Kritik

Mosul Netflix

„Mosul“ // Deutschland-Start: 26. November 2020 (Netflix)

Seit der Eroberung durch den Islamischen Staat ist die nordirakische Stadt Mossul zu einem der wichtigsten Stützpunkte der Terrororganisation geworden, jeder Versuch, sie von den Besatzern zu befreien, ist bislang fehl geschlagen. Doch die Männer des Elite-SWAT-Teams Nineveh haben die Hoffnung nicht aufgegeben, die Freiheit zurückzugewinnen. Angeführt von dem erfahrenen Major Jasem (Suhail Dabbach) haben sie den Kampf gegen die Islamisten aufgenommen, angetrieben von der Wut und dem Schmerz, selbst nahestehende Menschen an sie verloren zu haben. Neuester Zugang ist der Polizist Kawa (Adam Bessa), den das Team kurz vorher selbst aus einem Feuergefecht gerettet hat und der nun an der Seite der anderen gegen die Übermacht kämpft …

Mehr als drei Jahre ist es inzwischen her, dass die nordirakische Stadt Mossul von der Schreckensherrschaft durch den Islamischen Staat befreit wurde, eine internationale Koalition der unterschiedlichsten Truppen machte es möglich. Eine davon war Nineveh. Im Gegensatz zu den großen Armeen, die im Auftrag von Staaten oder Regionen kämpften, handelte es sich hier um eine kleine, selbstorganisierte Einheit, die von persönlichen Motiven angetrieben waren, die Terrormilizen zu vertreiben. Der Netflix-Film Mosul hat dieser Widerstandgruppe ein kleines Denkmal gesetzt, ist den mutigen Männern gewidmet, die im Kampf für die Freiheit ihr Leben gelassen haben.

Ein Krieg ohne scharfe Grenzen
Im Grunde handelt es sich hierbei also um einen dieser typischen Helden-Epen, die im Bereich des Kriegsfilms immer wieder produziert werden. Ungewöhnlich ist Mosul, das bei den Filmfestspielen von Venedig 2019 Premiere feierte, in erster Linie durch das Setting und die Besetzung. Die letzten internationalen Kriege, seien es nun die in Afghanistan, im Irak oder in Syrien, werden nach wie vor eher selten thematisiert – wohl auch weil der Westen sich hier nicht vergleichbar glorreich in Szene setzen kann wie bei den nach wie vor sehr beliebten Filmen zum Zweiten Weltkrieg. Zu schwierig ist da mitunter die Einteilung in Gut und Böse, von dem wenig schmeichelhaften Ergebnis ganz zu schweigen. Hier gibt es keine glorreichen Geschichten von der Befreiung, sondern am Ende das Chaos und die Frage, ob nicht alles viel schlimmer geworden ist.

Mosul ist eine der selten Erfolgsgeschichten, als die traditionsreiche Stadt im Irak – wenn auch mit großen Verlusten – befreit wurde. Umso bemerkenswerter ist, dass hier mal nicht US-Soldaten geehrt werden, sondern Einheimische, die in einem Hollywood-Streifen höchstens als Sidekick oder Terroristen eine Chance gehabt hätte. Es findet auch keine einseitige Verherrlichung durch Matthew Michael Carnahan statt, der nach zahlreichen Drehbucharbeiten wie Deepwater Horizon und Vergiftete Wahrheit hier sein Regiedebüt abgibt. Die Ambivalenz um Männer, die das Schicksal und das Recht in die eigenen Hände nehmen, auch um Rache auszuüben, bleibt dabei durchaus erhalten.

Konturloses Kanonenfutter
Wobei Carnahan so seine Schwierigkeiten hat, diesen Männern über dieses grundsätzliche Szenario hinaus Kontur zu verleihen. Vielleicht interessierte er sich auch nicht wirklich dafür. So oder so, tatsächliche Charaktere braucht man sich bei diesem Freiheitskampf nicht zu erhoffen. Am ehesten gelingt das noch bei Jasem, der die Truppe zusammenhält. Kawa wiederum darf als Neuling die Identifikationsfigur für das Publikum geben, da beide mitten rein in die Kämpfe geworfen werfen, dabei nicht wissen, wo oben und wo unten ist. Manchmal nicht einmal, wohin die Reise überhaupt gehen soll. Dafür reicht die Zeit einfach nicht.

Das ist dann weniger für ein Publikum geeignet, dass tatsächlich mit den Figuren mitfiebern möchte. Aber es ist doch ein effektives Mittel, um allgemein Spannung zu erzeugen. Auch wenn es in Mosul nicht unbedingt ein Dauerfeuer nach dem anderen gibt, so herrscht doch eine angespannte Atmosphäre. Das liegt zum einen am Bodycount, nicht jeder der angehenden Befreier wird das Ende noch miterleben. Und selbst wenn gerade nichts passiert, so besteht doch immer die Gefahr, dass etwas passiert, dass hinter der nächsten Ecke wieder der Feind wartet, von irgendwo her das Feuer eröffnet wird. Zusammen mit den eindrucksvollen, teils klaustrophobischen Stadtaufnahmen wird daraus vielleicht kein bahnbrechender Kriegsfilm, aber doch einer, mit dem man für eine ganze Weile die Außenwelt vergessen kann.

Credits

OT: „Mosul“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Matthew Michael Carnahan
Drehbuch: Matthew Michael Carnahan
Musik: Henry Jackman
Kamera: Mauro Fiore
Besetzung: Waleed Elgadi, Hayat Kamille, Thaer Al-Shayei, Suhail Dabbach, Adam Bessa, Is’haq Elias, Ben Affan, Mohimen Mahbuba

Bilder

Trailer

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Mosul
„Mosul“ erinnert an eine Spezialeinheit, die 2017 an der Befreiung der nordirakischen Stadt beteiligt war. Der Kriegsfilm gefällt durch eindrucksvolle Bilder und eine konsequent angespannte Stimmung, holt aber recht wenig aus den Figuren und ihren Geschichten heraus – die bleiben trotz der sehr persönlichen Beteiligung zu sehr auf Distanz.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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