„The Alienist“, USA, 2018
Regie: Jakob Verbruggen, James Hawes, Paco Cabezas, David Petrarca, Jamie Payne
Drehbuch: Hossein Amini, Eric Max Frye, Gina Gionfriddo, Cary Joji Fukunaga, John Sayles, Chase Palmer
Vorlage: Caleb Carr; Musik: Rupert Gregson-Williams
Darsteller: Daniel Brühl, Luke Evans, Dakota Fanning, Douglas Smith, Matthew Shear 

Die Einkreisung

„Die Einkreisung“ ist seit 19. April 2018 auf Netflix verfügbar

New York City, 1896: Die grotesk verstümmelte Leiche eines Jungen wurde auf einer Brücke gefunden, gekleidet als Mädchen. Normalerweise würde den Fall niemand interessieren. Wer vermisst schließlich schon einen Stricher? Als aber auch andere Morde geschehen, steigt die Nervosität. Der Psychologe Dr. Laszlo Kreizler (Daniel Brühl) soll im Namen der Polizei die Sache untersuchen, um auch das Motiv des Täters herauszufinden. Unterstützt wird er dabei von dem New York Times Illustrator John Moore (Luke Evans) und der Polizeisekretärin Sara Howard (Dakota Fanning), die insgeheim hofft, irgendwann selbst einmal Polizeichefin zu sein. Aber nicht alle sind derart kooperativ. Teile der Polizei fühlen sich durch die Außenseiter bedroht. Und im Prostitutionsmilieu will ohnehin niemand mit den Ermittlern reden. Derweil geht das Morden jedoch weiter und nimmt dabei immer barbarischere Formen an.

Dass Vorfreude manchmal die schönste Freude ist, das führte einem kürzlich Die Einkreisung vor Augen. Die Besetzung der Krimiserie zumindest ist hochkarätig: Immerhin standen hier Daniel Brühl (Inglourious Basterds), Luke Evans (Die Schöne und das Biest), Dakota Fanning (Night Moves) vor der Kamera. Hinzu kommen einige größere Namen auf der Produzenten- bzw. Drehbuchseite, die Lust auf mehr machen. Hossein Amini hatte zuvor unter anderem für Drive und Die zwei Gesichter des Januars geschrieben, Cary Joji Fukunaga ist vor allem als Mann hinter der ersten Staffel von True Detective bekannt. Lauter illustre Filmemacher also, zudem allesamt sehr genreerfahren.

Schicker Ausflug in die Vergangenheit
Zunächst einmal macht Die Einkreisung dann auch einen fantastischen Eindruck. Dass hier richtig viel Geld hineingepumpt wurde, das wird auf den ersten Blick ersichtlich. Die vornehmen Häuser der oberen Gesellschaft, die kleinen Gassen, in denen Jungen ihre Körper verkaufen, die majestätischen Aufnahmen von New York City, das ist ein schon sehr schicker Anblick, unterstützt von aufwendiger Beleuchtung und der aufwendigen Ausstattung sowie der Kostüme. Er ist vielleicht sogar etwas zu schick, da die Netflix-Serie teilweise die Grenze von kunstvoll zu künstlich überschreitet und die edle Aufmachung nicht so ganz zu den dreckigen Abgründen passt, welche hier für sich reklamiert werden.

Dennoch, an der Optik liegt es nicht, dass Die Einkreisung eine derartige Enttäuschung ist. Es ist der Rest. Die Geschichte selbst ist beispielsweise der Verpackung nicht wirklich würdig. Der Mord an Prostituierten, das ist nun wirklich kein origineller Einfall, um daraus einen packenden Kriminalfall zu basteln. Das wird hier zwar ein bisschen abgewandelt, indem es als Mädchen aufgemachte Jungen sind. Das hat jedoch lediglich Auswirkungen auf die Reaktion der Behörden, die darin gleich mehrfach Perversion sehen. Auf die Ermittlungen hat dies keinen Einfluss.

Das plumpe Spiel mit den Abgründen
Letztere sind dann auch einer der großen Schwachpunkte der Serie. Während sich Die Einkreisung oft in den Dramen rund um die Personen suhlt und mit großen Worten um sich wirft, wird zu selten darüber nachgedacht, ob das, was hier geschieht, auch nur im geringsten plausibel ist. Dabei geht es weniger um das Ergründen der Motivation – einer der Schwerpunkte der Adaption von Caleb Carrs gleichnamigen Roman. Der Versuch, in dem Wahnsinn der Tat einen Grund zu entdecken, ist immerhin noch am Menschen interessiert. The Alienist, wie die Serie im Original heißt, bezieht sich darauf, dass psychisch Kranke seinerzeit als von sich selbst entfremdet galten. Schade ist dabei jedoch, dass es reine Lippenbekenntnisse sind, die Suche kein sonderlich spannendes Ergebnis hervorbringt, die Auflösung ebenso abgestanden ist wie das Szenario.

Das größte Verbrechen ist jedoch die Schlampigkeit, mit der die Geschichte erzählt wird. Da werden Konflikte aufgebaut, ohne dass je ein Grund erkennbar wird, die Leute verhalten sich – egal ob nun auf der guten oder bösen Seite – auf wenig nachvollziehbare Weise. Manches mag auf die mangelnde Kommunikation zurückzuführen sein. Das meiste ist aber einfach nicht durchdacht und unnötig umständlich. Es wird zwar immer so getan, als wäre ein Anlass für jede Tat da. Das aber einfach nur zu behaupten, reicht nicht, da sollte schon ein erkennbarer Zusammenhang zwischen Dialogen und Handlung sein. Die Willkürlichkeit wird durch die Schauspieler leider noch verstärkt, die trotz des unbestreitbaren Talents daran scheitern, aus den Wortkonstrukten etwas erkennbar Menschliches zu machen. Ob sie nun miteinander agieren oder allein unterwegs sind, die Figuren sind ebenso künstlich wie die Aufmachung. Wenn zwischendurch auch noch sehr offensichtlich bei Sherlock Holmes und Hannibal geklaut wird, dann wird es sogar ziemlich lächerlich. Zeitweise macht es durchaus Spaß, durch das New York des späten 19. Jahrhunderts zu wandern, auf der Suche nach Antworten und weiteren Leichen. Der Spaß wird im Laufe der zehn Folgen aber immer kleiner, bis am Ende nur noch eine Frage übrig ist: Wie, das war alles?

Die Einkreisung
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Die Einkreisung
„Die Einkreisung“ lockt zunächst mit einer sehr edlen Aufmachung und jeder Menge talentierter Darsteller. Doch im Laufe der zehn Folgen macht sich erst Ernüchterung, später Enttäuschung wenn nicht gar Ärger breit. Dass die Geschichte eher langweilig ist, wäre vielleicht noch zu verschmerzen. Schlimmer ist, dass weder Ermittlungen noch Figuren in irgendeiner Form nachvollziehbar sind, die Krimiserie sich mit großen Worten schmückt, ohne zu merken, wie lächerlich sie sich macht.
5von 10

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