Kritik

Crímenes de familia Verbrechen verbindet Netflix

„Verbrechen verbindet“ // Deutschland-Start: 20. August 2020 (Netflix)

Der Schock ist groß bei Alicia (Cecilia Roth) und Ignacio (Miguel Ángel Solá): Ihrem Sohn Daniel (Benjamín Amadeo), der schon mehrfach in Schwierigkeiten steckte, wird von seiner Ex-Frau Marcela (Sofía Gala Castiglione) beschuldigt, trotz des Kontaktverbots zu ihr gekommen zu sein. Wenn sich der Vorwurf bewahrheitet, droht ihm eine jahrelange Gefängnisstrafe und der endgültige Verlust des gemeinsamen Sohnes. Während die beiden noch vor Gericht darüber streiten, was sich wirklich zugetragen hat, hat auch Gladys (Yanina Ávila) einen Haufen Probleme. Denn der geistig etwas zurückgebliebenen Hausangestellten wird ein schweres Verbrechen zur Last gelegt …

Es ist eine der großen Herausforderungen bei der Feststellung einer Schuld: Wenn zwei Menschen sich in ihren Aussagen widersprechen, wem von beiden soll man dann Glauben schenken? Das ist insbesondere bei Fällen ein großes Problem, in dem einer Partei vorgeworfen wird, die andere missbraucht zu haben – was die meisten natürlich vehement bestreiten werden. Fordert man einen unwiderruflichen Beweis, dass der Vorwurf der Tatsache entspricht, führt das oft dazu, dass das Opfer leer ausgeht. Glaubt man jedoch vorbehaltlos dem Opfer kann dies zur Folge haben, dass ein Unschuldiger für eine Tat belangt wird, die er gar nicht begangen hat.

Und wem glaube ich nun?
Mit eben dieser brutalen Unsicherheit spielt der neue Netflix-Film Verbrechen verbindet. Wenn am Anfang Daniel und Marcela vor Gericht auftreten, jeder mit Tränen in den Augen von den Misshandlungen des anderen spricht, dann ist es zunächst praktisch unmöglich, sich für eine Seite zu entscheiden. Ist Marcela die große Manipulatorin, als die sie Daniel hinstellt? Oder ist doch er das Monster, der seine Ex verfolgt und sich mit Gewalt nehmen will, was seiner Meinung nach ihm zusteht? Wie in vielen anderen Gerichtsfilmen, etwa The Girl with a Bracelet, bekommt das Publikum hier zwei verschiedene Erklärungen als Wahrheit verkauft und wird – parallel zu den Richtern – dazu aufgerufen, Position zu beziehen und die Schuld festzustellen.

Normalerweise bedeutet das in Filmen, dass über einen längeren Zeitraum Beweise angeführt werden, vielleicht auch Zeugen vorgeladen, um am Ende alles miteinander abzuwägen. Bei Verbrechen verbindet ist das anders. Hier geht es gar nicht so sehr um die Angeklagten, sondern um die Eltern von Daniel und ihre Reaktion auf die Vorwürfe. Wie soll man damit umgehen, wenn das eigene Kind schreckliche Dinge getan haben soll? Regisseur und Co-Autor Sebastián Schindel (El Hijo – Der Sohn) ist deshalb einem Drama deutlich näher als einem Krimi. Ein Thriller ist die argentinische Produktion ohnehin nicht. Denn dafür fehlt schlicht und ergreifend die Spannung: Auch wenn man natürlich schon wissen will, was wirklich vorgefallen ist und worauf alles hinausläuft, man sitzt nicht unbedingt Nägel kauend vorm Fernseher.

Ich weiß die Lösung!
Das liegt auch daran, dass eigentlich relativ früh klar ist, was gespielt wird. Indem eben nicht nur der eine Fall behandelt wird, sondern beide, muss man kein großer Hellseher sein, um die einzelnen Puzzleteile zusammensetzen zu können. Zu früh fällt schon die Andeutung, was Sache ist. Zwar versucht Schindel das Unvermeidbare hinauszuzögern, indem er einige grundlegende Infos zurückhält. Das sorgt jedoch weniger für Überraschungen als vielmehr für Irritationen, da die Vorgehensweise nicht unbedingt elegant ist. Von der Glaubwürdigkeit gar nicht erst zu sprechen, die hier eher weiter unten angesiedelt ist. Hohe Ansprüche darf man in der Hinsicht also besser nicht haben.

Sieht man Verbrechen verbindet jedoch als Drama, das sich mit dem Zwischenmenschlichen auseinandersetzt und dabei diverse moralische Fragen stellt, dann ist der Film zumindest solide. Vor allem Cecilia Roth (Der schwarze Engel) als Mutter, die sich fragen muss, wie sehr sie ihrem Sohn vertrauen, wie weit sie für ihn gehen sollte, hält die Geschichte zusammen. Gibt ihr auch eine Tragik, die völlig losgelöst ist von der Frage, wer denn nun die Wahrheit sagt. Diese Richtung hätte jedoch gern noch stärker verfolgt werden dürfen, Schindel drückt sich gegen Ende hin vor den Schmerzen, die das Thema mit sich bringt, und bleibt nur an der Oberfläche.

Credits

OT: „Crímenes de familia“
IT: „The Crimes that Bind“
Land: Argentinien
Jahr: 2020
Regie: Sebastián Schindel
Drehbuch: Sebastián Schindel, Sebastián Schindel
Musik: Sebastián Escofet
Kamera: Julián Apezteguia
Besetzung: Cecilia Roth, Miguel Ángel Solá, Sofía Gala Castiglione, Benjamín Amadeo, Yanina Ávila

Bilder

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Verbrechen verbindet
Hat er sie missbraucht? Oder ist sie eine Lügnerin? „Verbrechen verbindet“ beginnt als Krimi, wenn es um die Feststellung einer Schuldfrage geht, bewegt sich jedoch zunehmend in Richtung Drama, die sich mehr mit dem Umfeld beschäftigt. Das ist gut gespielt, auch wenn da inhaltlich einiges nicht ganz überzeugt oder konsequent genug umgesetzt wurde.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Barbara Richiger

    VORSICHT SPOILER!

    Thriller ist eindeutig der falsche Begriff für diesen Film, den es sich anzuschauen aber durchaus lohnt. Wie bereits beschrieben, sind die Schauspieler ausgezeichnet und das tatsächliche Drama worum es geht «Gewalt gegen Frauen» durch Männer und Frauen soll und muss cineastisch dargestellt werden. Ebenso das Thema Infantizid. Dass der Film all dies unaufgeregt anhand des argentinischen Gerichtssystems spiegelt, finde ich ein grosses Plus. Die persönliche Entwicklung der Hauptperson – die Mutter und Oma , Tante – ist nachvollziehbar, denn es zeigt auch, wie viele Frauen der 3. Generation selbst noch in patriachalen Mustern stecken. Umso erfrischender und wohltuend ist es zu sehen, wie in diesem Film der Ehemann Position bezieht. Insgesamt 1 Stunde 39 Minuten gedanklich anregende und emotional berührende Momente.

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