Kritik

Gentefied Netflix

„Gentefied“ // Deutschland-Start: 21. Februar 2020 (Netflix)

Essen spielte in ihrer Familie immer eine große Rolle, war das doch der Anlass für alle, um zusammenzukommen. Außerdem ist da ja noch „Mama Finas“, der Taco-Shop, den man seit Ewigkeiten betreibt. Doch eben der steht so langsam vor dem Aus, Casimiro (Joaquín Cosío) stemmt sich dagegen, aber dem Witwer fehlt die Kraft, der sich ändernden Umgebung zu trotzen. Vom Geld ganz zu schweigen. Und so liegt es an seinen Enkeln, den alten Familienladen irgendwie noch zu retten. Dabei haben die ganz eigene Sorgen: Erik (J.J. Soria) wird bald selbst Vater, ohne dafür bereit zu sein, die Künstlerkarriere von Ana (Karrie Martin) kommt nicht in die Gänge, auch bei Chris (Carlos Santos), der von einem eigenen Restaurant träumt, kriselt es gerade …

Man mag von dem Angebot bei Netflix halten, was man will, den Streamingdienst für die Massen an Schund verachten oder auch dafür, hochkarätige Filme nicht genug im Kino zu zeigen. Was den Bereich Diversität angeht, da macht ihnen aber so leicht niemand etwas vor, kein Sender oder Studio produziert vergleichbar oft und selbstverständlich Titel, die sich mit Minderheiten auseinandersetzen. Ob nun On My Block, Dear White People oder One Day at a Time, die Liste ist lang und größtenteils durchaus sehenswert. Auffallend ist, dass aus den Themen zudem keine Problemdramen gemacht werden. Vielmehr werden viele der Aspekte mit Humor behandelt.

Wer bin ich, wer kann ich sein?
Neuester Zugang in diesem Segment ist Gentefied. Den Titel gab es schon mal, drei Jahre ist das her. Marvin Lemus und Linda Yvette Chávez hatten sieben kurze Episoden produziert, die beim Sundance Film Festival gezeigt wurden. Anstatt diese anschließend jedoch der Öffentlichkeit zugängig zu machen, gingen sie auf Investorensuche, bis sie schließlich bei Netflix landeten. Thematisch geht es bei der erweiterten Neuauflage – zehn Folgen à dreißig Minuten – erneut um ein Viertel, das sehr im Wandel ist, und um eine Familie mit mexikanischen Wurzeln, die inmitten dieses Wandels den eigenen Weg sucht.

Das ist als Kombination durchaus spannend. Während die obigen Serien sich meistens mit der kulturellen Identität der Protagonisten und Protagonistinnen beschäftigten, teils im Zusammenhang mit Rassismus, da wird dies hier mit einem anderen heißen Thema verknüpft: Gentrifizierung. Das ist natürlich kein Problem, das ausschließlich Einwandererfamilien betrifft. Es betrifft auch nicht allein die USA. Vielmehr spricht Gentefied einen Wandel an, der in vielen großen Städten geschieht, auf der ganzen Welt verteilt. Der reiche Teil der Bevölkerung kauft die Viertel auf, macht diese wertvoller und verdrängt auf diese Weise den ärmeren Teil – bis der nirgends Platz hat.

Eine echte Zwickmühle
Lemus und Chávez gelingt es dabei sehr schön, die Schwierigkeit der Betroffenen darzustellen. Soll sich die Familie an die Veränderungen anpassen und versuchen, die neu hinzuziehenden Hipster anzusprechen, um auf diese Weise den Taco-Shop vor dem Untergang zu retten? Doch das würde bedeuten, die alte Kundschaft auszugrenzen, Freunde und Bekannte, die ebenso Teil des Viertels waren. Versuchen sie hingegen das Viertel zu schützen, laufen sie Gefahr, den Familienbesitz zu verlieren. Die Frage nach Anpassung und Selbstbehauptung findet sich allgemein immer wieder in Gentefied, sei es bei Chris, der von seinen Kollegen als nicht mexikanisch genug angesehen wird, oder Ana, deren homosexuelle Beziehung bei den traditionellen Einwohnern und Einwohnerinnen auf wenig Gegenliebe stößt.

Das ist schon relativ viel Stoff, wird aber auf eine harmonische Weise miteinander verwoben. Sicher, wer sich allgemein an den gesellschaftlichen Themen stört, der wird hier nicht glücklich. Und auch die Untertitel könnten manche abschrecken, da die Serie selbst in der synchronisierten Fassung zweisprachig bleibt, um die Dualität der kulturellen Identität beizubehalten – da wird unentwegt zwischen Englisch und Spanisch gewechselt, selbst innerhalb eines Dialoges. Für nette Berieselung im Hintergrund ist das deshalb weniger geeignet, in mehrfacher Hinsicht. Spaß macht Gentefied aber durchaus, obwohl hier weniger auf für Sitcom typische Lacher gesetzt wird als auf eigenwillige und eigensinnige Figuren. Die können auch mal anstrengend sein, wie Familie nun mal ist. Aber sie wirkt dadurch lebendig genug, dass man gerne mit ihnen Zeit verbringt, über das Leben nachgrübelt und sich fragt, wer man eigentlich ist und wohin man will.

Credits

OT: „Gentefied“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Marvin Lemus, America Ferrera, Marta Cunningham, Aurora Guerrero, Andrew Ahn
Drehbuch: Marvin Lemus, Linda Yvette Chávez, Alessia Costantini, Arielle Díaz, Monica Macer, Emilia Serrano, Camila María Concepción, Jamie Bess Tunkel
Idee: Marvin Lemus, Linda Yvette Chávez
Kamera: Logan Schneider
Besetzung: Joaquín Cosío, J.J. Soria, Karrie Martin, Carlos Santos, Julissa Calderon, Annie Gonzalez

Bilder

Trailer



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Gentefied – Staffel 1
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Gentefied – Staffel 1
„Gentefied“ erzählt von einer mexikanisch-amerikanischen Familie in einem Viertel, das im Wandel begriffen ist. Die Serie verknüpft dabei das Thema der kulturellen Identität mit dem der Gentrifizierung, lässt ihre Figuren nach sich selbst suchen und zwingt sie zu schwierigen Entscheidungen. Das ist viel Stoff, aber unterhaltsam umgesetzt, mit lebendigen Figuren, die trotz ihrer Eigensinnigkeit nahe genug sind, um mit ihnen bis zum Ende zu gehen.
7von 10

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