Kritik

Wolfwalkers Apple TV+

„Wolfwalkers“ // Deutschland-Start: 11. Dezember 2020 (Apple TV+)

Irland, Mitte des 17. Jahrhunderts: Die Bevölkerung des Dorfes Kilkenny versucht im Auftrag des despotischen Lord Protectors Oliver Cromwell die naheliegenden Wälder zu roden, um mehr Platz für die Landwirtschaft zu erhalten. Doch das führt immer wieder zu gefährlichen Begegnungen mit einem Wolfsrudel, der sich dort aufhält. Und so wird der englische Jäger Bill Goodfellowe herbeigeordert, um die unliebsamen Nachbarn zu entsorgen, welche die Menschen in Angst und Schrecken versetzen. Dessen Tochter Robyn wiederum kennt keine Furcht, träumt davon, einmal wie ihr Vater eine große Jägerin zu werden und schleicht sich zu dem Zweck selbst in den Wald – zum großen Ärger ihres Vaters. Dabei lernt sie eines Tages Mebh kennen, ein wildes kleines Mädchen, das bei den Wölfen lebt und sich selbst in einen verwandeln kann. Schnell schließen die zwei Freundschaft, die jedoch auf eine harte Probe gestellt wird, denn in dem Dorf arbeiten sie bereits an einem Plan, alle Wölfe zu vernichten …

Ein Meister fantasievoller Animationswerke
Auch wenn seine Filme keine Blockbuster waren, er nie wirklich ein Massenpublikum erreicht: Wann immer Tomm Moore ein neues Werk vorstellt, bekommen Animationsfans leuchtende Augen. Dafür heißt es aber auch immer, sich in Geduld üben zu müssen. 2009 erschien sein Debüt Das Geheimnis von Kells, 2014 folgte Die Melodie des Meeres. Mit Wolfwalkers, das exklusiv beim Streamingdienst Apple TV+ erscheint, gibt es jetzt endlich den dritten Teil seiner von Kritikern weltweit gefeierten Trilogie. Und es wäre ein Wunder, wenn dieser  Film nicht wie seine beiden Quasi-Vorgänger zumindest eine Oscar-Nominierung als bester Animationsfilm des Jahres erhält. Denn es gibt selbst in diesem oft überlaufenen Segment kaum ein Werk mit einer vergleichbar visuellen Pracht.

Wie immer setzt das zuständige Animationsstudio Cartoon Saloon gemeinsam mit dem Produktionspartner Mélusine auf handgezeichnete Bilder. Die haben jedoch weniger den Look klassischer Zeichentrickfilme, sondern sehen aus wie eine Mischung aus Drucktechniken von anno dazumal und Wasserfarbenmalereien. Das Ergebnis sind sehr blockige, mit dicken Strichen gefertigte Zeichnungen vor oft starren, simplen Hintergründen. Gleichzeitig ist Wolfwalkers aber voller Leben, ein Fest der Farben, vor allem wenn wir in die Perspektive der Wolfmenschen wechseln, bei der sich bunte Gerüche durch die Luft schlängeln. Allgemein ist das alles hier sehr verspielt, ein Werk, das aus purer Lust am Kreativen entstanden ist, nicht durch den Versuch, eine konforme Realität abzubilden.

Zwischen Mensch und Natur
Das geht Hand in Hand mit dem Inhalt, das ebenfalls eine Abfolge des Normativen und des Wilden ist, strenger Regeln und explosivem Freiheitsdrang. Dabei stellt Wolfwalkers das Leben im Dorf dem der Natur gegenüber, die hier zusätzlich mythisch überhöht wird. Auf der einen Seite versucht der Lord Protector die Welt zu seinem Untertan zu machen, Grenzen zu setzen, die auch seinem religiösen Selbstverständnis entspringen. Auf der anderen Seite ist die wahre Magie, eine Ursprünglichkeit, die sich nicht fassen lässt und deshalb bei den Menschen Faszination, aber auch Angst auslöst. Etwas, das sich dem eigenen Weltbild entzieht und deshalb nicht existieren darf.

Wolfwalkers steht dabei klar in der Tradition anderer ökologisch bestimmter Werke. Vor allem der Vergleich zu Prinzessin Mononoke drängt sich auf, bei dem ebenfalls der Mensch die Natur zurückdrängt und zerstört, es dabei mit sagenumwobenen und alles andere als wehrlosen Wesen zu tun bekommt. Während der Anime dabei jedoch zum Teil sehr düster wurde und auch inhaltlich ambivalent war, da ist die europäische Coproduktion auf ein jüngeres Publikum ausgerichtet. Moore und sein Co-Regisseur Ross Stewart haben ein Märchen geschaffen, das wie seine vorangegangenen Filme tief in der keltischen Mythologie verwurzelt ist und von der Entfremdung der uns umgebenden Natur erzählt.

Das ist als Thema natürlich ernst, wird hier aber zielgruppengerecht über weite Strecken als launiges, ausgelassenes Abenteuer präsentiert. So eindrucksvoll das Finale auch ist, wenn es zum unausweichlichen Showdown zwischen Mensch und Tier kommt, es sind doch besonders die kleinen Momente mit den beiden Mädchen, die berühren. Wolfwalkers, das beim Toronto International Film Festival 2020 Weltpremiere hatte, ist nicht nur ein Film über einen Kampf, sondern auch über eine Freundschaft, die keine Grenzen kennt. Wenn die beiden unbekümmert durch den Wald tollen, dann geht das mit einer derart positiven Energie einher, mit einer solchen Freude am Moment, am puren Sein, dass man alles drumherum vergisst und wieder das Glück eines Kindes spürt, welches mit staunenden Augen die Welt erkundet. Einen Zauber findet in dem, was uns umgibt und den wir zu schnell wieder verlieren.

Credits

OT: „Wolfwalkers“
Land: Irland, Frankreich, Luxemburg, USA
Jahr: 2020
Regie: Tomm Moore, Ross Stewart
Drehbuch: Will Collins
Musik: Bruno Coulais, Kíla
Animation: Cartoon Saloon, Mélusine

Bilder

Trailer

Interview

Tomm MooreRoss StewartWas hat sie zu Wolfwalkers inspiriert? Und in welche Tiere würden sie sich selbst gern verwandeln können? Diese und weitere Fragen haben wir die Regisseure Tomm Moore und Ross Stewart in unserem Interview zum Film gestellt.

Kaufen/Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Wolfwalkers
„Wolfwalkers“ ist ein mitreißendes Märchen, welches wie die vorangegangenen Filme von Tomm Moore keltische Mythologie mit kindlicher Freunde und einer wundervollen Optik verbindet. Das Abenteuer eines Mädchens und eines Wolfmädchens ist nicht nur eine Liebeserklärung an die Natur als solche, sondern auch eine an das Leben und Erleben selbst.
9von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort