Kritik

Verirrte Kugel Lost Bullet Balle Perdue

„Verirrte Kugel“ // Deutschland-Start: 19. Juni 2020 (Netflix)

Am Auto, da ist Lino (Alban Lenoir) ein echtes Ass, er kann alles zusammenbauen und frisieren. Leider hat er aber auch ein ausgesprochenes Händchen dafür, in Schwierigkeiten zu geraten. Erst landet er im Knast, um seinen jüngeren Bruder Quentin (Rod Paradot) zu schützen. Zwar muss er dort nicht lange bleiben, weil er sich auf einen Deal mit der Polizei einlässt und so für sie arbeitet. Doch dann kommt es einige Monate später erneut zu einem Zwischenfall, als der Polizist Areski (Nicolas Duvauchelle) einen Mord begeht und nun Lino die Schuld in die Schuhe schieben will. Dabei gibt es durchaus einen Beweis für die Tat: eine Kugel, die sich ins Armaturenbrett des Autos gebohrt hat. Und eben diese Kugel will Areski nun zurück, koste es, was es wolle …

Der Polizist, dein Feind
Fast könnte man meinen, Verirrte Kugel sei eine Reaktion auf die derzeit weltweit stattfindenden Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus. Ein Film, dessen Antagonist ein korrupter, weißer Polizist ist, der skrupellos Leute tötet, ungeniert deswegen lügt und dabei den Schutz des Systems genießt. Die einzige Hoffnung des Protagonisten kommt zwar auch aus der Polizei, ist jedoch eine Frau und dunkelhäutig – wenn das mal kein Statement ist! Natürlich war der Netflix-Thriller aber längst in den Startlöchern, als die Proteste anfingen. Und es würde wohl auch keiner so weit gehen wollen, dem Film irgendeine Form von politischem und gesellschaftlichem Anliegen zusprechen zu wollen. Oder überhaupt eine inhaltliche Ambition.

Tatsächlich braucht man über die Geschichte kein Wort zu verlieren, dafür ist sie zu dünn. Gleich zu Beginn kommt es zu dem tödlichen Zwischenfall, der Lino in einer misslichen Lage zurücklässt. Der Rest der anderthalb Stunden geht dafür drauf, dass der unglückliche Mechaniker und sein Bruder vor dem Polizisten fliehen. Punkte wie Dialoge oder Charakterentwicklung braucht man hier also noch nicht mal ansatzweise in Betracht zu ziehen, Guillaume Pierret, der hier seinen ersten Spielfilm inszeniert und auch am Drehbuch mitschrieb, hat daran schlichtweg kein Interesse. Er will einen Actionthriller klassischer Schule, bei dem die Einsätze so hoch sind, dass man über das dahinter nicht nachdenken muss.

Solide und wenig spektakulär
Anders als so manch anderer Vertreter dieser Sparte versucht Pierret aber, seine Geschichte einigermaßen realistisch zu gestalten. So gibt es hier keine ähnlich explosiven Karambolagen wie etwa in The Fast and the Furious, das gerne mal als Vergleich herangezogen wird. Auch wird auf Humor verzichtet, der sich bei der US-Konkurrenz oft in markigen Sprüchen und Frotzeleien zwischen den Figuren äußert. Beim Aspekt Drama tut Verirrte Kugel da schon mehr, gerade durch die Konstellation, dass zwei Brüder gemeinsam in dem Albtraum stecken. Aber auch da zeigen die Franzosen Zurückhaltung, verzichten auf den großen Kitsch oder übermäßigen Pathos, wie man ihn bei den Action-Alphamännchen oft findet.

Das ist einerseits sehr angenehm: Durch die fehlenden Manipulationen fühlt man sich hier tatsächlich mal als Zuschauer ernstgenommen, der Verzicht auf ständige witzige Sprüche verstärkt das noch. Allerdings bedeutet das auch, dass es relativ wenig bei Verirrte Kugel gibt, das im Anschluss hängen bleibt. Die Actionszenen sind durchaus solide, wenngleich eben nicht spektakulär. Hauptdarsteller Alban Lenoir (15 Minutes of War, Das Mädchen, das lesen konnte) tritt engagiert auf, schafft es aber nicht so recht, zu einer wirklichen Persönlichkeit heranzuwachsen. Das reicht dann alles für den Hausgebrauch, weckt weder Ärger noch Begeisterung, und ist dann irgendwann einfach vorbei.

Credits

OT: „Balle perdue“
IT: „Lost Bullet“
Land: Frankreich
Jahr: 2020
Regie: Guillaume Pierret
Drehbuch: Guillaume Pierret, Alban Lenoir, Kamel Guemra
Musik: André Dziezuk
Kamera: Morgan S. Dalibert
Besetzung: Alban Lenoir, Nicolas Duvauchelle, Ramzy Bedia, Stéfi Celma, Rod Paradot, Pascale Arbillot

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Verirrte Kugel
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Verirrte Kugel
„Verirrte Kugel“ erzählt von einem verurteilten Mechaniker, der mit der Polizei zusammenarbeitet, dann aber vor einem korrupten Polizisten fliehen muss. Die Geschichte ist nicht weiter erwähnenswert, auch bei den Figuren braucht man nichts zu erwarten. Die Actionszenen sind dafür durchaus solide und stärker an Realismus ausgerichtet als so manches US-Spektakel.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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