Kritik

Betonrausch Netflix

„Betonrausch“ // Deutschland-Start: 17. April 2020 (Netflix)

Als Junge musste Viktor Steiner (David Kross) mitansehen, wie seiner Familie alles genommen wurde und diese an den riesigen Steuerschulden zerbrach. Das soll ihm nicht passieren. Und er hat auch diverse Ideen, wie er schnell zu Geld kommen kann – etwa durch das Vermieten von Luxuswohnungen. Damit ist er ausgesprochen erfolgreich. Und doch stellt es nur den ersten Schritt dar: Als er eines Tages dem Kleinkriminellen Gerry (Frederick Lau) über den Weg läuft, werden die beiden schnell zu Freunden und Komplizen. Dritte im Bunde wird die Bankangestellte Nicole Klebe (Janina Uhse), die ihnen dabei hilft, ein ganzes Immobilienimperium aufzustellen, auch wenn dieses auf äußerst wackligen, nicht immer ganz legalen Pfeilern steht …

Bevor unser tägliches Leben von den News rund um den Corona-Virus bestimmt wurde, war eines der wichtigsten Themen das des bezahlbaren Wohnens. Egal ob nun die deutschen Großstädte oder solche in anderen Ländern, es wird immer schwieriger, noch Mietwohnungen zu finden, die man sich von einem regulären Gehalt leisten kann. Über Gegenmaßnahmen wird zwar immer wieder diskutiert, seien es Mietbremsen oder Anreize zum Bauen, selbst Enteignungen kommen immer mal wieder ins Gespräch. Denn der Vermieter ist in den letzten Jahren zu einem absoluten Feindbild geworden, das aus reiner Profitgier alle anderen in den Ruin treibt.

Zwei zwischen Freund und Feind
Der deutsche Netflix-Film Betonrausch nimmt sich dieses Themas an. Anders als man vielleicht erwarten könnte, wird hier jedoch kein Betroffenheitsdrama draus, das aus der Sicht eines der Opfer die ganze Misere aufzeigt. Und auch auf dokumentarische Mittel verzichtet Regisseur und Drehbuchautor Cüneyt Kaya (Ummah – Unter Freunden). Stattdessen rückt er zwei junge Männer in den Vordergrund, die es einfach besser haben wollen und sich bei ihren Taten keiner großen Schuld bewusst sind. Schließlich werden die meisten Leidtragenden ausgeblendet. Wenn die zwei Banken abzocken, ein zweites bedeutendes Feindbild unserer Zeit, dann ist die Versuchung des Publikums groß, sie vielmehr sogar anzufeuern.

Dafür ist es aber natürlich wichtig, zwei vorzeigbare Figuren zu haben. Oder wie Kaya es an einer Stelle in den Mund legt: Viktor hat nicht deshalb Erfolg, weil er so gut ist, sondern weil er gut aussieht. Betonrausch nähert sich deshalb auch immer wieder der Satire an, wenn die Oberflächlichkeit von Menschen betont wird, sei es beim Endverbraucher oder auf der Managerebene. Genauer hinschauen will keiner, der schöne Glanz reicht schon aus. Und das ist auch, wonach die beiden jungen Männer streben, die zwar betrügerisches Geschick entwickeln, jedoch keinen gesunden Menschenverstand. Die Party muss weitergehen, schneller, toller, lauter. Das provoziert Vergleiche zu The Wolf of Wall Street und Konsorten, wo ebenfalls junge Protagonisten der Versuchung des Geldes erliegen und die Bodenhaftung verlieren.

Die Tragik des Betrügers
Dazu passt dann auch die Erzählweise, die munter in der Zeit hin und her springt, mit schnellen Schnitten, Voiceovers oder auch Interviewszenen für formale Abwechslung sorgt. Inhaltlich ist Betonrausch hingegen relativ geradlinig. Wenn ein Unternehmen funktioniert, muss das nächste, größere her. Und wenn es nicht funktioniert? Dann auch. Denn der Kapitalismus besagt, dass alles ständig wachsen muss, sonst steht uns das Ende der Welt bevor. Nun sind solche Immobiliendeals aber nicht das spannendste Thema, weshalb Kaya viel Zeit in die Figuren und ihre Geschichten investiert. Genauer ist es Viktor und sein als Kind erlebtes Trauma, welches hinter allem steckt, so wird zumindest angedeutet. Das ähnelt Catch Me If You Can, wo ebenfalls erdrückende Steuerlast und Scheidung einen Jungen zum Betrüger machte. Während das dort jedoch mit Spaß an der Sache verbunden war, da ist das deutsche Pendant leerer, nüchterner. Die Tragik der Geschichte vermittelt sich nie so recht.

Das gilt auch für den Film als solchen, der sich nie so ganz aus der Deckung wagt. Der umgreifende Wahnsinn geschieht immer mit angezogener Handbremse. Kaya kann sich auch nicht dazu durchringen, aus den Figuren tatsächliche Schurken zu machen, sondern lässt sie immer etwas in der Schwebe. Das ist an und für sich ganz angenehm, Ambivalenz ist eine in Filmen oft unterschätzte Kunst. Im Fall von Betonrausch wirkt dies jedoch mehr wie Unentschlossenheit, gerade auch bei Nicole, die einen nicht nachvollziehbaren Sinneswandel durchmacht. Dennoch, spaßig ist der Film, liefert einen seltenen Einblick in die Welt der Immobilien-Verbrecher, er ist auch passend besetzt. Er kommt zwar  nicht an den deutschen Netflix-Kollegen How to Sell Drugs Online (Fast) heran, das ebenfalls Humor mit einem rasant wachsenden kriminellen Nachwuchs-Unternehmen verbindet, ist aber eine solide Ergänzung im heimischen Angebot des Streaming-Multis.

Credits

OT: „Betonrausch“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Cüneyt Kaya
Drehbuch: Cüneyt Kaya
Musik: Christopher Bremus
Kamera: Sebastian Bäumler
Besetzung: David Kross, Frederick Lau, Janina Uhse

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Betonrausch
4.03 (80.56%) 36 Artikel bewerten

Betonrausch
Zwei junge Männer träumen vom schnellen Geld und suchen sich dafür die Immobilienbranche aus. „Betonrausch“ wechselt zwischen glitzernder Oberfläche und grauer Leere hin und her, ist mal satirisch, versucht aber auch eine tragische Note. Das klappt nicht immer alles so wie gedacht, ist insgesamt aber sehenswert genug und gut besetzt.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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