Kritik

Uncorked Netflix

„Uncorked“ // Deutschland-Start: 27. März 2020 (Netflix)

Wenn es nach Elijah (Mamoudou Athie) ginge, er wüsste sofort, was er mit seinem Leben anfangen soll: Er will Sommelier werden! Er liebt den Wein, hat sich auch einiges an Wissen und Erfahrung angeeignet. Der nächste Schritt ist ein Kurs, an dessen Ende die schwierige Prüfung zum Meister steht. Während seine Mutter Sylvia (Niecy Nash) ihn bei seinen Träumen unterstützt, wo es nur geht, hält sein Vater Louis (Courtney B. Vance) gar nichts von seinen Plänen. Schließlich wollte der immer, dass sein Sohn in seine Fußstapfen tritt und das vom Großvater gegründete Grillrestaurant übernimmt. Als dann auch noch das Angebot für Elijah kommt, die Ausbildung in Paris fortzusetzen, ist das Familienglück endgültig Geschichte …

Wer bin ich? Und was will ich in meinem Leben erreichen? Das sind Fragen, die sich so ziemlich jeder mal stellen dürfte. Das gilt besonders für die schwierige Phase zwischen Kind und Erwachsenenalter, wenn es gilt, sich abzunabeln und einen eigenen Weg einzuschlagen. Aber auch später dürfen wir immer wieder unsere Entscheidungen hinterfragen und ein bisschen nach Selbstverwirklichung streben. Früher war das anders, auf gewisse Weise einfacher: Wer du bist, wurde von deinen Eltern oder auch der Gesellschaft entschieden. Individualität war kein erstrebenswertes Gut, vielmehr ein fremder Gedanke. Das hat sich inzwischen, trotz aller nach wie vor existierenden Erwartungen und Normen, deutlich geändert. Das bedeutet aber nicht nur, dass die jungen Menschen von heute vor so vielen Optionen stehen, dass man schon mal den Überblick verliert. Es kann auch zu Konflikten mit den Eltern führen, wenn die noch in einem anderen Umfeld aufgewachsen sind.

Eine schwierige Entscheidung
Von eben einem solchen Konflikt erzählt auch der neue Netflix-Film Uncorked. Im Mittelpunkt stehen ein junger Mann, der seinen Traum verfolgen will, und dessen Vater, der das nicht konnte. Für Letzteren war es selbstverständlich, das Geschäft des eigenen Vaters fortzuführen, die Familie steht schließlich über dem Einzelnen. Ebenso selbstverständlich war es für ihn, diese Tradition und damit das Geschäft seinem Sohn zu übertragen. Regisseur und Drehbuchautor Prentice Penny gibt sich dabei durchaus Mühe, diesen Konflikt nicht zu einseitig werden zu lassen. Während die Sympathien des Publikums zunächst zweifelsfrei bei Elijah liegen werden, auch wegen des aktuellen Ich-Zeitgeists, dürfen wir im weiteren Verlauf mehr über den Vater erfahren und verstehen, warum ihm das Restaurant so wichtig ist.

Uncorked spielt dabei auch schön mit einem weiteren Kontrast. Zwar sind beide Laufbahnen in der Kulinarik angesiedelt, könnten doch aber kaum unterschiedlicher sein: auf der einen Seite das bodenständige BBQ, in dem Rippchen serviert werden, auf der anderen die vornehme Weinwelt, in der über Geschmacksnoten, Tannin und Jahrgänge sinniert wird. Wenn sich Vater und Sohn nicht einig werden können, dann auch weil hier zwei Schichten aufeinanderprallen. Während der Vater aus der Arbeiterschicht kommt und durch harte Arbeit, auch körperliche, die Familie durchgebracht hat, ist die Tätigkeit des Sommeliers abgehobener, luxuriöser. Die Geschichte von Elijah ist daher auch die Geschichte eines schwarzen Mannes, der sich einen Platz in der reichen Welt der Weißen wünscht.

Gefällige Oberflächlichkeit
Wirklich ausgearbeitet werden diese Aspekte jedoch nicht. Allgemein hält sich die Tiefgründigkeit des Drehbuchs schon sehr zurück, es bleibt an vielen Stellen nur an der Oberfläche. Das zeigt sich besonders bei den Figuren. So sind etwa Elijahs Freunde und Kommilitonen ständig zu sehen, haben auch Einfluss auf die Geschichte und werden doch nie zu Charakteren. Bis zum Schluss weiß man praktisch nicht, wer sie sein sollen. Gleiches gilt für seine Freundin, die lediglich als Deko zum Einsatz kommt, das dann und wann mal Fragen beantworten darf. Besonders ärgerlich ist jedoch die Figur der Mutter, deren Krebserkrankung als billiger Katalysator missbraucht wird.

Das ist auch deshalb schade, weil die Schauspieler und Schauspielerinnen ihre Arbeit insgesamt prima machen. Mamoudou Athie (Underwater – Es ist erwacht, Unicorn Store) überzeugt als junger Mann, der etwas hin und her gerissen ist zwischen Pflicht und Sehnsucht, der auch mit der eigenen Unsicherheit zu kämpfen hat. Und auch das Zusammenspiel mit der Filmfamilie funktioniert gut, die gemeinsamen Szenen zwischen Elijah und seinen Eltern zählen zu den stärksten. Mehr als etwas rührseliges Gefälligkeitskino mit einem ungewöhnlichen Szenario ist Uncorked aber nicht geworden, zudem streng vorhersehbar. Überraschungen sind hier selten, das meiste kündigt sich frühzeitig an. Wen das nicht stört und einfach nur mal wieder ein leises Familiendrama sehen will, der kann hiermit glücklich werden. Ein Fall für cineastische Gourmets ist es jedoch weniger.

Credits

OT: „Uncorked“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Prentice Penny
Drehbuch: Prentice Penny
Musik: Hit-Boy
Kamera: Elliot Davis
Besetzung: Mamoudou Athie, Courtney B. Vance, Niecy Nash, Matt McGorry, Sasha Compere, Gil Ozeri, Kelly Jenrette, Bernard David Jones, Meera Rohit Kumbhani

Bilder

Trailer

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Uncorked
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Uncorked
In „Uncorked“ träumt ein junger Mann von einer Sommelier-Karriere, während dessen Vater auf die Fortführung des Grillrestaurants drängt. Das Drama zeigt schön die sich verändernden Werte und ist auch gut gespielt, lässt an vielen Stellen jedoch den nötigen Tiefgang vermissen und begnügt sich damit, rührseliges Gefälligkeitskino zu sein.
6von 10

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