Kritik

„Dracula“ // Deutschland-Start: 4. Januar 2020 (Horror)

Viele Erinnerungen sind Jonathan Harker (John Heffernan) nicht geblieben, als er in einem Nonnen-Kloster in Budapest zu sich kommt. Zu mitgenommen ist er, körperlich wie auch seelisch. Erst nach und nach in Gesprächen mit Schwester Agatha (Dolly Wells) kehren die Bilder der letzten Tage zurück. Bei Graf Dracula (Claes Bang) war er, im Auftrag seiner Kanzlei in England, um den Erwerb von Grundstücken abzuschließen. Doch der eigenwillige Graf, der ganz allein in einem riesigen, verwirrenden Schloss lebt, verfolgte eine ganz andere Absicht. Eine ausgesprochen düstere Absicht, wie Harker bald feststellen musste …

Es rief eher gemischte Gefühle hervor, als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass Mark Gatiss und Steven Moffat eine neue Serie rund um Dracula, den berühmtesten Vampir aller (Un-)Zeiten, entwickeln sowie die Drehbücher schreiben würden. Für Fans von Sherlock war das keine besonders gut Nachricht, wurde doch dadurch klar, dass auf absehbare Zeit keine weitere Staffel der Krimiserie herauskommen würde, welche die beiden geschaffen hatten. Andererseits, wer es schafft, dem inzwischen doch eher betagten Privatdetektiv derart viel Leben einzuhauchen, dem ist das auch bei dem Blutsauger zuzutrauen. Vampire hatte es in den letzten Jahren zwar schon gegeben, doch dabei handelte es sich entweder um die Teenie-Romanzen rund um Twilight oder eher existenzielle Dramen à la Only Lovers Left Alive. Im Rahmen echten Horrors hatte man Dracula schon länger nicht mehr gesehen.

Bekannt und doch anders
Zumindest teilweise kehrt die Netflix-Serie Dracula daher zu den Wurzeln zurück, wenn hier der Graf Jagd auf Opfer macht. Wie wir ihn von frühen Fassungen kennen, ist er vornehm, aber blutrünstig, eine Bestie mit Manieren und in schicker Kleidung. Und zumindest an manchen Stellen wird das Geschehen rund um den Vampir auch tatsächlich unheimlich, vor allem die erste der drei anderthalbstündigen Folgen wird der Genre-Schublade gerecht. Gleichzeitig sollte man aber keine originalgetreue Umsetzung der klassischen Geschichte erwarten. Gatiss und Moffat entnahmen zwar eine Reihe von Elementen, Figuren und Schauplätzen des 1897 veröffentlichten Romans von Bram Stoker. Doch je länger die Serie fortdauert, umso stärker löst sie sich von der Vorlage.

Das ist nicht ganz überraschend, schon bei Sherlock hatten die beiden ganz eigene Ideen, was man aus den beliebten Büchern machen könnte. Ein Mittel: Humor. Nur weil es ständig um Leben und Tod geht, muss das Ganze ja nicht zwangsweise auch todernst sein. Bei Dracula ist es vor allem Agatha, die für die spaßigen Auseinandersetzungen zuständig ist. Das funktioniert ausgesprochen gut, Dolly Wells (Can You Ever Forgive Me?) zeigt als schlagfertige Schwester mit einem etwas anderen Verhältnis zu Gott großes komödiantisches Talent. Allerdings hat dies auch einen kleinen Nachteil. Während gerade die Konfrontationen zwischen ihr und dem dunklen Widersacher zu den Höhepunkten der Serie zählen, verblassen die anderen Figuren daneben. Das wird vor allem im weiteren Verlauf problematisch, wenn Gatiss und Moffat immer mehr Leute hinzudichten, ohne ihnen tatsächlich interessante Charaktereigenschaften oder Szenen mitzugeben.

Der Anfang vom Ende
Allgemein gibt es leider ein deutliches Gefälle. Am stärksten ist Dracula tatsächlich noch beim Einstieg, das Gegenüber von klassischem Horror und unerwartetem (Meta-)Humor macht jede Menge Spaß. Die zweite Folge setzt sich selbst enge Grenzen, was mal Spannung erzeugt, an anderen Stellen aber zu sehr einschränkt, wenn sich nicht wirklich was entwickelt. Die dritte und letzte Folge ist nicht nur chronologisch das Schlusslicht, sondern auch qualitativ. Dabei ist die grundsätzliche Idee dort nicht verkehrt, zeigt, wie man das alte Material in einem neuen Kontext verwendet. Nur bricht die Geschichte hier völlig auseinander, versucht zum Schluss alles wieder ganz hastig zusammenzufügen, nur um daran zu scheitern. Das ist nicht nur des vergeudeten Potenzials wegen sehr bedauerlich. Es zieht zudem den Gesamteindruck nach unten.

Doch auch wenn die hohen Erwartungen nicht so ganz erfüllt werden, welche Sherlock, aber auch die erste Folge wecken, unterhaltsam ist Dracula sicherlich. Der dänische Darsteller Claes Bang (The Square) gefällt mit seiner anziehend-abstoßenden Darstellung des Blutfürsten. Die Kulissen bieten mit ihrem betont künstlichen Ambiente einiges fürs Auge. Dazu gibt es die eine oder andere Wendung, die für Überraschungen sorgt. Und so darf man dann neugierig sein, welche klassische Figur Mark Gatiss und Steven Moffat wohl als nächstes aus der verstaubten Bibliothek mitschleppen, um sie auf ihre Weise umzudeuten. Hoffentlich wird es nur nicht wieder so lange dauern.

Credits

OT: „Dracula“
Land: UK
Jahr: 2020
Regie: Jonny Campbell, Damon Thomas, Paul McGuigan
Drehbuch: Mark Gatiss, Steven Moffat
Vorlage: Bram Stoker
Idee: Mark Gatiss, Steven Moffat
Musik: David Arnold, Michael Price
Kamera: Tony Slater Ling
Besetzung: Claes Bang, Dolly Wells, John Heffernan, Morfydd Clark, Jonathan Aris, Patrick Walshe McBride, Mark Gatiss, Lydia West, Matthew Beard

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Dracula (2020)
3.54 (70.77%) 26 Artikel bewerten

Dracula (2020)
Eine Neuinterpretation von Bram Stokers Vampirklassiker durch die Macher von „Sherlock“? Das versprach, großartig zu werden. „Dracula“ erfüllt dieses Versprechen aber nur zum Teil. Während einige Einfälle originell sind, Optik und Humor stimmen, verrennt sich die Serie im Laufe der drei Folgen zunehmen. Das ist insgesamt sehenswert und unterhaltsam, bleibt aber unter den Möglichkeiten.
7von 10

2 Responses

  1. schäffkoch

    Im Großen und Ganzen kann ich die Kritik nachvollziehen.
    Sehr schön ist die Bildgestaltung (endlich wieder zurück zur „ruhigen“ Kamera, Fahrten und Zooms gibt es nur dann, wenn sie gestalterisch Sinn ergeben).
    Noch erfreulicher ist der atmos-Ton, der eine Benchmark darstellt. Schön, dass Netflix dieses schöne Tonformat nun zur Vorgabe für künftige EIgenproduktionen macht.

    Dennoch fiel zumindest die Folge 3 imho deutlich ab.
    Leider ist die „Stiftung zu Erforschung Draculas“ etwas peinlich, weil unglaubwürdig, wie das gesamte Setting im modernen London.

    Schon Folge 2 hatte schwache Momente: Im Originalton werden einige Sätze Deutsch gesprochen, was in der Synchronfassung als eien Art oberbayerischer Dialekt dargestellt wird. Peinlich, denn die Akteurin, die hier Oberbayerisch spricht, kommt gebürtug aus „Augschburg“, wo eine spezielle Art des schwäbischen gesprochen wird. Das ist gleich doppelt ärgerlich, vor allem, weil im Original alles stimmt und einfach Hochdeutsch gesprochen wird.

    Alles in allem: Toller Ton, zumindest in Folge 1 und 2 auch ausdrucksstarke Bilder und alles in allem empfehlenswert. Aber kein Muss.

    HTH!☺☻

    Antworten
  2. Verena Hochreiner

    Ich finde die Dracula Adaption von Netflix sehr gut gelungen.Elegant,spannend, gelungene, nicht alltägliche Dialoge und endlich andere Ideen.Frischer und nicht langatmig und von Brutalitäten übersät.Kediglich der 3. Teilweise war etwas weniger spannend.Aber insgesamt um Längen besser,als Vieles ,was vorher lief.

    Antworten

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