geredet. Das können beschwichtigende Dialoge sein, wenn versucht wird, Sebastian von seinem Plan abzubringen und aufzugeben. Die Gespräche wechseln zwischendurch aber auch schon mal das Thema, handeln etwa von den persönlichen Geschichten. Das Kammerspielsetting ist nun einmal dafür gemacht, dass es zu Konfrontationen und Auseinandersetzungen kommt. Wer längere Zeit mit jemandem zusammengesperrt ist, der eine Waffe hat, wüsste man schon ganz gerne, worum es denn überhaupt geht.

Die Suche nach Antworten

Doch eben diesen Erkenntnisgewinn verweigert einem Jakub Piatek. Der Regisseur und Co-Autor, welcher sich nach mehreren Dokumentationen an einem ersten Spielfilm versucht, lockt das Publikum zwar ständig mit einer Auflösung, was Sebastian denn nun vor der Kamera sagen will. Da aber eben dieser Auftritt von mehreren Seiten verhindert wird, sitzt man als Zuschauer bzw. Zuschauerin ebenso verwirrt vor dem Bildschirm, wie es die Leute im Studio tun. Da wird in Prime Time so viel um die Frage herum konstruiert, ob es der Eindringling schaffen wird, seine Aussage mit allen zu teilen, dass dabei die Frage des Inhalts in den Hintergrund rückt. Spekulieren darf man dabei jede Menge. Etwas frustrierend ist das ständige Locken aber schon.

Aber auch bei den Figuren hält sich Prime Time mit tatsächlichen Informationen zurück. Mira ist letztendlich nicht mehr als eine egozentrische Diva, das erfahren wir gleich zu Beginn. Der Wachmann Grzegorz ist nur in alles hineingerutscht, wir wissen gar nicht genau, wer er ist. Bei Sebastian schimmert da schon mehr durch. Piatek belässt es aber auch da oft bei Andeutungen, die das Publikum dann selbst zu einer Antwort umdeuten darf. Grundsätzlich ist es natürlich nicht verkehrt, wenn dieses ein bisschen Eigenarbeit mitbringt. Schließlich will der Film, der auf dem Sundance Film Festival 2021 Premiere hatte, etwas Relevantes sagen, das merkt man ihm schon an. Er kann sich nur nie dazu aufraffen, das dann auch tatsächlich auszusprechen, anstatt es nur anzukündigen.

Elektrisierend, aber ohne Konsequenz

Das kann je nach Erwartung frustrierend oder langweilig sein. Prime Time hat ein bisschen was von Warten auf Godot. Dafür ist er mit Bartosz Bielenia, der als angeblicher Priester in Corpus Christi weltweit für Begeisterung sorgte, erstklassig besetzt. Seine elektrisierende Darstellung eines verzweifelten und wütenden jungen Mannes ist der Hauptgrund, weshalb man hier bis zum Schluss dran bleibt. Als Geiselnehmer ist er zwar der „Böse“. Aber er ist jemand, dem man doch eine gewisse Anteilnahme entgegenbringt. Eine tragische Gestalt, die gerade einen riesigen Fehler begangen hat. Umso trauriger ist, dass das Thrillerdrama letztendlich nicht so viel aus allem rausholt. Gleiches gilt für den Kontext der Jahrtausendwende, der zwar angesprochen wird, aber ohne echte Konsequenz bleibt. Da hat man zuweilen das Gefühl, dass Piatek selbst nicht genau wusste, was er mit dem Film anfangen will.

Credits

OT: „Prime Time“
Land: Polen
Jahr: 2021
Regie: Jakub Piatek
Drehbuch: Jakub Piatek, Lukasz Czapski
Musik: Teoniki Rozynek
Kamera: Michal Luka
Besetzung: Bartosz Bielenia, Magdalena Poplawska, Andrzej Klak, Malgorzata Hajewska-Krzysztofik, Cezary Kosinski, Dobromir Dymecki, Monika Frajczyk, Juliusz Chrzastrowski

Bilder

Trailer

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„Prime Time“ erzählt von einem jungen Mann, der ein Fernsehstudio stürmt und unbedingt etwas vor der Kamera sagen will. Das Szenario an sich ist interessant, die elektrisierende Darstellung der Hauptfigur ist ebenfalls eine Stärke des Films. Allerdings kann er sich nie ganz dazu durchringen, auch mal wirklich etwas zu sagen, weshalb das Thrillerdrama irgendwie unbefriedigend bleibt.
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von 10