Kritik

Über das Ergebnis hinaus Ultras Netflix

„Über das Ergebnis hinaus“ // Deutschland-Start: 20. März 2020 (Netflix)

Im Leben von Sandro (Aniello Arena) gab es immer nur eines: Fußball! Das war seine Leidenschaft. Eine Leidenschaft, der er zusammen mit den anderen Männern der Apachen immer wieder Ausdruck verliehen hat – teils mit Gewalt. Doch dieses Leben nähert sich nun seinem Ende, die italienische Regierung will den Ultras in Zukunft den Zutritt verweigern, um so die blutigen Zusammenstöße in den Stadien zu verhindern. Für Sandro bedeutet dies eine gewaltige Umstellung. Kann er ein Leben abseits der Fankurve führen? Ist er bereit, sich etwas Solides aufzubauen, mit einer gewöhnlichen Beziehung? Und auch für die nachfolgende Generation von Ultras um den 16-Jährigen Angelo (Ciro Nacca) ist es eine schwierige Zeit …

Für die einen ist es maximal ein netter Zeitvertreib, dem man hin und wieder nachgehen kann, aber nicht unbedingt muss, für die anderen ist es eine Art Lebensinhalt: Sport kann für die Menschen die unterschiedlichsten Bedeutungen haben. Das betrifft nicht allein das Ausüben des Sports. Gerade die Fans von Mannschaften können sich manchmal derart stark mit ihren Lieblingen identifizieren, dass für etwas anderes kein wirklicher Platz mehr ist. Das kann man nun belächeln, als harmlose Spinnerei abtun. Problematisch wird es, wenn diese Fixierung mit Gewaltbereitschaft einhergeht, es in Stadien zu blutigen Eskalationen kommt – ein Phänomen, das gerade auch mit Fußball in Verbindung gebracht wird.

Über das Leben ohne Fußball
Filme zu dem Thema hat es im Laufe der Zeit immer mal wieder gegeben, beispielsweise Hooligans mit Elijah Wood. Nun nimmt sich auch das italienische Netflix-Drama Über das Ergebnis hinaus dieser Thematik an, wenn ein langjähriger Ultra am Übergang zum Leben danach ist. Hier gibt es dann zwar keine Hollywood-Stars, die Besetzung besteht aus wenig bekannten Darstellern. Regisseur und Drehbuchautor Francesco Lettieri gibt hier zudem sein Spielfilmdebüt. Doch das bedeutet nicht, dass der Film nichts zu sagen hätte. Im Gegenteil: Die Geschichte mag sich um Fußball-Fanatiker drehen, beschäftigt sich aber auffallend wenig mit dem Fußball an sich. Auch das Stadion, von dem immerzu die Rede ist, wird im Laufe der rund 110 Minuten ein fremder Ort bleiben.

Statt des Sportes interessiert sich Lettieri in erster Linie für die Figuren. Zwei Fragen sind es, die ihn umtreiben. Was treibt einen Menschen dazu, sein Leben derart verbissen einer Sache zu verschreiben, die im Grunde genommen keiner braucht? Und was macht es mit diesem Menschen, wenn diese Sache nicht mehr da ist oder zumindest an Bedeutung verliert? Zu diesem Zweck lässt Über das Ergebnis hinaus zwei Figuren aufeinandertreffen: die eine am Anfang ihrer Ultra-Laufbahn, die eine am Ende. Der eigentliche Austausch kommt dabei jedoch relativ kurz. Anstatt den Älteren als eine Art Mentor auftreten zu lassen, der seine gesammelten Weisheiten an die Jungen weitergibt, ist Sandro letztendlich genauso ratlos wie zu Beginn seiner Laufbahn.

Die Suche nach Antworten und Identität
Tatsächliche Antworten sollte man sich von Über das Ergebnis hinaus dann auch lieber nicht erwarten, mit solchen geizt der italienische Filmemacher. Um ein nachlässiges Versäumnis handelt es sich dabei jedoch nicht. Vielmehr ähnelt das Drama den vielen Coming-of-Age-Geschichten um Menschen, die vor einer großen, unübersichtlichen Welt stehen und ihren Platz darin suchen. Mit dem Unterschied eben, dass man mit knapp 50 Jahren noch immer auf der Suche sein kann. Das ist im Grundsatz sympathisch, so wie man hier allgemein darum bemüht ist, Sandro nicht zu schlecht erscheinen zu lassen. Die gewaltsamen Ausschreitungen werden deshalb nicht so wahnsinnig ausgebreitet. Es geht schließlich um den Menschen hinter der Gewalt.

Es geht aber auch um die Sehnsucht nach einem Gemeinschaftsgefühl und einer eigenen Identität. Es geht um toxische Männlichkeitsbilder, die auf Gewalt und dem Recht des Stärkeren basieren. Jeder Zweifel an diesen Bildern ist Höchstverrat, weckt er doch die eigene Unsicherheit. Dieser Blick auf eine in sich geschlossene Gruppe, die allem Fremden misstrauisch bis feindlich gegenübersteht, ist durchaus überzeugend, gerade auch in den dokumentarisch anmutenden Szenen. Einzelne Störfaktoren torpedieren diesen Eindruck jedoch, darunter die nicht immer passende Synthie-Musik oder diverse Sexszenen, die keinen wirklichen inhaltlichen Zweck haben. Empfehlenswert ist Über das Ergebnis hinaus aber trotz dieser Einschränkungen.

Credits

OT: „Ultras“
Land: Italien
Jahr: 2020
Regie: Francesco Lettieri
Drehbuch: Francesco Lettieri
Musik: Liberator
Kamera: Gianluca Palma
Besetzung: Aniello Arena, Ciro Nacca, Simone Borrelli, Daniele Vicorito, Salvatore Pelliccia, Antonia Truppo

Trailer

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Über das Ergebnis hinaus
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Über das Ergebnis hinaus
„Über das Ergebnis hinaus“ erzählt von einem Mann am Ende seiner Ultra-Laufbahn und einem Jugendlichen, der darin noch seine Heimat sucht. Das italienische Drama wirft auf diese Weise einen interessanten Blick auf eine in sich geschlossene Gruppe und auf Menschen, die notfalls mit Gewalt eine eigene Identität suchen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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