Kritik

Tigertail Netflix

„Tigertail“ // Deutschland-Start: 10. April 2020 (Netflix)

Das Leben von Pin-Jui (Tzi Ma) ist durch Routine geprägt – und durch fehlende soziale Kontakte. Seine Ehe ist schon vor vielen Jahren gescheitert, der Kontakt zu den Kindern ist spärlich. Hin und wieder sieht er zwar noch seine Tochter Angela (Christine Ko), findet aber keinen rechten Zugang zu ihr. Dabei hätte das alles anders laufen sollen. Als er als junger Mann (Hong-Chi Lee) seine Heimat Taiwan verließ, um mit seiner Frau Zhen Zhen (Kunjue Li) ein neues Leben in den USA zu beginnen, war er noch voller Hoffnung, dass als besser würde. Stattdessen war er in seiner Arbeit gefangen, Zeit für ein Familienleben ist ihm nie geblieben. Oder für die Liebe …

In Deutschland wurden in den letzten Jahren zahlreiche Spielfilme und Dokumentationen rund um die sogenannte Flüchtlingskrise veröffentlicht. Was bewegt die Leute dazu, ihre Heimat für das Ungewisse aufzugeben? Welche Erfahrungen sammeln sie unterwegs? Wie ist es, in der Fremde versuchen zu müssen irgendwie unterzukommen? Viele dieser Filme suchen das große Drama oder versuchen sich als Spiegel einer Gesellschaft zu positionieren. Nach dem Motto: Es geht hier um sehr viel mehr. Einen ganz anderen Ansatz verfolgt der Netflix-Film Tigertail. Dort geht es eben nicht um die große Not und existenzielle Sorgen. Stattdessen erzählt Regisseur und Drehbuchautor Alan Yang von einem sehr persönlichen Schicksal und einer allmählichen Enttäuschung.

Zwischen Idylle und Enttäuschung
Dabei beginnt Yangs erster Spielfilm als Regisseur durchaus dramatisch: Wir sehen Pin-Jui als Kind, der durch ein blühendes Feld läuft und meint seine Eltern zu sehen. Doch die sind nicht da, können nicht da sein. Seine Mutter ist fort, auf der Suche nach Arbeit, der Vater tot. Nur die Großmutter ist ihm geblieben, welche den Jungen immer verstecken muss, wann immer die Soldaten vorbeischauen, um nach Dissidenten zu suchen. Denn die Partei Chinas hat nun das Sagen, alle müssen Mandarin sprechen, Taiwanesen sind Bürger zweiter Klasse. Der Kontrast zwischen der unschuldigen Szene im Feld und der darauffolgenden brenzligen könnte größer nicht sein. Für einen Moment meint man, Tigertail wäre einer der Filme, die sich mit chinesischer Unterdrückung auseinandersetzen – vergleichbar etwa zu A First Farewell.

Doch schon kurze Zeit drauf sehen wir Pin-Jui als alten Mann, dessen Privatleben zu wünschen übrig lässt. Das ist zunächst verwirrend, jedoch Teil von Yangs Plan, ein Gesamtporträt seiner Hauptfigur zu erstellen. Zu diesem Zweck springt er kontinuierlich auf der Zeitachse hin und her. Während der Strang um den alten Pin-Jui die Hauptgeschichte stellt, erinnert der sich immer wieder an seine Vergangenheit, vor allem seine Zeit als Jugendlicher, die Zeit seiner ersten großen Liebe. Aus dieser wurde nichts, stattdessen entschied sich der junge Mann für Zhen Zhen, eine arrangierte Ehe, die beiden Seiten Vorteile bringen sollte. Doch das Ergebnis war ebenso enttäuschend wie der Neustart in den USA.

Ein langes Leben voller Probleme
Es ist durchaus beeindruckend, wie viele Themen Yang in seinen Film packt: die politische Situation Taiwans trifft auf einen verblassenden amerikanischen Traum, der Kampf zwischen Tradition und Modern sowie der zwischen Pflicht und Selbstentfaltung auf kulturelle Differenzen. Angela, die wie Yang selbst als Kind taiwanesischer Einwanderer in den USA aufgewachsen ist, steht den Erwartungen der neuen Heimat näher als der alten, Englisch ist ihre Sprache, selbst wenn sie sich mit ihrem Vater unterhält. Und doch hat auch sie nie wirklich Wurzeln schlagen können, tut sich schwer mit anderen Menschen. Tigertail erzählt eben auch von den Schwierigkeiten, zwischen zwei Kulturen zu stecken, das Schicksal vieler Einwandererkinder.

Das ist ein bisschen viel Stoff, vor allem für einen Film, der gerade mal anderthalb Stunden dauert. Vieles von dem, was Yang anschneidet, bekommt gar nicht den Raum zur Selbstentfaltung. Tigertail ist ein Drama voller Lücken, fragmentarisch in allen Lebensbereichen, überlässt es dem Publikum, die restlichen Leerstellen zu füllen. Das ist manchmal etwas unbefriedigend, zumindest aber schade. Und doch gibt es hier so viele sehenswerte Szenen, dass der Gesamteindruck am Ende positiv ist. Mal sind es kurze Momente des Glücks wie eine nächtliche Gesangseinlage, als die Zukunft noch ebenso hell leuchtete wie die Sterne. Sie können aber auch schmerzhaft sein, wenn der gealterte Pin-Jui neben seiner Tochter sitzt, kein einziges Wort findet, um zu ihr zu finden, während sie zunehmend verzweifelt eben darauf wartet. Yangs Debüt ist damit das Porträt einer tragischen Figur, der es nie gelungen ist, sich von den Fesseln zu lösen, die das Schicksal und Erwartungen an ihn hatten. Ein Mann, der es anderen immer schwer gemacht hat, weil er nie wusste, wie es anders gehen sollte.

Credits

OT: „Tigertail“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Alan Yang
Drehbuch: Alan Yang
Kamera: Nigel Bluck
Besetzung: Tzi Ma, Christine Ko, Hong-Chi Lee, Yo-Hsing Fang, Fiona Fu, Joan Chen, Kunjue Li

Bilder

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Tigertail
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Tigertail
Zwischen chinesischer Unterdrückung und dem Bröckeln des amerikanischen Traums: „Tigertail“ erzählt von einem Taiwanesen, begleitet ihn von der Kindheit daheim über die hoffnungsvollen Neuanfänge in den USA bis zur einsetzenden Enttäuschung. Das ist viel Stoff, teils gesellschaftlicher, teils persönlicher Natur, zu viel Stoff, um das alles tatsächlich abarbeiten zu können. Doch das fragmentarische Drama hat eine Reihe sehenswerter Szenen und wird so zu einem tragischen Porträt eines Mannes, der nie sein Glück gefunden hat.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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