Inhalt / Kritik

The Woman in the Window Netflix

„The Woman in the Window“ // Deutschland-Start: 14. Mai 2021 (Netflix)

Auch wenn sich die Kinderpsychologin Dr Anna Fox (Amy Adams) regelmäßig um das psychische Wohl anderer kümmert, ihr eigenes bekommt sie einfach nicht in den Griff. So leidet sie unter Agoraphobie und kann deshalb schon seit einer ganzen Weile ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Andere Menschen sieht sie kaum noch, seitdem ihre Ehe zerbrochen ist. Lediglich ihr Mieter David (Wyatt Russell), Therapeut Dr. Landy (Tracy Letts) und diverse Lieferdienste bekommt sie noch zu Gesicht. Das ändert sich, als gegenüber Familie Russell einzieht. Während sie sich mit Sohn Ethan (Fred Hechinger) auf Anhieb gut versteht, steht sie dessen Vater Alistair (Gary Oldman) misstrauisch gegenüber, den sie verdächtigt, gewalttätig zu sein. Doch als sie in der Wohnung ein brutales Verbrechen beobachtet, will ihr niemand glauben …

Die besessene, unglaubwürdige Mordzeugin

Unter den vielen Filmen, die im Zuge der Corona-Pandemie hin und her geschoben, angekündigt und doch wieder abgesagt wurden, gehörte The Woman in the Window sicher zu den meist erwarteten. Ein renommierter Regisseur, ein absolutes Starensemble, dazu noch ein Bestseller als Vorlage – die Versprechen waren groß. Und auch der Trailer, der feinste Paranoia-Unterhaltung versprach, ließ die Wartezeit sehr lang werden. Nun ist diese rum, der Film feiert statt in den Kinos auf Netflix seine Premiere. Doch während einige zu den Streamingdiensten abgeschobenen Filme einen wehmütig werden lassen, dass sie nicht auf der großen Leinwand liefen – etwa Soul oder Die Mitchells gegen die Maschinen –, da hält sich hier die Enttäuschung über das Verpasste in Grenzen. Die viel größere Enttäuschung ist, wie überflüssig der Film letzten Endes ist.

Das Szenario an sich ist dabei durchaus brauchbar. Es wurde ja auch schon oft genug genommen. Genauer greift The Woman in the Window zwei Elemente auf, die in Thrillern immer mal wieder auftauchen. Das erste ist, dass die Hauptfigur Zeuge eines Verbrechens ist, man dieser aber nicht glaubt. Es ist an dieser Stelle nahezu unmöglich, nicht an Hitchcocks Das Fenster zum Hof zu denken, umso mehr da in beiden Fällen im Mittelpunkt eine sehr neugierige Person steht, die ihre Wohnung nicht verlassen kann und deshalb obsessiv die Nachbarn beobachtet. Irgendwie muss man sich schließlich die Zeit vertreiben.

Aus Angst vor der Welt

Das andere Element ist, dass die Hauptfigur unter einer Angststörung leidet und deshalb ihre Wohnung nicht mehr verlassen kann. Auch das wurde in Filmen immer mal wieder gezeigt, vorzugsweise mit einer Frau als Hauptrolle – siehe Copykill, Columbus Circle oder Stunde der Angst. Irgendwie pflegt man dabei wohl die Ansicht, dass Frauen besonders schön hilflos sein können. Dass The Woman in the Window ein ähnliches Szenario wie diese Filme benutzt, ist dabei weniger das Problem. Schlimmer ist, dass der Film dabei ziemlich langweilig ist. Ob es die Polizisten sind, die natürlich an nichts glauben, plötzlich auftauchende Leute, welche Anna Panikattacken bescheren, oder das Gefühl, dass da jemand in der Wohnung ist: Da ist nichts, das tatsächlich mal Spannung erzeugen würde.

Natürlich geben sie sich Mühe, die großen Stars vor und hinter der Kamera. Amy Adams (Arrival) steigert sich immer weiter in den Wahn ihrer Figur, Regisseur Joe Wright (Stolz & Vorurteil) und Kameramann Bruno Delbonnel (Die fabelhafte Welt der Amélie) versuchen in Bilder zu packen, wie jemand den Boden unter den Füßen verliert und nicht mehr weiß, was real ist und was nicht. Schließlich ist Anna, auch unabhängig von ihrer Agoraphobie, ein nervliches Wrack, das nur noch in ihrer Filmsammlung zu leben scheint. Diese ist dann zwar für viele Verweise und Anspielungen gut. Aber es fehlt die Idee, was damit anzufangen ist. The Woman in the Window wird nie mehr als eine Zitatesammlung, die sich an einer eigenen vermeintlichen Cleverness erfreut, ohne etwas zu erzählen haben.

Ende dumm, alles dumm

Während der Thriller so über längere Zeit zumindest noch im soliden Bereich herumkrebst, wird es zum Schluss richtig übel. Autor A. J. Finn, der vor allem für seine Fantasie bei der Beschreibung der eigenen Autobiografie bekannt ist, war offensichtlich der Ansicht, dass Wendungen per se gut sind. Hauptsache, man hat das Publikum irgendwie getäuscht. The Woman in the Window schafft jedoch die bemerkenswerte Kombination, gleichzeitig ziemlich vorhersehbar und völlig überzogen zu sein. Anstatt tatsächlich neue und mutige Wege zu beschreiten, nimmt der Film lediglich die dümmste Version und präsentiert diese voller Stolz. Immerhin: Das Ergebnis ist so lächerlich, dass wohl die wenigsten auf diesen Ausgang tippen würden. Wenn wenigstens der Rest des Films ähnlich gestrickt gewesen wäre, hier also richtiger Hochglanztrash herausgekommen wäre. So aber bekommt man Eintönigkeit und Ärgernis in einem. Und als Bonus die Verwunderung, warum sich so viele große Talente dafür finden lassen konnten.

Credits

OT: „The Woman in the Window“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie: Joe Wright
Drehbuch: Tracy Letts
Vorlage: A. J. Finn
Musik: Danny Elfman
Kamera: Bruno Delbonnel
Besetzung: Amy Adams, Fred Hechinger, Gary Oldman, Wyatt Russell, Tracy Letts, Jennifer Jason Leigh

Bilder

Trailer

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The Woman in the Window
„The Woman in the Window“ erzählt von einer Frau, die aufgrund einer Angststörung ihre Wohnung nicht verlassen kann und dabei einen Mord beobachtet, den ihr niemand glaubt. Der Thriller ist dabei auf dreisteste Weise von offensichtlichen Vorbildern zusammengeklaut. Trotz großer Talente vor und hinter der Kamera ist das Ergebnis ziemlich langweilig, zum Schluss sogar ein richtiges Ärgernis.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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