Kritik

Blood Water Netflix

„Blood & Water“ // Deutschland-Start: 20. Mai 2020 (Netflix)

Ganze 17 Jahre ist es inzwischen her, dass die Schwester von Puleng Khumalo (Ama Qamata) verschwunden ist, direkt nach deren Geburt wurde sie entführt. Doch auch so viel Zeit später wird das Gedenken an sie hochgehalten, wird jedes Jahr ihr Geburtstag gefeiert und an sie gedacht – auch wenn das den Kindern nicht sonderlich gut tut. Aber es kommt noch schlimmer, schließlich wird dem Vater vorgeworfen, das Mädchen damals an einen Menschenhändlerring verkauft zu haben. Als Puleng eines Tages zufällig Fikile Bhele (Gail Mabalane) über den Weg läuft, die am selben Tag wie ihre verschwundene jüngere Schwester Geburtstag hat, steht für sie fest, dass es sich in Wirklichkeit um sie handeln muss. Und so beschließt sie, die Schule zu wechseln und der Sache weiter nachzugehen …

Und schon wieder eine Teenie-Drama-Serie. Zuletzt hat Netflix bei der Veröffentlichung eigener Serien nicht unbedingt mit Vielfalt geglänzt, zumindest in Hinblick auf die neu gestarteten Titel lässt das mitunter an Abwechslung zu wünschen übrig. Gerade der Jugendbereich wurde sehr viel mit neuem Stoff versorgt. Das kann mal sehenswert sein, wie etwa bei Noch nie in meinem Leben …, das typische Teenagerprobleme mit der Frage kultureller Idee verknüpfte – und Humor. Ansonsten war aber viel Austauschbares dabei: Ob nun Drei Meter über dem Himmel, Love 101 oder Outer Banks, tatsächlich gesehen haben muss man das alles nicht, was der Streamingdienst da serviert.

Das nicht alltägliche Drama
Das gilt leider auch für Blood & Water, den jüngsten Neuzugang im alltäglichen Zirkus. Der Anfang macht dabei noch vergleichsweise neugierig, das Thema Menschenhandel ist doch ein recht ungewöhnlicher Aufhänger für ein Schuldrama. Außerdem ist Südafrika als Schauplatz ebenfalls weniger häufig, zumindest ein Südafrika, das hauptsächlich von der schwarzen Bevölkerung bewohnt wird. Das wird auch tatsächlich thematisiert: Mitschülerin Wendy (Natasha Thahane) wird nicht müde, im Unterricht auf die Kolonialverbrechen der Weißen aufmerksam zu machen, egal ob der Zeitpunkt nun gerade passt oder nicht. Und auch gegen die Oberschicht teilt sie gerne aus, denn anders als man erwarten könnte, findet selbst innerhalb der rein schwarzen Bevölkerung ein Klassenkampf statt, die Reichen treten nach den Armen.

An Themen mangelt es in Blood & Water also nicht, wohl aber an einem schlüssigen Konzept, wie man das alles zusammenführen könnte. Indem die Serie munter von einer Baustelle zur nächsten springt, bleibt von den einzelnen Stationen kaum etwas hängen. Sechs Folgen à etwa 45 Minuten sind dann doch nicht genug, um mehr als ein bisschen Oberflächenanstrich zu machen. Zumal ja auch noch Platz für das gesamte Drama bleiben muss, das zu einer Schule dazugehört. Da gibt es Gefühle, die mal erwidert werden, dann wieder nicht, vielleicht auch Angst machen können. Freundschaften werden von einem Moment zum nächsten geschlossen oder auch wieder aufgelöst, wie es den Autoren gerade einfiel. Als sich mal wieder das Verhältnis zwischen Puleng und Fikile verändert und eine der Figuren sich darüber mokiert, möchte man laut aufschreien: „Jawoll, entscheidet euch endlich mal!“

Der konzeptionelle Stillstand
Damit einher geht ein ständiges hin und her, was das Thema der mutmaßlichen Identität von Fikile betrifft. Dass man das Publikum möglichst lange im Unklaren lassen möchte, um so die Spannung aufrechterhalten zu können, das ist natürlich verständlich und legitim. Dass die Geschichte sich aber praktisch gar nicht bewegt, weil sie entweder ignoriert wird oder sich die Figuren mal wieder besonders umständlich verhalten, das muss dann doch nicht sein. Blood & Water gelingt einfach nicht die Balance in Sachen Tempo, suhlt sich zeitweise in der Ereignislosigkeit, nur um im Anschluss dann völlig übertrieben weitermachen zu wollen.

Einige der Punkte bleiben bis zum Schluss interessant, etwa Fragen zur Identität. An den Stellen wird Blood & Water auch universell genug, damit sich jeder ein bisschen darin wiederfinden kann. Umso bedauerlicher, wenn nicht gar ärgerlicher ist, wie wenig aus dem Ganzen rausgeholt wird. Wer unbedingt ein neues Teeniedrama braucht und das vielleicht mit ein bisschen Mystery angereichert sehen möchte, der kann es hiermit natürlich versuchen. Tatsächlich spannend ist das aber nicht und letztendlich derart vergeudetes Potenzial, dass man sich über das offene Ende nicht einmal mehr aufregen kann.

Credits

OT: „Blood & Water“
Land: Südafrika
Jahr: 2020
Regie: Nosipho Dumisa, Travis Taute, Daryne Joshua
Drehbuch: Daryne Joshua, Travis Taute, Nosipho Dumisa
Kamera: Zenn van Zyl
Besetzung: Ama Qamata, Khosi Ngema, Gail Mabalane, Thabang Molaba, Dillon Windvogel, Arno Greeff, Natasha Thahane

Trailer

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Blood & Water – Staffel 1
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Blood & Water – Staffel 1
In „Blood & Water“ will eine Schülerin herausfinden, ob eine Mitschülerin nicht vielleicht ihre jüngere Schwester ist, die nach der Geburt entführt wurde. Die südafrikanische Serie reichert das Teeniedrama-Segment mit ungewöhnlichen Themen wie Menschenhandel und Kolonialismus an, holt aber wenig heraus, bleibt auch beim Mysteryteil ziemlich träge, wenn es dann doch wieder nur Seifenoper gibt.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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