Kritik

Tyler Rake Extraction Netflix

„Tyler Rake: Extraction“ // Deutschland-Start: 24. April 2020 (Netflix)

Für Geld macht Tyler Rake (Chris Hemsworth) eigentlich alles, er hat weder bei den Mitteln noch bei der Wahl der Auftraggeber größere Skrupel. Dieses Mal soll der mit Alkohol und Schmerzmitteln zugedröhnte Söldner für den mächtigsten Drogenbaron Indiens arbeiten. Genauer ist es dessen 14-jähriger Sohn Ovi (Rudhraksh Jaiswal), den er aus den Fängen von Amir (Priyanshu Painyuli) befreien soll, seinerseits ein mächtiger Gangsterboss in Bangladesch. Während Tyler dies noch vergleichsweise einfach gelingt, ist die Flucht aus der Millionenstadt Dhaka deutlich schwieriger. Schließlich steht die unter der Kontrolle von Amir, ohne sein Wissen und seine Zustimmung kommt keiner hinein – oder hinaus …

Ein bisschen leid kann einem Chris Hemsworth ja schon tun. So beliebt er auch als Donnergott Thor in den diversen Marvel-Abenteuern auch ist, außerhalb der Reihe will ihn irgendwie niemand sehen. Dabei hat der australische Schauspieler schon mehrfach bewiesen, dass deutlich mehr in ihm steckt. In Rush – Alles für den Sieg überraschte er als begabter Charakterdarsteller, sein komödiantisches Talent hat schon so manchen Film aufgewertet – seien es besagte Comic-Adaptionen oder mittelmäßige Komödien wie Ghostbusters oder Men in Black: International. Gebracht hat beides nichts. Legt er den Hammer weg, wird er für viele unsichtbar.

Handfeste Action
In Tyler Rake: Extraction probiert er es dann zur Abwechslung mal mit reiner Action. Dabei werden zwar göttliche Kräfte gegen irdische Schusswaffen ausgetauscht, ansonsten ist der Netflix-Film aber eine Mini-Marvel-Reunion. Regisseur ist Sam Hargrave, der zuvor bei mehreren Titel der Reihe für die Stunttätigkeiten zuständig war und nun erstmals die Geschichte in ihrer Gesamtheit verantwortet. Die wiederum geht auf einen Comic zurück, an dem unter anderem Joe und Anthony Russo beteiligt waren, also das Regieduo der Überblockbuster Avengers: Infinity War und Avengers: Endgame. Tatsächlich vergleichbar ist der neue Auftritt von Hemsworth aber nicht mit den vorangegangenen, auch wenn das Geschehen ähnlich überzogen ist.

Ein großer Unterschied ist, dass Tyler Rake: Extraction deutlich brutaler ausgefallen ist. Das liegt zum Teil natürlich daran, dass die Avengers kaum noch reale Action enthalten, sondern eine Aneinanderreihung von hektischen CGI-Zwischensequenzen sind, bei denen Fanservice wichtiger ist als der Kampf als solches. Insofern zahlt es sich aus, wenn mit Hargrave ein echter Fachmann für physische Einsätze die Figuren aufeinanderhetzt. Denn er hat ein besseres Gespür für Körperlichkeit und damit auch dafür, was weh tut oder was nur spektakulär aussieht. Das reicht dann zwar nicht für die Kunstfertigkeit von John Wick oder die brachiale Wucht von The Raid. Aber es tut doch zwischendurch gut, mal wieder Actionszenen zu sehen, die man sich zumindest theoretisch in dieser Welt auch vorstellen könnte.

Lang und inhaltlich problematisch
Dafür fehlt es dem Debütanten an dem notwendigen Gespür für das Tempo eines Films. Nicht dass es verkehrt wäre, Actionszenen immer mal wieder zu unterbrechen und für ein bisschen Ruhe zu sorgen. Nur ist Tyler Rake: Extraction insgesamt zu lang und aufgebläht. Zumal die Versuche, für ein bisschen Kontext und Hintergrund zu sorgen, so gar nicht überzeugen. Ein bisschen dahingerotztes Trauma reicht nicht aus, um aus dem Muskelprotz einen Menschen zu machen. Mit Alkohol besagtes Trauma ertränken zu wollen, ist ebenfalls ein derart übles Klischee, dass man es eigentlich nur noch ironisch unterbringen kann. Aber auch wenn hin und wieder mal ein kleines bisschen Augenzwinkern vorhanden ist, der Film meint zu vieles zu ernst. Und damit auch die diversen äußerst problematischen Ausführungen.

Eine White-Savior-Gewaltfantasie im Jahr 2020? Da muss man schon ein paar Entwicklungen der letzten Jahre verpennt haben. Die Darstellung von Bangladesch als einen Ort, der nur aus Gewalt, Armut und Korruption besteht, das ist auch mehr als unglücklich, zumal die Figuren ebenso plump gezeichnet sind wie der Titelheld. Zwar wird durch die Hinzunahme von der ebenfalls waffenbegabten Nik Khan (Golshifteh Farahani) versucht, das ein bisschen abzuschwächen. Eine dunkelhäutige Frau, die Männer abknallt, das ist zumindest nicht ganz alltäglich. Trotzdem hinterlässt hier so manches einen üblen Nachgeschmack. Auch der Pathos zum Ende, verbunden mit einer entsprechenden musikalischen Untermalung, macht nun wirklich keine Lust, ein etwaiges zweites Abenteuer anzuschauen. Gesetzt den Fall, man kann den Kopf hier für zwei Stunden komplett ausschalten, ist Tyler Rake: Extraction durchaus brauchbar, zumal das Charisma von Hemsworth auch begraben von Dreck noch strahlt. Trotzdem hätte man dem Australier einen besseren Film gewünscht, um seiner Karriere neuen Schwung zu verleihen.

Credits

OT: „Extraction“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Sam Hargrave
Drehbuch: Joe Russo
Vorlage: Ande Parks, Joe Russo, Anthony Russo, Fernando Leon Gonzalez, Eric Skillman
Musik: Henry Jackman, Alex Belcher
Kamera: Newton Thomas Sigel
Besetzung: Chris Hemsworth, Rudhraksh Jaiswal, Randeep Hooda, Pankaj Tripathi, Golshifteh Farahani, Suraj Rikame, David Harbour

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Tyler Rake: Extraction
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Tyler Rake: Extraction
„Tyler Rake: Extraction“ erzählt von einem Söldner, der den Sohn eines Drogenbarons aus den Fängen eines Konkurrenten befreien soll und am Ende gegen eine ganze Millionenstadt kämpft. Die Kämpfe sind teilweise sehr sehenswert, wenn auch eher brachial als elegant. Allerdings ist der Film zu lang und hat seinerseits mit einem teils sehr fragwürdigen Inhalt und nicht vorhandenen Charakteren zu kämpfen.
5von 10

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