Zehn Jahre lang hat der norwegische Naturfilmer Asgeir Helgestad die Eisbärin Frost auf Spitzbergen begleitet – von ihrer ersten Begegnung 2013 bis zu ihrem Tod unter ungeklärten Umständen im Jahr 2023. Schon in seinem preisgekrönten Film Auf Wiedersehen Eisbär! (2018) stand Frost im Mittelpunkt. Mit Frost ohne Schnee und Eis erzählt Helgestad ihre Geschichte nun zu Ende und verbindet das intime Porträt einer einzelnen Eisbärin mit der größeren Erzählung vom Klimawandel in der Arktis. Im Gespräch zum Kinostart am 24. September 2026 spricht er über die vergangenen zehn Jahre, den Umgang mit mehr als 100 Terabyte Filmmaterial und darüber, warum er sich bewusst für eine emotionale statt eine datengetriebene Erzählweise entschieden hat.
Sie haben die Eisbärin Frost rund zehn Jahre lang begleitet. Wie hat diese Erfahrung Sie persönlich verändert? Zehn Jahre mit einem Eisbären zu verbringen, ist schließlich nichts, was man zu Beginn eines Projekts planen kann.
Es ist tatsächlich etwas, das einfach passiert, weil man nie weiß, ob man sich wieder begegnen wird. Im Laufe der Jahre sind auf Spitzbergen dann so viele Dinge geschehen, die uns um ihr Leben besorgt gemacht haben. Immer wieder stellte sich die Frage: Soll ich noch einmal hinaufgehen und Frost filmen?
Sie wurde zu einem wichtigen Teil unseres Lebens, weil sie eine sehr starke Persönlichkeit hatte und eine ausgesprochen fürsorgliche Mutter war. Es war sehr leicht, sich in sie zu verlieben. Am Anfang war es einfach eine Freude, sie zu beobachten. Mit der Zeit wurde es jedoch immer ernster – durch den Klimawandel und all die Dinge, die mit ihren Jungtieren geschahen.
So wurde Frost über die Jahre zu einem großen Teil meines Lebens. Nicht, dass ich ständig an ihrer Seite gewesen wäre, natürlich nicht. Aber sie hat sehr viel Raum in meinem Kopf und in meinem Leben eingenommen.
Frost war bereits die zentrale Figur in Auf Wiedersehen Eisbär!. Was konnten Sie in diesem neuen Film über sie erzählen, was im früheren Film noch nicht möglich war? Oder anders gefragt: Hätten Sie den Film auch gemacht, wenn Frost nicht gestorben wäre?
Ja, wahrscheinlich. Aber es war nie meine Absicht, einen weiteren Film über Frost zu machen. Aber ich konnte einfach nicht aufhören, sie zu filmen. Ich habe gesehen, was in ihrem Leben passiert ist, aber auch, was insgesamt auf Spitzbergen geschieht.
Deshalb wurde es für mich relativ schnell unmöglich, keinen weiteren Film über das zu machen, was dort oben vor sich geht.
Frosts Tod steht im Zentrum des Films. Die genauen Umstände sind allerdings nicht vollständig geklärt, und der Film lässt dabei gewissermaßen zwei unterschiedliche Deutungen nebeneinanderstehen. Wie sicher sind Sie selbst, was tatsächlich passiert ist?
Ich möchte darüber im Film nicht spekulieren, weil ich nicht will, dass diese Frage vor den Film selbst und vor seine Geschichte tritt. Ich möchte, dass die Zuschauer den Film sehen und sich ihre eigene Meinung bilden können.
Ich möchte niemanden für das, was passiert ist, beschuldigen, denn letztlich ist es eine Sache, die nie vollständig aufgeklärt wurde. Wenn ich daraus etwas mache, das nur auf meiner persönlichen Meinung beruht, hilft das der Geschichte nicht.
Für mich ist es deshalb besser, über die Tatsache nachzudenken, dass wir Menschen mit dem, was geschehen ist, sehr wahrscheinlich etwas zu tun hatten – und dass wir diejenigen, mit denen wir diesen Planeten teilen, sehr viel besser behandeln müssen.
Ich hoffe, dass sich die Zuschauer auf Frosts Geschichte einlassen und daraus den Wunsch entwickeln, besser für andere Lebewesen zu sorgen. Und das gilt nicht nur für Spitzbergen, sondern für den gesamten Planeten. Es geht nicht ausschließlich um Frost. Wir wollten daraus etwas Größeres machen als die Frage, wer was getan hat.
Sie hatten fast ein Jahrzehnt an Filmmaterial zur Verfügung. Wie findet man in einem solchen Archiv überhaupt eine Geschichte?
Es war gewissermaßen auch meine Geschichte, mit der ich beim Schnitt gearbeitet habe. Wenn man ein Individuum über so viele Jahre begleitet, geht es vor allem darum, wie man diese Geschichte erzählt und welche Entscheidungen man trifft.
Wir haben vorher bereits mehrere Filme gemacht, deshalb weiß ich, dass man an seiner Geschichte festhalten muss. Man kann nicht unendlich viele andere Elemente hineinnehmen, die die eigentliche Geschichte schwächen.
Das Schwierige war auch, dass ich gleichzeitig Kameramann und Regisseur bin. Über all die Jahre habe ich dort oben natürlich viele andere Tiere und viele andere Eisbären mit niedlichen Jungtieren getroffen. Wenn man daraus ein Buch mit schönen Bildern machen wollte, hätte man sehr viel Material. Aber dann wäre die Geschichte nicht so stark, wie sie jetzt ist.
Deshalb musste ich sehr sorgfältig auswählen, was in den Film gehört. Frost stand dabei immer im Vordergrund. Aber es war eine enorme Arbeit. Wir sprechen von mehr als 100 Terabyte Material.
Frost ist ein sehr konkretes Individuum mit ihrer eigenen Lebensgeschichte. Gleichzeitig steht sie für etwas viel Größeres: den Klimawandel, den Verlust ihres Lebensraums und den Konflikt zwischen Mensch und Wildtier. Wie haben Sie versucht, diese beiden Ebenen miteinander zu verbinden?
Für mich ist das Wichtigste, dass wir aus dieser Geschichte etwas lernen. Dieser Gedanke war auch während der gesamten Arbeit an dem Film in meinem Kopf: Wir müssen handeln und etwas verändern.
Wir können Frost nicht wieder lebendig machen. Aber ich hoffe, dass ihre Geschichte uns dazu bringt, über unsere eigene Position auf diesem Planeten nachzudenken. Wir verhalten uns sehr stark so, als wären wir den anderen überlegen. Ich glaube, es ist an der Zeit, die anderen Lebewesen wirklich mit einzubeziehen.
Langfristig wird das auch uns selbst zugutekommen, weil es darum geht, diesen Planeten lebenswert zu erhalten.
Wenn man dort oben ist, wird der Klimawandel sehr deutlich. Wir haben beispielsweise in diesem Sommer die hohen Temperaturen in Europa erlebt. Aber dort oben ist der Temperaturanstieg ein Vielfaches dessen, was wir im Durchschnitt auf dem Planeten erleben. Das ist dramatisch.
Es war deshalb auch nicht einfach, Frost auf Spitzbergen zu begleiten. Sie ist auf das Eis angewiesen, wenn sie sich fortbewegt, und dort jagt sie Robben. In vielen Jahren gab es kaum noch Eis. Für mich bedeutete das, dass ich ständig unterwegs sein musste.
Frost ist eigentlich ein relativ ortstreuer Eisbär, aber ihr Lebensraum ist trotzdem riesig. Wenn es schwieriger wird, sich fortzubewegen und neue Jagdgebiete zu finden, wird auch die Suche nach ihr immer schwieriger.
Als Kameramann habe ich sehr unmittelbar erlebt, dass etwas nicht stimmt, wenn dort oben kein richtiger Winter mehr stattfindet. Bei einem meiner letzten Aufenthalte hat mich besonders eine Szene erschüttert, die auch im Film zu sehen ist: Ein ganzer Berghang scheint regelrecht zu schmelzen.
Dabei geht es nicht nur um Schnee und Eis. Auch der Boden selbst taut auf, der Permafrost schmilzt. Das hat mich ehrlich gesagt ziemlich schockiert.
Sie wählen einen sehr emotionalen Zugang zum Klimawandel. Sie verzichten weitgehend auf Daten und Experten. Warum war Ihnen dieser emotionale Ansatz so wichtig?
Wir haben sehr viele Daten und werden ständig mit Informationen darüber konfrontiert, wie sich dieser Planet erwärmt. Ich hoffe natürlich, dass wir auch auf Grundlage dieser Informationen Veränderungen herbeiführen können.
Aber ich glaube, dass die emotionale Ebene noch stärker sein kann. Es ist einfach eine andere Art, das zu erzählen, was die Wissenschaftler zeigen. Ich brauche niemanden, der mir sagt, wie viele Kubikmeter Eis geschmolzen sind.
Wenn Menschen das körperlich und emotional spüren können, wenn sie das Gefühl bekommen, dass etwas in die falsche Richtung läuft, dann ist das meiner Meinung nach wirkungsvoller.
Wenn wir Filme machen, wollen wir deshalb immer auch eine Geschichte über die Umwelt erzählen – ob wir nun in der Arktis oder in Norwegen drehen. Aber diese Geschichte muss emotional sein.
Filme sollten emotional sein. Man sollte das Gefühl haben, selbst dort gewesen zu sein und etwas mit eigenen Augen erlebt zu haben.
Für mich ist es wichtig, nicht nur zu unterhalten, sondern dem Publikum eine Erfahrung zu vermitteln, die etwas verändern kann. Wir wollen die Menschen mit unseren Filmen bewegen.
Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Was bleibt von Frost?
Ich werde sie immer in meinem Herzen tragen.
Aber ich hoffe auch, dass ihre Geschichte uns dabei helfen kann, unsere Art zu verändern, mit der Welt umzugehen – ganz egal, wo wir leben. Ich hoffe, dass Frost in den Menschen etwas auslöst und dass wir dadurch beginnen, uns stärker um die anderen Arten zu kümmern – und letztlich auch um uns selbst.
Wir sind selbst Tiere, aber wir haben uns so weit außerhalb dieses Zusammenhangs gestellt. Ich glaube nicht, dass das gesund ist – weder für uns noch für die anderen Lebewesen.
Deshalb hoffe ich, dass Frosts Geschichte und ihr Leben durch die Emotionen, die der Film vermittelt, zu einer Veränderung beitragen können.
Allerletzte Frage: Woran arbeiten Sie als Nächstes?
Dafür ist es noch etwas früh. Aber es wird wieder darum gehen, wie wir mit der Natur umgehen. Es wird ein skandinavischer Film, denn ich glaube, dass es dort oben noch sehr viele Dinge gibt, auf die wir aufmerksam machen und die wir genauer betrachten müssen.
Aber es ist noch zu früh, um wirklich viel darüber zu erzählen. Doch es könnte um den Wald gehen.
Asgeir Helgestad, vielen Dank für das Gespräch.
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