Inhalt / Kritik

Das Motiv Netflix

„Das Motiv“ // Deutschland-Start: 28. Oktober 2021 (Netflix)

Sollte es wirklich soweit sein? Werden wir – entweder in unserem distanzierten Verhältnis als Kritiker und Leser oder aber kollektiv als Netflix-Konsumenten – hier Zeuge davon, dass der Streamingseite endlich das Material für True-Crime-Dokus ausgeht? Das Motiv wirkt jedenfalls wie jede Menge Lärm um … na ja nicht um Nichts, aber der Reihe nach.

1986 ergreift ein 13-jähriger Junge das Gewehr seines Vaters und erschießt seine Eltern sowie seine beiden Schwestern. Während der Tathergang schnell rekonstruiert ist, bleibt völlig unklar, was das Kind dazu trieb. 35 Jahre später werden uns endlich Antworten versprochen. In der zweiten Folge erfahren wir von den verschiedensten Menschen aus dem Umfeld des Jungen mehr über sein Wesen, seine Art, wie andere ihn wahrnehmen. Gerade die Erinnerung eines der vernehmenden Beamten gewährt Einblicke in die Psyche des Täters: Wie er auf eine ihm bereitgestellte Tasse Kaffee reagiert, wirkt deutlich reifer und abgeklärter, als anzunehmen gewesen wäre. Wieso einem Kind überhaupt Kaffee angeboten wurde, wird allerdings nicht so ganz klar, es sei denn, der Mörder hätte mit seiner Vermutung Recht gehabt. Das ist alles durchaus nicht unspannend, teilweise sogar so einnehmend, dass viele zu diesem Zeitpunkt vielleicht gar nicht mehr wissen, worum es in der ersten Folge überhaupt ging. Zum Glück scheinen die Regisseure Tali Shemesh und Asaf Sudry das einkalkuliert zu haben, gibt es hier zum Einstieg doch noch einmal eine Rekapitulation des Verbrechens.

Viele Fragen, keine Antworten

Andererseits könnte das auch einfach nur eine Art Stilmittel sein, um die Laufzeit künstlich in die Länge zu ziehen; die Dokuserie ist ziemlich repetitiv. Das fängt bei Filmausschnitten von Papillon an (schließlich gab der Junge, welcher im Übrigen für die Doku namenlos bleibt, nach dem Mord an, dieses Werk gesehen zu haben), geht über Archivmaterial sowie nachgestellte Szenen (es ist allerdings nicht immer ganz klar, was nun was ist) und hört auch nicht auf, als die ersten zehn Minuten der letzten Folge praktisch ein Hin und Her zwischen Interviewerin und Interviewtem sind, in denen sein Teaser aus der zweiten Episode aufgegriffen wird, dass er ja wüsste, was passiert sei, und jeder der es wüsste, die Tat auch verstehen könne.

Einige der Interviewten, gerade der eben erwähnte, scheinen sich gerne reden zu hören. Jeder scheint seine ganz eigene Theorie zu haben; manche davon sind auch nicht abwegig, aber verbindlich ist nichts. Liefe Das Motiv im traditionellen Fernsehen von vor fünfzehn Jahren, das vierstündige Special würde alle zwanzig Minuten unterbrochen mit einer ominösen Stimme aus dem Off: „Die schockierende Wahrheit erfahren Sie gleich …“, gefolgt von einem Werbeblock. Die schockierende Wahrheit lässt ganz schön lange auf sich warten, genauer gesagt kommt sie eigentlich nie ans Licht. Papillon hat eine Spieldauer von etwa 150 Minuten und ist damit etwas länger als Das Motiv, letzten Endes aber sinnvoller investierte Zeit.

Einen sechzigminütigen Abriss über ein Verbrechen, dem auch nach 35 Jahren noch einige Fragezeichen anhängen, auf vier Folgen zu je 30 bis 40 Minuten zu strecken, dabei clickbaitmäßig Antworten in Aussicht zu stellen und dann einfach nur um den heißen Brei herumzumäandern, wirkt wie das letzte Aufbäumen vor dem Tod eines Genres. Machen wir uns aber nichts vor, Netflix wird seine Zuschauerschaft weiterhin beliefern und die meisten werden weiterhin willig einschalten.

Credits

OT: „The Motive“
Land: Israel
Jahr: 2021
Regie: Tali Shemesh, Asaf Sudry
Musik: Tom Meira Armony, Assa Raviv
Kamera: Salomon Chekol, Asaf Sudry

Trailer

Weitere Netflix Titel

Ihr seid mit Das Motiv schon durch und braucht Nachschub? Dann haben wir vielleicht etwas für euch. Unten findet ihr alle Netflix-Titel, die wir auf unserer Seite besprochen haben.

D
S
T

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Das Motiv
„Das Motiv“ nimmt sich eines so grausamen wie unverständlichen Vorfalls von 1986 an, mit dem vermeintlichen Versprechen, Licht ins Dunkel zu bringen. Wer gar nichts über die Tat weiß, erhält hier durchaus spannende Einblicke, nur mit verbindlichen Antworten sollte niemand rechnen.
0ohne wertung
Leserwertung: (88 Votes)
1.8

Über den Autor

Freier Autor

6 Responses

  1. Kerstin BERGER

    Ich denke der Vater hat die Schwestern missbraucht. Die Mutter hat weggeschaut. Der Bruder richtete alle, weil das Leben für die Schwestern so eh nicht lebenswert war.

    Antworten
  2. Barbara G.

    Also, auch wenn der Vater die Schwester missbraucht hat, leuchtet mir nicht ein, warum er die ganze Familie ausgelöscht hat. Es sei denn, die Schande wäre zu gross gewsen für die Famile um weiter zu leben..?

    Antworten
  3. Bella Loben

    Ich gehe davon aus das der Vater irgendwas wusste, da er beim Militär war, die haben ihm irgendwas gesagt, viell. hätte der junge damals Pflichtend zum Militär müssen, und das wollte er nicht, er war ja Hochbegabt, ich dachte evtl. War er viell Autist und es war ihm deshalb nicht möglich Emotionen, Gefühle zu zeigen!!!!

    Antworten
  4. Elly

    Das mit dem Missbrauch könnte schon stimmen und dass alle wegeschaut haben. Eine Theorie warum er die Schwestern aber auch umgebracht hat könnte sein, dass beide Missbraucht wurden oder ähnliches und sie darunter so gelitten haben dass er sie von dem leid befreien wollte.. also so könnte ich mir das erklären

    Antworten
  5. Herr Dr. Hahn

    Ich glaub er wollte einfach nur Lernen, seine Bücher lesen und alle Anderen aus der Familie haben ihn durch deren lautes Schmatzem beim Essen daran gehindert….das war das total einleichtende Hirngespinst des Anwalts, das wenn man selber draufkommt, keine Fragen mehr offen lässt 🥴 Nein, mal im ernst, das Ding topt sogar meine OpenWater Erfahrung und der Film war schon absolute Zeitverschwendung. Wenn Ihr also wirklich so gar nicht wisst, was Ihr mit Eurer Zeit anfangen wollt/sollt dann GFI! An alle Andefen dort draussen: Schaut n paar alte Serien, die Ihr schonmal gesehen habt! Damit seid ihr um Welten besser bedient als mit dieser inhaltlosen Schwafelei.

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort