Kritik

Away Netflix

„Away – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 4. September 2020 (Netflix)

Sie sind die Auserwählten, die vielleicht einmal das Schicksal der Menschheit verändert haben werden: Emma Green (Hilary Swank), Lu Wang (Vivian Wu), Kwesi Weisberg-Abban (Ato Essandoh), Ram Arya (Ray Panthaki) und Misha Popov (Mark Ivanir) wurden ausgewählt, um im Rahmen einer internationalen Mission erstmals auf den Mars zu fliegen und diesen zu besiegeln. Die Vorbereitungen sind getroffen, alle wurden sie für den Flug durchs Weltall trainiert und bringen jeder unterschiedliche Qualifikationen mit, die sie während ihres mehrjährigen Abenteuer einsetzen sollen. Doch das Fachliche ist das eine. Eine ebenso große Prüfung ist für die fünf, wie sie mit der Trennung von ihrer Familie umgehen, sowie mit dem Risiko, niemals zurückkehren zu können. Vor allem Emma trägt schwer an ihrem Schicksal, musste sie doch ihren erkrankten Ehemann Matt (Josh Charles) sowie ihre Teenager-Tochter Alexis (Talitha Bateman) zurücklassen, als sie sie am meisten brauchen …

Seit Menschengedenken blicken wir hinauf zu den Sternen, versuchen uns vorzustellen, wie es wohl ist, auf einem dieser fernen Lichtpunkte zu sein, wie es dort aussehen könnte, welche Form von Leben möglich ist. Sehr viel weiter seit damals sind wir seither nicht gekommen. Die Landung auf dem Mond liegt jetzt schon eine Weile zurück, vom Erreichen anderer Planeten sind wir noch ein ganzes Stück entfernt. Aber dafür gibt es ja Filme und Serien, die quasi die lange Wartezeit überbrücken, bis tatsächliche Reisen möglich sind. Bei ihnen dürfen wir das ausleben, was bislang noch ein Traum ist und dabei unserer Fantasie schön freien Raum lassen.

Zwischen Abenteuer und Drama
Auch die Netflix-Serie Away spielt mit dieser Sehnsucht, einmal fremde Welten zu erreichen, zählt dabei jedoch zu den semirealistischen Vertretern. Hier gibt es keine fantastischen Wundertechniken, von irgendwelchen Aliens ganz zu schweigen. Stattdessen ist die Reise in erster Linie von Alltag geprägt, von Maschinen, die nicht so funktionieren wie gedacht, weil immer mal wieder etwas schief geht. Außerdem bringt der Aufenthalt diverse körperliche Verschlechterungen mit sich, die für die Betroffenen natürlich furchtbar sind, aber kaum mit dem konkurrieren können, was in den stärker auf Unterhaltung ausgerichteten Weltraumopern üblich ist. Das soll nicht bedeuten, dass die Raumfahrt langweilig wäre, da kommen schließlich immer wieder brenzlige Situationen auf, die irgendwie gelöst werden sollen. Man wartet nur auf die nächste Katastrophe.

Gleichzeitig befasst sich Away sehr ausführlich mit den Menschen an Bord sowie deren Lebensgeschichten. Tatsächlich rückt der Science-Fiction-Aspekt regelmäßig in den Hintergrund, stattdessen gibt es sehr viel Drama. So viel Drama, dass man bei der von Andrew Hinderaker entwickelten Serie zuweilen vergisst, dass es eigentlich um eine Reise zum Mars geht. Das Ergebnis ist dabei jedoch sehr zwiespältig. Auf der einen Seite ist es natürlich immer schön, wenn Geschichten in ihren Figuren mehr sehen als beliebig herumschiebbare Elemente, die einem bloßen Zweck dienen. Gerade wenn es im Verlauf der zehn Folgen der ersten Staffel zu den besagten Hindernissen kommt, lädt das ausführliche Drumherum stärker dazu ein wirklich mitzufiebern, als es bei den oft inhaltsleeren Charakteren der Fall ist, die sich am Genre-Bord befinden.

Das Leben ist ein K(r)ampf
Leider zeigt Away dabei jedoch kaum Feingefühl und Zurückhaltung. Vielleicht aus der Sorge heraus, dass Menschen mit normalen, unscheinbaren Leben dem Publikum zu langweilig sein können, wurde da zum Teil richtig dick aufgetragen. Und selbst wenn mal kein besonders harter Schicksalsschlag droht, wurden Mittel und Wege gefunden, mit Pathos, wahlweise auch Kitsch, die einfachste Szene zu einem Wendepunkt der gesamten Menschheit zu erklären. Die ständigen Rückblicke und Parallelgeschichten auf der Erde haben aber auch noch andere Nachteile zur Folge. So kommt die Hauptgeschichte irgendwie nie wirklich in Fahrt. Es entwickelt sich zudem nie das Gefühl, auch tatsächlich weit weg zu sein. Unentwegt wird munter mit den Leuten daheim gesprochen, so als würde man unterwegs aus der Bahn mal kurz anrufen, zwischen Zeitung und Kaffee. Damit einher geht, dass kein Gespür für die zeitliche Dimension entsteht. Ehe man es sich versieht, ist das Raumschiff schon beim Mars. Die Isolation, das lange Warten, der Kampf gegen Einsamkeit und Sinnlosigkeit – all das hat keinen Platz in der Dauerbeschallung.

Positiv ist hingegen, wie so oft bei einer Netflix-Produktion, das Bekenntnis zu Diversität. Nicht allein, dass eine Frau das Kommando über die Mission hat, die unterschiedlichsten Hautfarben und Religionen finden zudem ihren Weg in das Raumschiff. Selbst das Thema Homosexualität wurde noch eingebaut. Away neigt zwar auch da dazu, ein bisschen dick aufzutragen. Insgesamt funktioniert es aber, da die Mannschaft eben stellvertretend für die Menschheit stehen soll und sich aus den unterschiedlichsten Nationalitäten zusammensetzt – schließlich haben die Länder alle bezahlt und wollen am Ende aufs Gewinnerfoto. Dazu gehört auch, dass die entsprechenden Sprachen gesprochen werden, was leider nach wie vor bei solchen multinationalen Geschichten keine Selbstverständlichkeit ist. Zumindest teilweise geht die Serie auf die Rivalitäten unter den Staaten ein, scheut sich aber zurück, da ein bisschen tiefer zu gehen und vielleicht Stellung zu beziehen. Natürlich müssen solche Abenteuer nicht zwangsläufig politisch sein. Aber es führt doch dazu, dass die Serie etwas unentschlossen zwischen dem Fantastischen und dem Realen schwankt, alles irgendwie sein will und einen am Ende ernüchtert zurücklässt, wenn gleichzeitig zu viel und zu wenig passiert ist.

Credits

OT: „Away“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Edward Zwick, Jeffrey Reiner, Bronwen Hughes, David Boyd, Charlotte Brändström, Jet Wilkinson
Drehbuch: Andrew Hinderaker, Jessica Goldberg, Ellen Fairey, Jason Katims, Janine Nabers, Aditi Brennan Kapil, Chris Jones
Idee: Andrew Hinderaker
Musik: Will Bates
Kamera: David Boyd, Brian Pearson, Timothy A. Burton
Besetzung: Hilary Swank, Josh Charles, Vivian Wu, Mark Ivanir, Ato Essandoh, Ray Panthaki, Talitha Bateman

Bilder

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3/5 - (2 votes)
Away – Staffel 1
In „Away“ treten fünf Menschen die weite Reise bis zum Mars an. Die Serie versucht dabei eine Mischung aus Science-Fiction-Abenteuer und persönlichem Drama, schafft aber die Balance nicht so recht. Mal geht es nicht wirklich voran, dann wird wieder zu dick aufgetragen, es entwickelt sich zudem nie das Gefühl, wirklich weit und lange weg zu sein. Trotz einzelner positiver Aspekte, über Durchschnitt kommt das in der Summe nicht hinaus.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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