Inhalt / Kritik

Distancia de rescate Fever Dream Das Gift Netflix

„Das Gift“ // Deutschland-Start: 13. Oktober 2021 (Netflix)

Für Amanda (María Valverde) hätte es ein ganz normaler Sommerurlaub sein sollen, als sie gemeinsam mit ihrem Mann Marco (Guillermo Pfening) und Tochter Nina (Guillermina Sorribes Liotta) aufs Land fährt. Genauer ist das Ziel ein See, an dem sie als Kind mit ihrem inzwischen verstorbenen Vater Zeit verbracht hat. Dabei trifft sie Carola (Dolores Fonzi) und deren Sohn David (Emilio Vodanovich). Die warnt sie vor dem Wasser und ist ansonsten um ihr Kind besorgt, von dem sie überzeugt ist, dass etwas mit diesem nicht stimmt. Denn da stimmt vieles nicht in der Gegend. Tatsächlich muss Amanda feststellen, dass vieles nicht das ist, wonach es aussieht …

Ein Rätsel jenseits der Genregrenzen

Wenn Halloween vor der Tür steht, dann bedeutet das für Netflix, noch schnell für Horror-Nachschub zu sorgen. Der muss nicht besonders gut sein, dafür aber zahlreich. Schließlich soll das Publikum irgendwie beschäftigt werden. Mit Das Gift darf es dann auch beschäftigt sein, weit über den Abspann hinaus. Das liegt jedoch auch daran, dass sich der Film einer eindeutigen Kategorisierung entzieht. Der Streamingdienst selbst verkauft ihn als Horror, was aber nur selten passt. Auch bei der Bezeichnung Thriller würde man sich eher etwas anderes vorstellen. Drama passt da schon besser. Fantasy ebenfalls, denn später kommt eine übernatürliche Komponente hinzu. Vor allem aber ist das Werk eines aus dem Mystery-Bereich, das von Anfang an von zahlreichen Fragen begleitet wird.

Von Beginn an betont Regisseurin Claudia Llosa bei ihrer Adaption von Samanta Schweblins gleichnamigen Roman das Geheimnisvolle. So sehen wir darin eine Frau im Gras liegen, von der wir weder wissen, wer sie ist, noch wem die Jungenstimme gehört, mit der sie sich unterhält. Denn der dazu passende Junge ist nicht zu sehen. Auch später arbeitet Das Gift sehr intensiv – für manche vielleicht sogar exzessiv – mit dem Mittel des Voiceovers. In Filmen wird dieses oft aus Faulheit verwendet, weil Regisseure und Regisseurinnen nicht wussten, wie sie ihren Inhalt sonst unters Publikum bringen können. Hier hingegen trägt es maßgeblich zu der unwirklichen Stimmung bei, wenn nichts je wirklich real erscheint. Wie der internationale Titel Fever Dream es beschreibt, man hat hier das Gefühl, einen Fiebertraum zu erleben.

Mystische Atmosphäre ohne viel Handlung

Der deutsche Titel ist da schon etwas unglücklicher gewählt. Das Gift ist einerseits zu konkret, greift zu viel vorweg. Außerdem trifft er damit nicht die spezielle Atmosphäre des Films, die sich auch in dem poetischen spanischen Originaltitel Distancia de rescate  verbirgt – der Rettungsdistanz. Denn hier geht es um die Rettung der Kinder, geht es um Schutz, geht es um Liebe und Opfer. Diesen Themen nähert sich der Film aber nur gemächlich an. Richtig viel Handlung hat dieser sonderbare Genremix ohnehin nicht, selbst in den stärkeren Genremomenten nicht. Inhaltsangaben treffen nicht wirklich, was der Film ist, selbst wenn sie diesen minutiös beschreiben. Ungeduldigere Naturen werden hier deshalb womöglich schnell das Handtuch werfen und sich fragen, was das hier denn sollte.

Dabei gibt es durchaus eine Antwort. Eine Antwort, die gleichzeitig mystisch und doch erschreckend real ist. Schweblin griff in ihrer Geschichte tatsächliche Problemfelder in der Gesellschaft auf, verband diese aber mit dem Übersinnlichen zu etwas, über das man selbst dann noch ausgiebig diskutieren kann, wenn alle Puzzleteile zusammenliegen. Das gilt auch für den Film. Das Gift mag für den nächsten Videoabend zu Halloween völlig ungeeignet sein, ist aber eine spannende und sehenswerte Alternative zu dem Wegwerfschrott, den Netflix sonst zu diesem Anlass anbietet. Wir schlendern hier durch eine audiovisuell betörend dargestellte Welt, die idyllisch und bedrohlich in einem ist, in der Menschen sich näherkommen und doch einander fremd sind.

Credits

OT: „Distancia de rescate“
IT: „Fever Dream“
Land: Chile, Spanien, USA
Jahr: 2021
Regie: Claudia Llosa
Drehbuch: Claudia Llosa, Samanta Schweblin
Vorlage: Samanta Schweblin
Musik: Natalie Holt
Kamera: Oscar Faura
Besetzung: Maria Valverde, Dolores Fonzi, German Palacios, Guillermo Pfening, Emilio Vodanovich, Guillermina Sorribes Liotta, Marcelo Michinaux

Bilder

Trailer

Weitere Netflix Titel

Ihr seid mit Das Gift schon durch und braucht Nachschub? Dann haben wir vielleicht etwas für euch. Unten findet ihr alle Netflix-Titel, die wir auf unserer Seite besprochen haben.

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3.8/5 - (27 votes)
Das Gift
„Das Gift“ ist ein sonderbarer Mix auf Drama, Fantasy, Mystery und Thriller um eine verlorene Erinnerung und unheimliche Vorkommnisse in einer ländlichen Gegend. Die ständigen Voiceovers sorgen zusammen mit der fehlenden Handlung für eine traumartige Atmosphäre, die faszinierend und fordernd ist, dabei aber mit Sicherheit nicht jedem gefallen wird.
8von 10
Leserwertung: (34 Votes)
3.2

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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