Kritik

Tragic Jungle

„Tragic Jungle“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Da sie sich nicht damit anfreunden will, an einen englischen Großgrundbesitzer verheiratet zu werden, flieht Agnes (Indira Rubie Andrewin), begleitet von zwei Bediensteten, von dessen Besitz in den Dschungel. War das Entkommen vom Anwesen noch leicht, so ist die Flucht durch den Dschungel beschwerlich und gefährlich, wobei die Häscher des Engländers bereits die Verfolgung aufgenommen haben. Schließlich kommt es zu einem Schusswechsel, bei dem sowohl Agnes wie auch ihre Begleiter getroffen werden und vor den Augen der Verfolger zusammenbrechen. Zufrieden damit, sich Gerechtigkeit verschafft zu haben, verlassen der englische Gutsbesitzer und dessen Männer den Platz des Verbrechens, ohne darauf zu achten, dass Agnes noch am Leben ist. Nach einiger Zeit findet ein Trupp Arbeiter Agnes und die wird in deren Camp gebracht. Dort stellt sich heraus, dass die Männer dabei sind Kautschuk von den Bäumen des Urwaldes zu ernten, zu Kaugummi zu verarbeiten und dann an ihren Chef zu verkaufen. Da sich in letzte Zeit in ihrer Mitte die Unfälle häufen und sie Agnes wegen ihrer weißen Kleidung für eine Krankenschwester halten, soll sie den Männern helfen, steht aber auch schnell im Zentrum deren sexueller Begehren. Zeitgleich sind auch die Männer des englischen Gutsbesitzers auf ihren Irrtum aufmerksam geworden.

Die Geheimnisse des Dschungels
Mit ihrem insgesamt vierten Spielfilm Tragic Jungle, der im diesjährigen Programm des Filmfestivals Mannheim-Heidelberg vertreten ist, erzählt die mexikanische Regisseurin, Produzentin und Drehbuchautorin Yulene Olaizola eine Geschichte über Verrat und Verführung vor der atemberaubend-mystischen Kulisse des südamerikanischen Dschungels. Es ist ein Film, der den Zuschauer entführt in das Jahr 1920, einer Zeit geprägt von Leibeigenschaft, Kolonialismus und Ausbeutung sowie dem Versuch der Zähmung der Natur durch die Mittel der aufgeklärten neuen Welt, die vor der Natur kapitulieren muss.

Der Dschungel ist mehr als nur eine Kulisse, vor der sich die Geschichte, die Olaizola erzählt, abspielt, sondern in vielerlei Hinsicht ein eigenständiger Charakter. Verstärkt durch die über die Handlung verstreuten Berichte des Erzählers wirkt der Urwald geheimnisvoll, verführerisch, gefährlich und vor allem undurchdringlich, wie eine Wand der Natur, die ihre eigenen Mysterien für sich behält und die Eindringlinge verschlingt. Nicht nur visuell, auch auf anderen Ebenen macht dieser Raum seine Präsenz und Übermacht deutlich, beispielsweise auf dem vielseitigen Geräuschteppich, welcher die Anspannung, die Angst wie auch die Begierde der Charaktere widerspiegelt. In diesem Zusammenhang betont die suggestiv-mysteriöse Musik Alejandro Otaoloas.

Im Labyrinth der Verführung und Gewalt
Die Undurchdringlichkeit des Urwaldes steht in gewisser Weise für den Menschen, genauer gesagt für die Unmöglichkeit der Kontrolle und die Gefahr, die damit einhergeht. Indira Rubie Andrewins Darstellung der Agnes hebt gerade diese Verbindung des Menschen zur Natur hervor, ist ihre Fassade der Unschuld doch auch trügerisch, der Quell für Rachedurst, Eifersucht und damit von Gewalt, welche die Männer gefügig macht und sie ihre Vernunft vergessen lässt. Die Verheißung, das Geheimnis zu lüften, ist synonym zu sehen mit dem sexuellen Verlangen, genauso fatal und entgegen aller Tugenden der Zivilisation oder des Rationalismus.

Jene Balance zwischen Mystik, Verführung und Faszination bestimmt Olaizolas Film bis zu letzten Minuten, wie auch die Bilder Sofia Oggionis, die den Urwald zu einem ambivalenten Raum machen, der viel zu geben hat, aber dafür auch viel zurückverlangt, wie eine eifersüchtige Geliebte.

Credits

OT: „Selva trágica“
Land: Mexiko, Frankreich, Kolumbien
Jahr: 2020
Regie: Yulene Olaizola
Drehbuch: Yulene Olaizola, Rubén Imaz
Musik: Alejandro Otaola
Kamera: Sofia Oggioni
Besetzung: Indira Rubie Andrewin, Gilberto Barraza, Mariano Tun Xool, Eligio Meléndez, Gabino Rodríguez

Trailer

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Tragic Jungle
„Tragic Jungle“ erzählt eine Geschichte von Verführung, Gewalt und Mystik. Yulene Olaizola gelingt ein visuell betörendes, erzählerisch vielschichtiges Drama über den Konflikt des Menschen mit der Natur, und damit einer der wohl besten Beiträge des Festival-Herbstes 2020.
9von 10

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