(„Rear Window“, directed by Alfred Hitchcock, 1954)

“Intelligence. Nothing has caused the human race so much trouble as intelligence.”

Ein Innenhof. Jazz-Musik der 50er Jahre, kurze Blicke auf Bewohner der kleinen Apartments, die sich in dem großen Backsteingebäude befinden. Mehr braucht Hitchcock nicht, um den Zuschauer in eine Welt zu entführen, die zu den magischsten und fesselndsten gehört, die der Meister der Suspense jemals erschaffen hat. Die Kamera bewegt sich rückwärts in das Wohnzimmer James Stewarts. Die Hauptfigur sitzt in einem Rollstuhl. Er schläft. Die Kamera fährt weiter zurück, der Zuschauer erblickt das Gipsbein, auf dem jemand einen Spruch und den Namen des Verletzten notiert hat. Man dringt weiter in die kleine Wohnung vor. Der Blick fällt auf Fotos an den Wänden, Fotoapparate auf dem unordentlichen Tisch, einem Stapel Magazine.

In einer einzigen Einstellung stellt der Regisseur die Hauptfigur L.B. Jeffries vor, in nur wenigen Sekunden erfährt man alles über diesen Charakter, der als Fotograf für ein Magazin tätig ist, sich sein Bein gebrochen hat und nun seine Tage damit verbringt, aus dem Fenster zu schauen oder zu schlafen. Dabei ist es heiß, wie das Thermometer verrät. Fast vierzig Grad in diesem Hinterhof, den man für die nächsten 110 Minuten nicht mehr verlassen wird. Sechs Wochen ist es her, als „Jeff“ den Unfall hatte, der ihm das gebrochene Bein einbrachte.  Er hat jedoch noch ein anderes Problem als dieses Handicap. Er plagt sich damit, dass seine Freundin Lisa (Grace Kelly) ihn heiraten möchte. Jeff sträubt sich dagegen, die Unterschiede sind zu groß, sie kann ihn unmöglich auf seinen Fotoreisen begleiten. Er flüchtet sich aus seinen privaten Problemen mittels Voyeurismus. Fasziniert von der Vielfalt der Menschen, die um ihn herum mit sich selbst kämpfen, entflieht er seiner Welt, studiert die Handlungen der Charaktere, von denen jeder in seiner eigenen Gefängniszelle in scheinbar ewiger Isolation gefangen ist.

Eine attraktive Blondine, die das Leben genießt, in Unterwäsche durch ihre Wohnung tänzelt. Eine einsame Frau mittleren Alters, die sich nach einem Lebenspartner sehnt, diesen aber nicht zu bekommen scheint. Ein Ehepaar, das bei dieser Hitze jede Nacht mit ihrer Matratze auf dem Balkon überwachtet, bis sie von einem heftigen Platzregen überrascht werden. Ein frisch vermähltes Paar, bei dem der Ehemann nie zur Ruhe kommt, da es seine Frau ständig nach ihm gelüstet. Und der grauhaarige, breitschultrige Mann, der seine kranke Ehefrau pflegen muss, mit der er ewig Streit zu haben scheint. Das Leben ist einsam geworden für Jeff, der bald nichts anderes mehr tut, als seine Nachbaren zu beobachten. Auch die Besuche seiner Pflegerin Stella (Thelma Ritter) können an seiner Lethargie nichts ändern. Die Besuche seiner Lebensgefährtin erinnern ihn nur an sein Problem, dem er zu entfliehen versucht. Sicher, er liebt sie, aber sind die Differenzen zwischen ihren beiden Lebensstilen nicht zu groß? Das Leben des Fotografen bekommt einen Aufwind, als dieser eines Nachts von einem Schrei geweckt wird. Es regnet. Mit müden Augen schaut er in den Hinterhof. Er sieht den grauhaarigen Nachbarn (Raymond Burr) im strömenden Regen das Haus verlassen. Dreimal. Das Interesse Jeffs ist geweckt. Er sucht nach der Frau des Mannes, doch er kann sie nicht erspähen. Stattdessen immer wieder diesen Kleiderschrank von Mann, der nacheinander sorgfältig Säge und Fleischermesse einwickelt und verschwinden lässt. Zusätzlich ein großen Koffer, indem die Frau des Mannes zweifellos Platz hätte. Oder besser gesagt: ihre Leiche.

Es ist erstaunlich, wie viele Elemente und Aspekte in einem filmischen Werk zu finden sind, das lediglich in einem Raum spielt. Wie in einem Theaterstück. James Stewart sitzt am Fenster, wenn er sich nicht gerade von seiner Pflegerin massieren lässt. Die Massagen sind hierbei die Erholung, die der geduldige Fotograph von den Diskussionen mit seiner Besucherin braucht, denn die resolute Dame wischt alle Versuche, intellektueller Diskussionen ihres Patienten mit sich bewährten Hausfrauen-Weisheiten beiseite. Alfred Hitchcock ist berüchtigt für seinen sarkastischen Humor, der in diesem Kammerspiel die beste Bühne erhält. Es ist die großartige Thelma Ritter, die darüber nachsinnt, wie viel Blut verspritzt sein muss bei der Ermordung der hilflosen Ehefrau, während James Stewart vergeblich versucht, trotz derartiger Geschmacklosigkeiten, sein Frühstück zu sich zu nehmen. Doch unter der humoristischen Oberfläche verstecken sich sensibel gestrickte Dramen, die einen fesseln und berühren. Hitchcock braucht dafür keine Worte.

Er zeigt die einsame Dame im Erdgeschoss, wie sich schminkt und ankleidet, um einen Mann zum Abendessen zu empfangen. Als sie schließlich ihre Tür öffnet, ist niemand da. Sie unterbricht ihr Spiel nicht. Sie gestikuliert liebevoll mit ihrem imaginären Partner, setzt sich mit ihm zu Tisch. Ehe sie schließlich versucht, sich das Leben zu nehmen. Der Komponist auf der anderen Seite des Hinterhofs hat eine Schaffenskrise, er ist im Begriff, einen neuen Schlager zu komponieren. Abends wischt er betrunken und wutentbrannt die Notenblätter vom Flügel. Der Zuschauer wird zum Voyeur, er studiert die Fassaden der Gebäude und die Fassaden der Menschen, die hinter ihnen zu Hause sind. Man gesellt sich zu James Stewart, nimmt seine Position ein und versetzt sich in seine Person. Wortlos verbindet er visuelle Metaphern, bringt kürzlich gesehene Szenen aus dem Leben verschiedenster Menschen in Zusammenhang. Man erkennt sich in ihnen wieder, man erlebt den Frust, die Verzweiflung, aber auch die Freude und die Hoffnung der uns anfangs fremden Personen noch einmal erneut – all das, was man selber bereits erlebt hat, findet einen Spiegel in den unterschiedlichsten Charakteren der Bewohner dieses Gebietes. Die Figuren um den Fotographen Jeff werden zu Vertrauten.

Inmitten dieser Personen ist Grace Kelly in all ihrer Schönheit. Selten zuvor und noch seltener danach wurde eine Schauspielerin auf der Leinwand derart attraktiv in Szene gesetzt wie in diesem Film. Man erblickt Grace Kelly das erste Mal an diesem heißen Sommertag. Plötzlich ist sie da – in Nahaufnahme. Ihr makelloses Gesicht mit den blonden Haaren nähert sich, ihr kussroter Mund drückt sich auf den von James Stewart, gefilmt in Zeitraffer. Es hat etwas Traumhaftes, Magisches. Hitchcock, der brillante Techniker spielt mit Kameraeinstellungen, Objektiven und Beleuchtungen. Im Hintergrund, während Kelly und Stewart am Fenster sitzen, ist der Himmel Manhattans in ein kräftiges Rot getaucht, das der Szenerie beinahe eine surreale Aura verleiht. Der Kriminalfall rückt dabei in den Hintergrund. Es geht um menschliche Beziehungen, Isolation, Schuld und Voyeurismus, ein von der Natur gegebenes menschliches Bedürfnis. Man möchte wissen, was hinter den Wänden der Nachbarn vor sich geht. Der Fotograph Jeff gibt seinen Bedürfnissen nach, er hat die Zeit dazu. Und es ist ein faszinierender Blick, der sich ihm da offenbart, es ist das menschliche Leben in all seiner Vielfalt.

Mit den düstersten Themen geht Hitchcock humorvoll um, zeigt Sensibilität bei Tragik und Trauer. Daneben: sprühender Dialogwitz, ein atemberaubend spannendes Finale, das einem den Atem stocken lässt. Technisch brillant, voller origineller Einfälle und interessanter Charaktere. Ist der Nachbar der Mörder? Vielleicht ja, vielleicht nein. Wäre seine Tat zu rechtfertigen? Ist Mord eine menschliche Schwäche, verdammenswert und böse oder die einzig mögliche Flucht aus einer gescheiterten Existenz?

Das Fenster zum Hof
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Das Fenster zum Hof
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3 Responses

  1. Marco Behringer

    Mir hat neben dem genialen Drehbuch vor allem die subjektive Perspektive, die Dialoge und die Kamera gefallen. Dazu noch die Stimmung, die ständig zwischen Suspense und Witz hin- und herspringt…

    Antworten

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