Kritik

Stateless Netflix

„Stateless“ // Deutschland-Start: 8. Juli 2020 (Netflix)

Früher, da reiste die Australierin Sofie Werner (Yvonne Strahovski) als Flugbegleiterin durch die Welt. Doch das war einmal. Nachdem sie Teil einer Sekte war und von dort verstoßen wurde, irrt sie ziellos umher, immer in der Angst, verfolgt zu werden. Dabei wird sie eines Tages aufgegriffen und in ein Flüchtlingslager gesteckt, wo sie sich als deutsche Touristin ausgibt. Dort trifft sie unter anderem auf Ameer (Fayssal Bazzi), der zuvor aus Afghanistan geflohen ist und nun hofft, mit seiner Familie ein neues Leben anzufangen. Der Alltag in dem Lager ist hart, auch für Cameron Sandford (Jai Courtney), der dort eine neue Stelle als Wärter angetreten hat und es unter anderem mit Claire Kowitz (Asher Keddie) zu tun bekommt, die mit eiserner Hand die Einrichtung leitet …

Der Fall von Cornelia Rau, einer Deutschen mit dauerhaftem Wohnsitz in Australien, die widerrechtlich in ein Flüchtlingslager gesteckt wurde, sorgte 2005 für Aufruhr. Nicht allein, dass die Geschichte selbst ein Skandal war und die Frage provozierte, wie etwas Derartiges passieren konnte. Auf diese Weise wurden zudem andere schockierende Details bekannt, wie es in einem solchen Lager zu sich gehen kann. Seither ist natürlich eine ganze Weile vergangen, das Flüchtlingsthema ist in den vergangenen 15 Jahren aber noch wichtiger geworden. 70 Millionen Menschen sind derzeit auf der Flucht, wie eine Texttafel am Ende der Netflix-Serie Stateless verrät – die Hälfte davon Kinder.

Gefangen in der Suche nach einer neuen Heimat
Die von Cate Blanchett, Tony Ayres und Elise McCredie entwickelte Serie ist dabei einerseits die abgewandelte Geschichte der internierten Australierin. Gleichzeitig versucht sie sich aber an einem umfassenderen Blick auf das Thema, indem sie viele weitere Figuren miteinbezieht. Das betrifft zum einen viele andere, die als Flüchtlinge hier gelandet sind und nun auf ein Asyl warten, wenigstens aber die Möglichkeit, ein solches zu beantragen. Und das kann dauern, manche sind in Stateless schon seit Jahren in der Einrichtung, die mit ihren Gittern, den kleinen Zellen und den bewaffneten Wärtern und Wärterinnen eher an ein Gefängnis erinnert. Und wie in einem Gefängnis kommt es zu hässlichen Übergriffen, wenn die mal überforderten, mal auch sadistischen Sicherheitsangestellten ihre Macht spielen lassen.

Das erinnert des Öfteren an den Netflix-Hit Orange Is the New Black, welches über viele Staffeln hinweg von dem Alltag in einem Frauengefängnis erzählte. Dessen charakterliche Tiefe wird hier jedoch nicht erreicht, dafür reichen die sechs Folgen einfach nicht aus. Bei einer Reihe von Figuren, egal auf welcher Seite sie stehen, reicht es nur für Klischees oder grobe Hintergrundgeschichten. Wenn beispielsweise Kate Box als Wärterin Janice einen Internierten brutal zusammenschlagen lässt, dann bleibt das ohne Kontext. Besser sieht es da bei Cameron aus, einem der vier Hauptfiguren. Auch er wird irgendwann einen Hang zur Brutalität entwickeln, ist dabei jedoch deutlich spannender, da er von Anfang an hin und her gerissen ist, eigentlich das Richtige tun will, sich aber von den Umständen korrumpieren lässt.

Eine Situation zum Verrücktwerden
Bei anderen wird es ebenfalls teilweise Entwicklungen geben, in die eine oder andere Richtung. Stateless zeigt einen dynamischen Mikrokosmos auf, dem sich keiner entziehen kann, der auf dem Gelände läuft. Bei Sofie bedeutet das jedoch in erster Linie, dass sie zunehmend ihren Verstand verliert, so wie auch bei Rau eine psychische Krankheit festgestellt wurde. Sie ist dabei aber ein Sonderfall, ihre Vorgeschichte rund um den Kult, die immer wieder in Flashbacks erzählt wird, hat eigentlich nichts mit dem Flüchtlingsaspekt zu tun. Die Geschichte schwankt dadurch kontinuierlich zwischen den zwei Hauptthemen, kann sich nie ganz entscheiden, was nun der Fokus sein soll. Sofies Geschichte hat zudem das Manko, dass sie ziemlich auf der Stelle tritt, die zahlreichen Rückblicke irgendwann nicht mehr wirklich etwas beizutragen haben.

Doch wenn der anfänglich sehr starke Eindruck nicht ganz bis zum leicht pathetischen Schluss bewahrheitet, es sich Stateless da in mehrfacher Hinsicht ein bisschen leicht macht, insgesamt ist das Ergebnis auf jeden Fall lohnenswert. Die Serie, welche auf der Berlinale 2020 gezeigt wurde und anschließend erst einmal im australischen Fernsehen lief, ist mehr als nur die Geschichte eines Skandals. Sie ist auch eine Erinnerung daran, die eigene Menschlichkeit nicht zu verlieren, sich auch auf andere einzulassen. Denn wenn eines hier gelingt, dann ist es exemplarisch vor Augen zu führen, dass hinter jedem Gesicht, hinter jedem Namen, ein Schicksal steckt, das oft komplexer ist, als es der flüchtige Blick zulässt. Und das ist etwas, das nicht oft genug betont werden kann.

Credits

OT: „Stateless“
Land: Australien
Jahr: 2020
Regie: Emma Freeman, Jocelyn Moorhouse
Drehbuch: Elise McCredie, Belinda Chayko
Idee: Cate Blanchett, Tony Ayres, Elise McCredie
Musik: Cornel Wilczek
Kamera: Bonnie Elliott
Besetzung: Yvonne Strahovski, Asher Keddie, Fayssal Bazzi, Jai Courtney, Marta Dusseldorp, Dominic West, Cate Blanchett, Soraya Heidari, Rachel House

Bilder

Trailer

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Stateless
3.52 (70.43%) 23 Artikel bewerten

Stateless
„Stateless“ erzählt von mehreren Figuren, die es aus den unterschiedlichsten Gründen in ein Flüchtlingslager in Australien verschlagen hat. Die von einer wahren Geschichte inspirierte Dramaserie ist dabei richtig harter Stoff, der die Menschlichkeit in der Tragödie sucht. Das ist teilweise gröber gezeichnet, überzeugt aber weitestgehend als Erinnerung daran, andere als Individuen mit eigenen Hintergründen wahrzunehmen.
7von 10

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