Kritik

The Last Days of American Crime Netflix

„The Last Days of American Crime“ // Deutschland-Start: 5. Juni 2020 (Netflix)

Was zu viel ist, ist zu viel! Da die USA die ausufernde Kriminalität einfach nicht in den Griff bekommen, soll nun zu rabiateren Mitteln gegriffen werden: Mithilfe eines Funksignals, welche es den Menschen in Zukunft unmöglich machen soll, noch Verbrechen zu begehen. Für die Verbrechensrate klingt das prima, für die Verbrecher eher weniger, die sich auf diese Weise ihrer beruflichen Grundlage beraubt sehen. Bevor es so weit ist, wollen Kevin Cash (Michael Pitt) und seine Verlobte Shelby Dupree (Anna Brewster) aber noch einmal richtig abräumen und damit gleichzeitig in die Geschichte eingehen als Amerikas letzte Verbrecher. Dabei suchen sie die Unterstützung von Graham Bricke (Edgar Ramírez). Doch schon bei der ersten Begegnung läuft das nicht so wie gedacht …

Erst schießen, dann fragen – das scheint die Tage das Motto der US-Polizei zu sein. Bevor auch nur ein Verbrechen geschehen kann, machen wir lieber denjenigen gleich unschädlich, auf die eine oder andere Weise. Im Vergleich dazu ist The Last Days of American Crime fast schon human, stellt das Signal zwar ebenfalls einen massiven Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und freie Entfaltung ein. Immerhin muss man dafür aber nicht gleich mit dem Leben bezahlen. Vor allem nicht, wenn man gar nicht vorhatte, ein Verbrechen zu begehen, und der Polizist nur seine Macht beweisen wollte, alternativ seine Abscheu vor dem Aussehen des vermeintlichen Täters.

Relevante Fragen, keine Antworten
Sprengstoff bringt The Last Days of American Crime also einiges mit, gerade auch zu einer Zeit, in der die Polizeigewalt in den USA ein brennendes Thema ist. Nur interessiert sich der Film so gar nicht dafür. Die gesellschaftliche Komponente des Szenarios wird konsequent ausgeklammert, sieht man einmal von korrupten, besonders brutalen FBI-Agenten ab. Und auch der philosophische Aspekt wird komplett in den Müll gekickt. Dabei ist Idee des Überwachungsstaats im Science-Fiction-Genre fest verankert, Beispiele für dystopische Zukunftsvisionen gibt es mehr als genug. Psycho-Pass beispielsweise arbeitete ebenfalls mit einer präventiven Verbrechungsbekämpfung, wenn die Gesinnung und Kriminalitätsbereitschaft der Menschen zu jeder Zeit einsehbar war – mit drastischen Folgen.

Der Netflix-Film nimmt die Idee aber nur als Aufhänger, um dem Coup eine zeitliche Brisanz zu verleihen. Schließlich heißt es hier noch hurtig ein Verbrechen begehen, bevor es eben nicht mehr geht. Wie im Sommerschlussverkauf. Das ist natürlich schon irgendwo Verschwendung, auf eine bizarre Weise, wenn Film und Inhalt so wenig miteinander zu tun haben. Schlimmer noch ist aber, dass die Adaption einer Graphic Novel von Rick Remender und Greg Tocchini losgelöst von dem Szenario so gar nichts zu bieten hat, weswegen es sich lohnen würde hier einzuschalten. Im Grunde handelt es sich bei The Last Days of American Crime um einen schrecklich gewöhnlichen Actionthriller, der weder bei der Geschichte noch den Figuren etwas zu sagen hat.

Lass uns darüber reden
Das soll nicht heißen, dass es nicht doch einer versucht: Geredet wird hier nämlich eine Menge. Tatsächlich ist die gewaltige Geschwätzigkeit von The Last Days of American Crime einer der Gründe, weshalb man sich früh ein entsprechendes Signal herbeisehnt, welches die Menschen zum Verstummen bringt. Die Figuren sind so sehr auf vermeintlich cool getrimmt, dass man sie eher für Karikaturen von Gangstern hält. Mit entsprechend Humor verbunden hätte das vielleicht Spaß machen können, etwa im Stile von Tank Girl. Leider nehmen sich die Leute hier aber alle wahnsinnig ernst, werfen sich ausgedehnte Dialoge um die Ohren, die vermutlich für irgendjemanden da draußen wohl imposant klangen, vielleicht gar clever. Sie sind es aber nicht.

Damit einher geht ein Film, der nicht minder aufgeblasen ist als die schmerzhaften Wortfetzen, die durchs Zimmer wabern. Der französische Regisseur Olivier Megaton, dank Filmen wie Colombiana oder 96 Hours – Taken 2 eigentlich durchaus mit dem Genre des Actionthrillers vertraut, zeigt hier so gar kein Gespür für Tempo. Bis das Geschehen überhaupt mal Fahrt aufnimmt, dauert es eine Ewigkeit. Und selbst dann bleibt es holprig. Dann und wann gibt es mal Szenen, die ein wenig für die Tortur entschädigen und ein bisschen daran erinnern, dass hier ein Comic am Anfang stand. Aber es sind zu wenige, um auch nur ansatzweise die zweieinhalb Stunden zu rechtfertigen, die trotz eines allgegenwärtigen Countdowns kein Ende nehmen wollen.

Credits

OT: „The Last Days of American Crime“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Olivier Megaton
Drehbuch: Karl Gajdusek
Vorlage: Rick Remender, Greg Tocchini
Musik: The Limiñanas, David Menke
Kamera: Daniel Aranyó
Besetzung: Édgar Ramírez, Anna Brewster, Michael Pitt, Sharlto Copley

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The Last Days of American Crime
3.73 (74.62%) 26 Artikel bewerten

The Last Days of American Crime
„The Last Days of American Crime“ mag von den letzten Tagen der US-amerikanischen Kriminalität erzählen, bevor ein neues Funksignal alle Menschen an bösen Taten hindert. Der Film fühlt sich aber mehr so an, als würde er einige Monate dauern. Das an und für sich vielversprechende Szenario wird nicht im Geringsten genutzt, dafür gibt es endlose Dialoge, die ebenfalls unter Strafe gestellt werden sollten und das Tempo des zweieinhalbstündigen Actionthrillers torpedieren.
3von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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