Kritik

Bridgerton Netflix

„Bridgerton – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 25. Dezember 2020 (Netflix)

1813, die Ballsaison der Londoner High Society hat begonnen – und damit auch das Geschacher, welche Frau mit welchem Mann verheiratet wird. Daphne Bridgerton (Phoebe Dynevor), die älteste Tochter der einflussreichen Familie Bridgerton, ist noch neu in diesem Spiel, weiß aber schon ganz genau, was sie will: aus Liebe heiraten! Ganz so einfach wie gedacht ist das jedoch nicht. Da gilt es Erwartungen zu erfüllen, ihr Bruder mischt sich in die Angelegenheiten ein. Und dann wäre da noch die geheimnisvolle Lady Whistledown, die mit ihren Klatsch- und Tratschgeschichten für Unruhe sorgt. Als der attraktive Simon Basset, Duke of Hastings (Regé-Jean Page), der sich geschworen hat, Junggeselle zu bleiben, in ihr Leben tritt, schließen sie die Vereinbarung, sich als Paar auszugeben, um so dem Spiel zu entkommen. Dabei haben sie jedoch nicht die Rechnung mit ihren aufkommenden Gefühlen gemacht …

Alte Kleider mit neuen Farben

Früher war alles besser? Das vielleicht nicht. Aber es gab doch ein paar Vorteile. So durften Frauen noch in überdimensionierten, verschnörkelten Kleidern herumlaufen. Die waren natürlich nicht unbedingt praktisch, schränkten Bewegungen enorm ein, waren zum Teil zudem so eng, dass man kaum darin Luft bekam. An einer Stelle in der Netflix-Serie Bridgerton fällt dann auch eine der jungen hübschen Damen in Ohnmacht. Aber wer schön sein will, muss leiden. Und wer einen passenden Mann haben will ebenso. Schließlich ist die Konkurrenz groß, da wird mit allem gekämpft, um den Traumprinzen zu bekommen, der nach Möglichkeit nicht nur gut aussieht, sondern auch mit einer reichen Mitgift anrückt.

Nein, modern ist Bridgerton sicher nicht. An manchen Stellen gibt sich die Serie zwar progressiver. So wurde die Rolle der Königin beispielsweise mit der dunkelhäutigen Golda Rosheuvel besetzt, was wiederum Auswirkungen auf den Rest des Hofstaates hat. Mit Regé-Jean Page ist zudem auch die männliche Hauptrolle nicht weiß, was in einem britischen Kostümdrama durchaus auffällt. Auch inhaltlich wird hin und wieder versucht, mal etwas andere Wege einzuschlagen oder überlieferte Traditionen in Frage zu stellen. Tatsächlich konsequent verfolgt wird das aber nicht. Am Ende ist die Serie, welche auf den Büchern von Julia Quinn basiert, dann doch nur das Übliche.

Dass zum Beispiel Saphne und Simon Gefühle füreinander entwickeln, das gehört zum Standardprozedere solcher Romanzen. Es dürfte so ziemlich niemanden im Publikum geben, der das auch nur irgendwann in Frage stellt. Wozu auch? Wer sich Bridgerton anschaut, der möchte Bestätigung, der möchte schöne Menschen in schöner Kleidung vor schönen Kulissen, vor denen sich zwar viel Drama abspielt, man am Ende aber mit der großen Liebe belohnt wird. Dass das alles nicht realistisch ist, sondern Teil einer sehr spezifischen Fantasie, macht dabei keinen Unterschied. Hier darf man noch offen davon träumen und Teil einer glamourösen Welt sein, die man selbst nur aus Büchern oder eben Filmen und Serien kennt.

Von Sex, Intrigen und Langeweile

Tatsächlich spannend ist das nicht. Nicht allein, dass man hier im Großen und Ganzen immer weiß, was passieren wird, die Serie lässt sich zudem recht viel Zeit. Da werden Ereignisse unsäglich in die Länge gezogen, etwa indem manche Fragen wieder und wieder gestellt werden. Manchmal wussten sich die diversen Drehbuchautoren und Drehbuchautorinnen auch nicht anders zu helfen, als die Figuren möglichst ungeschickt und umständlich auftreten zu lassen. Da braucht es schon einiges an Geduld, vielleicht auch eine höhere Frustgrenze, um das ständige Tanzen um den heißen Brei wirklich bis zum Ende durchzustehen.

Wobei es durchaus in Bridgerton Versuche gibt, die inhaltliche Gleichförmigkeit zu durchbrechen. Da wären zum einen die etwas überraschenden, später auch expliziten Sexszenen, die man in der Form normalerweise nicht in Kostümdramen sieht, die zwar von großer Leidenschaft fabulieren, sie aber nicht zeigen wollen. Außerdem gibt es da noch die zahlreichen Intrigen sowie die mysteriöse Klatschblase, die als Erzählerin die diversen Ereignisse kommentiert und über deren Identität ständig spekuliert wird. Dann und wann ist die Serie also durchaus unterhaltsam, wer diese Art romantischer Irrwege in nobler Umgebung mag, der dürfte schon auf seine Kosten kommen. Man sollte inhaltlich aber keine nennenswerten Erwartungen haben: Die Serie bleibt trotz vereinzelt nachdenklicher Momente weitestgehend an der schicken Oberfläche, auch bei den Dialogen dominieren Plattitüden. Da hatte die scharfzüngige Jane Austen Adaption Emma. vor einigen Monaten doch deutlich mehr Persönlichkeit und interessante Szenen zu bieten.

Credits

OT: „Bridgerton“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Julie Anne Robinson, Tom Verica, Sheree Folkson, Alrick Riley
Drehbuch: Chris Van Dusen, Janet Lin, Leila Cohan-Miccio, Abby McDonald, Joy C Mitchell, Sarah Dollard, Jay Ross
Idee: Chris Van Dusen
Vorlage: Julia Quinn
Musik: Kris Bowers
Kamera: Jeffrey Jur, Philipp Blaubach
Besetzung: Adjoa Andoh, Lorraine Ashbourne, Jonathan Bailey, Ruby Barker, Sabrina Bartlett, Joanna Bobin, Harriet Cains, Bessie Carter, Nicola Coughlan, Phoebe Dynevor, Ruth Gemmell, Florence Hunt, Claudia Jessie, Ben Miller, Martins Imhangbe, Luke Newton, Regé-Jean Page, Golda Rosheuvel, Ruby Stokes, Luke Thompson, Will Tilston, Polly Walker, Julie Andrews

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Bridgerton – Staffel 1
Wenn in „Bridgerton“ zwei attraktive Menschen Anfang des 19. Jahrhunderts erst ein falsches, dann ein echtes Paar werden, dann richtet sich das an die Fans traditioneller Kostümromanzen. Teilweise versucht sich die Serie zwar schon aus dem Korsett zu lösen. Insgesamt bleibt sie aber eine formelhafte Fantasie rund um schöne Menschen, die manchmal nicht ganz so schöne Dinge tun, um an ihr Ziel zu kommen.
5von 10

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