Kritik

Unsolved Mysteries Netflix

„Unsolved Mysteries – Ausgabe 1“ // Deutschland-Start: 1. Juli 2020 (Netflix)

Nachdem sich True Crime Dokus als echter Publikumsmagnet herausgestellt haben, sorgt Netflix dafür, dass es in regelmäßigen Abständen Nachschub gibt. Zuletzt bewegte sich der Streamingdienst jedoch weg von den klassischen unaufgeklärten Verbrechen, setzte entweder auf den Schockfaktor (Der Fall Gabriel Fernandez, Jeffrey Epstein: Stinkreich) oder präsentierte eine Reihe ausgesprochen kurioser Figuren (Großkatzen und ihre Raubtiere). Der Mysteryaspekt, welcher sonst maßgeblich den Reiz einer True Crime Doku ausmacht, spielte dort keine wirkliche Rolle mehr. Es ging nicht mehr darum, über eine mögliche Wahrheit zu spekulieren und Hypothesen aufzustellen, die Zuschauer und Zuschauerinnen sollten anderweitig involviert werden.

Rückkehr eines TV-Klassikers
Mit Unsolved Mysteries geht Netflix nun wieder stärker zu den Ursprüngen, in mehrfacher Hinsicht. Auch wenn die Serie zumindest bei uns als Neustart verkauft wird, handelt es sich bei der ausgestrahlten Staffel um die 15. Tatsächlich erschien schon 1987 die erste Ausgabe, bis 2010 wurden mit Unterbrechungen weit über 500 Folgen ausgestrahlt. Anders als die True Crime Dokus, die heute üblich sind, arbeitete man seinerzeit aber mit einem Moderator, der durch die Sendung führte und das Publikum direkt ansprach. Das sollte die Geschichten nicht nur persönlicher machen, sondern ging mit der Aufforderung einher, sich mit Hinweisen zu melden – vergleichbar zu unserem Aktenzeichen XY … ungelöst.

Diese Aufforderung gibt es auch am Ende der neuen sechs Folgen, auf einen Moderator verzichtete man jedoch. Ob man einen solchen als nicht mehr zeitgemäß empfand oder schlicht etwas Neues machen wollte, das sei dahingestellt. Aber es kostet Unsolved Mysteries schon auch etwas von seiner Persönlichkeit. Ein Großteil der Geschichten besteht darin, dass irgendwelche Leute interviewt werden, die im Zusammenhang mit dem Fall stehen – die gefürchteten Talking Heads also. Eine andere Idee, wie man sich vielleicht von der Konkurrenz unterscheiden könnte, hatte man aber ebenso wenig, weshalb die Serie innerhalb dieses inzwischen hart umkämpften Segment nur wenig hervorsticht.

Die Lösung liegt in den Sternen
Eine große Ausnahme ist Folge fünf: Formal gleicht die zwar den anderen, inhaltlich begibt man sich aber auf völlig anderes Terrain. Während in den anderen fünf Fällen Menschen ermordet wurden oder verschwunden sind, geht es hier um eine mögliche UFO-Sichtung. Das dürfte diejenigen verwirren, die das Original nicht kennen. Fans hingegen dürfen sich freuen, dass man die besondere Mischung aus realen Kriminalgeschichten und übernatürlichen Ereignissen, welche immer zu Unsolved Mysteries gehörte, offensichtlich beibehalten möchte. Leider ist das erste Beispiel jedoch weniger spannend. Da es hier keiner irgendwie physische Anhaltspunkte gibt, dass tatsächlich etwas passiert ist, läuft es darauf hinaus, dass man den Erzählungen der Leute Glaube schenken muss.

Bei den traditionelleren Kriminalfällen ist das naturgemäß einfacher. Einzelne erscheinen einem sogar derart klar, dass es hier eher um ungesühnte als unerklärliche Verbrechen geht. An manchen Stellen ist das schwer zu ertragen, etwa der einen Episode über ein offensichtlich rassistisches Hassverbrechen. Eine andere, bei der es um mutmaßlichen Mord innerhalb der Familie geht, läuft es einem eiskalt den Rücken runter. Dieser Effekt ist natürlich so auch beabsichtigt, Unsolved Mysteries ist wie andere True Crime Dokus auch zuweilen recht manipulativ. Wer sich anschließend über die Fälle informiert, wird beispielsweise feststellen, dass immer mal wieder Punkte verschwiegen werden, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Eine weitere Schwäche ist, dass hier tendenziell alles in die Länge gezogen wird. Wer sich daran nicht stört, bekommt einen soliden Vertreter mit einigen interessanten bis erschreckenden Fällen, denen sicherlich noch weitere folgen werden.

Credits

OT: „Unsolved Mysteries“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Marcus A. Clarke, Jimmy Goldblum, Clay Jeter

Bilder

Trailer

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Unsolved Mysteries – Ausgabe 1
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Unsolved Mysteries – Ausgabe 1
„Unsolved Mysteries“ belebt einen US-TV-Klassiker neu, indem reguläre True Crime Fälle mit paranormalen verbunden werden. Während der Verzicht auf einen Moderator bedauerlich, andere Punkte wie die manipulativen Tendenzen sogar ärgerlich sind, sind die Fälle an sich teils durchaus interessant, laden mal zum Grübeln ein, können aber auch richtig schockieren.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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