Kritik

Corpus Christi

„Corpus Christi“ // Deutschland-Start: 3. September 2020 (Kino)

Danile (Bartosz Bielena) mag erst 20 Jahre alt sein, hat in der Zeit aber schon jede Menge Blödsinn angestellt, die ihn am Ende auch ins Jugendgefängnis brachten. Endlich entlassen, will er einen neuen Weg einschlagen: In seiner Zeit im Knast war er Messdiener für den Gefängnispriester, was ihn so sehr geprägt hat, dass er sich selbst dazu berufen fühlt, als Priester zu arbeiten. Doch genau das geht nicht aufgrund seiner begangenen Verbrechen, stattdessen erwartet ihn die Arbeit in einem Sägewerk. Als Daniel sich dennoch in einem nahegelegenen Dorf als Priester ausgibt, wird er überraschend gleich zum Seelsorger der Gemeinde ernannt, die er daraufhin kräftig durcheinander bringt …

Corpus Christi ist einer dieser Filme, die zahlreiche Klischees und Konventionen nehmen, wie wir sie aus unzähligen anderen Filmen kennen, und dabei doch etwas ganz Eigenes daraus macht und immer wieder Erwartungen unterwandert. Da wäre das grundsätzliche Szenario einer Figur, die sich für etwas anderes ausgibt und dabei erstaunlich erfolgreich ist, bis sie irgendwann doch auffliegt. Dieses Prinzip kennen wir vor allem aus dem Bereich der Komödie, bei denen ein Teil des Spaßes darin besteht, wie der Protagonist oder die Protagonistin in zunehmend absurdere Situationen gerät, bei dem Versuch, die falsche Identität beizubehalten. Mrs. Doubtfire – Das stachelige Kindermädchen fällt einem an dieser Stelle ein, als Robin Williams sich als ältere Haushälterin ausgab. Aber auch die Verkleidung als Geistliche ist nicht ganz neu, Wir sind keine Engel oder Sister Act machten das ebenfalls schon.

Alles wird gut … oder?
Das zweite ausgiebig verarbeitete Klischee ist das des Außenseiters, der mit unkonventionellen Methoden eine bestehende Ordnung durcheinanderbringt und den anderen Menschen beibringt, die Welt noch einmal neu zu sehen und anders anzugehen. Verbunden wird das dann gern mit der Läuterung der Hauptfigur, die zuvor in einer Krise feststeckte und nun seine Berufung findet. All das gibt es in Corpus Christi. Es gibt die komisch-brenzligen Situationen, in denen Daniel aufzufliegen droht und denen er sich auf dreiste Weise entzieht. Es gibt die Momente, in denen er zu einem besseren Menschen wird und auch anderen tatsächlich hilft. Vor allem der Handlungsstrang um ein kollektives Trauma des Dorfes, das durch die herkömmliche Seelsorge nicht verarbeitet wurde, bietet dem Jungen Pseudo-Priester ein Spielfeld, etwas Gutes zu tun.

Doch Corpus Christi ist eben mehr als das. Daniel ist auch mehr als die gute Seele, die zuvor nur ein bisschen Pech hatte und eine echte Chance brauchte, um es allen zu zeigen. Wer genau Daniel ist, das verrät der Film dabei gar nicht. Wir erfahren nichts über sein Umfeld, seine Familie. Selbst seine Verbrechen bleiben eher vage, kann man sich allenfalls aus den Kommentaren anderer zusammenreimen. Dass die dunkle Seite, die ihn ins Jugendgefängnis gebracht hat, immer noch in ihm drin steckt, das wird jedoch immer mal wieder deutlich, auch auf eine sehr schmerzvolle Weise, die jeden Alles-wird-gut-Kitsch durch den Dreck zieht, darauf herumtrampelt, bis nichts mehr wiederzuerkennen ist. Das polnische Drama stellt dabei eine der ganz klassischen, existenziellen Fragen: Wie viel von einem Menschen ist durch ihn selbst bestimmt, wie viel durch andere? Die Geschichte des Sträflings, der einen Priester spielt, ist gleichzeitig die eines Mannes, der gegen den ihm vorbestimmten Weg ankämpft.

Die Suche nach dem Sinn
Und das ist nicht die einzige Frage, die Regisseur Jan Komasa und Drehbuchautor Mateusz Pacewicz – beide haben zuletzt an The Hater gearbeitet – in dem Film aufwerfen. Eine wichtige ist dabei die zur Rolle der Religion. Neben der Grundsatzdiskussion, welchen Zweck sie erfüllt oder zu erfüllen hat, darf auch kräftig darüber gestritten werden, wie das Ganze umzusetzen ist. Und eben von wem. Wer darf sich als Vertreter Gottes präsentieren? Braucht es dafür die formale Ausbildung und die entsprechenden Rituale? Braucht es die richtige innerliche Einstellung? Wenn Daniel auf große Resonanz bei den Menschen im Dorf stößt, dann nicht zuletzt, weil er sich eben nicht an diese Rituale und Konventionen hält und direkter zu den Leuten spricht, als es sein erkrankter Vorgänger konnte. Weil er echtes Mitgefühl mitbringt, auch aus seiner eigenen Erfahrung, selbst Ausgestoßener zu sein.

Und doch gibt das Drama, welches auf den Filmfestspielen von Venedig 2019 Premiere hatte und anschließend von Festival zu Festival weitergereicht wurde, ihm keinen Freischein, gibt allgemein keine Antworten, die uns beruhigen und den Weg weisen können. Corpus Christi ist ein Film über das Suchen nach einem Sinn in einer Welt, die uns einen solchen verwehrt, ist ein Film über Zweifel und Sehnsüchte, über innere wie äußere Kämpfe. Dass diese Ambivalenz so gut funktioniert, ist maßgeblich Hauptdarsteller Bartosz Bielena zu verdanken, der in diesem Spannungsfeld zwischen Gewalt, Orientierungslosigkeit und Gemeinschaft seine eigene Berufung findet. Er spielt einen Mann, aus dem man selbst nie ganz schlau wird, der im einen Moment die Hand reicht, um im nächsten mit dieser zuzuschlagen und der einen mit beiden Seiten fesselt.

Credits

OT: „Boze Cialo“
Land: Polen
Jahr: 2019
Regie: Jan Komasa
Drehbuch: Mateusz Pacewicz
Musik: Calperin Brothers
Kamera: Piotr. Sobocinski Jr.
Besetzung: Bartosz Bielena, Eliza Rycembel, Aleksandra Konieczna, Tomasz Zietek, Leszek Lichota, Lukasz Simlat

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2020 Bester fremdsprachiger Film Nominierung

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Corpus Christi
In „Corpus Christi“ gibt sich ein jugendlicher Straftäter als Priester aus und wird plötzlich zum Seelsorger einer kleinen Gemeinde. Das hört sich wahlweise nach Komödie oder Wohlfühl-Kitsch an, ist aber keins von beiden. Stattdessen ist der Film ein höchst ambivalentes Drama über Sinnsuche, Vorbestimmtheit und die Rolle der Religion in einer trostlosen Welt.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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