Kritik

Verbündete Feinde Frères ennemis Close Enemies Netflix

„Verbündete Feinde“ // Deutschland-Start: 29. Januar 2020 (Netflix)

Ganz ohne Risiko ist das Leben eines Drogenhändlers natürlich nicht, dessen ist sich auch Manuel (Matthias Schoenaerts) bewusst. Doch als ein großer Coup in der Katastrophe endet, seine Komplizen auf offener Straße erschossen werden, geht das auch dem ansonsten unbekümmerten, abgebrühten Verbrecher nahe – schließlich war er mit einem davon, Imrane (Adel Bencherif), befreundet. Außerdem wird er dazu gedrängt, die Täter sowie die gestohlene Beute ausfindig zu machen, sonst geht es ihm selbst an den Kragen. Unterstützung erhält er dabei von Driss (Reda Kateb), den er seit seiner Jugend kennt, dessen Verhältnis zu ihm später aber sehr schwierig wurde. Und das aus gutem Grund, arbeitet Driss doch ausgerechnet als Polizist in der Abteilung Drogen, Imrane war im Geheimen sein Informant…

Wenn zwei Protagonisten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, aufgrund äußerer Bestimmungen zusammenarbeiten müssen, dann weiß das erfahrene Publikum im Vorfeld schon: Die werden Freunde! So zumindest ist das Gesetz des Buddy Movies, vor allem, wenn das Ganze auch noch im Rahmen eines Roadmovies stattfindet. Gesetze gibt es in Verbündete Feinde, ebenso Straßen. Doch die ersten werden geflissentlich ignoriert, teils selbst von den Gesetzeshütern. Und die Straßen sind hier kein verbindendes Element, sondern sind im Gegenteil ein Ort, an dem kräftig Blut vergossen wird.

Der Mensch, das einsame Wesen
Ohnehin sind Verbindungen in dem Krimidrama eine sehr seltene Angelegenheit. Manuel, von den anderen nur Manu genannt, hat solche zwar. Er ist ein offener Mensch, der irgendwie mit allen gut auskommt, wie die ersten Szenen andeuten. Doch mit der Mutter seines Sohnes hat er ein schwieriges Verhältnis, in Verbrecherkreisen ist grundsätzlich niemandem zu trauen, der einzige echte Freund – Imrane – war drauf und dran, ihn zu verraten und wird vor seinen Augen erschossen. Driss geht es nicht besser, er ist sowohl bei der Arbeit wie auch im Privatleben isoliert, er hat sich sowohl von seinen Eltern wie auch seiner Herkunft entfremdet, wie zwei kurze, aber prägnante Szenen zeigen.

Der neueste Film von Regisseur und Drehbuchautor David Oelhoffen (Den Menschen so fern) überzeugt gerade in diesen eher kleinen Momenten, die mehr der Etablierung der Figuren dienen. Er braucht hierfür auch keine wirklichen Worte, vieles erschließt sich intuitiv. Das bedeutet zwangsläufig, dass nicht alles bis ins Detail erklärt wird. Es liegt eher am Publikum, die Leerstellen zu füllen und Rückschlüsse zu ziehen. Verbündete Feinde ist stärker mit der Atmosphäre beschäftigt als mit dem tatsächlichen Inhalt. Die ist dafür gut gelungen, der Franzose zeichnet das Bild einer trostlosen Gesellschaft, in der jeder auf sich allein gestellt ist, auch weil die Menschen mehr gar nicht zulassen.

Drama voller Hoffnungslosigkeit
Das zeigt sich bereits in dem Titel, zumindest der Originalfassung: Frères ennemis, zu Deutsch „verfeindete Brüder“. Unter diesem hatte der Film 2018 bei den Filmfestspielen von Venedig Premiere, lief auch auf anderen Filmfesten, bis er nun über Netflix offiziell den Weg zu uns findet. Dass er es noch geschafft hat, ist eine gute Nachricht, sofern man mit den richtigen Erwartungen herangeht. Über weite Strecken handelt es sich mehr um ein Drama als einen wirklichen Genrebeitrag. Geschossen wird zwar, es dürfen dabei eine Reihe von Figuren ihr Leben verlieren. Aber es ist mehr das Milieu an sich und die dortige Hoffnungs- bzw. Perspektivlosigkeit, welche im Zentrum von Oelhoffens Interesse steht.

Das bedeutet leider auch, dass die Geschichte an sich wenig erwähnenswert ist. Ein bisschen sorgen diverse Verwicklungen noch für Abwechslung – wer steckt dahinter? Wer ist wem in den Rücken gefallen? Allzu viel sollte man sich davon aber nicht erhoffen. Bedauerlich ist zudem, dass die beiden Hauptdarsteller kaum gemeinsam auftreten. Für sich genommen überzeugt jeder von ihnen, Matthias Schoenaerts (Der Geschmack von Rost und Knochen) tritt mal wieder als grobschlächtiger Charmeur auf, Reda Kateb (Alles außer gewöhnlich) als innerlich zerrissener Polizist. Aber es wäre schön gewesen, das Verhältnis der beiden noch etwas mehr zu beleuchten, so wie es der Titel verspricht, sich zudem nicht ganz so sehr auf den üblichen Krimikonventionen auszuruhen.

Credits

OT: „Frères ennemis“
IT: „Close Enemies“
Land: Frankreich
Jahr: 2018
Regie: David Oelhoffen
Drehbuch: David Oelhoffen
Musik: Superpoze
Kamera: Guillaume Deffontaines
Besetzung: Matthias Schoenaerts, Reda Kateb, Sabrina Ouazani, Nicolas Giraud, Gwendolyn Gourvenec

Bilder

Trailer



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Verbündete Feinde
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Verbündete Feinde
„Verbündete Feinde“ erzählt von einem Verbrecher und einem Polizisten, die sich aus ihrer Jugend kennen und nun beide einen Mord aufklären wollen. Das Krimidrama überzeugt dabei durch die düstere Atmosphäre und die beiden Hauptdarsteller, zeigt eine Welt, in der jeder für sich kämpft. Vom Inhalt sollte man sich aber nicht zu viel erwarten.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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