Kritik

Stunde der Angst

„Stunde der Angst“ // Deutschland-Start: 28. Januar 2021 (DVD/Blu-ray)

Früher, da war June (Naomi Watts) eine begehrte Autorin, die in Talkshows auftrat und die Menschen bewegte. Inzwischen ist davon aber nicht mehr viel übrig. Schon seit Längerem sitzt sie an einer Schreibblockade, bringt kein Wort mehr auf Papier. Zudem leidet sie inzwischen an Angststörungen, die es ihr unmöglich machen, die von ihrer Großmutter geerbten Wohnung zu verlassen. Kontakte zur Außenwelt sind seither sehr selten geworden. Lediglich ihre Schwester Margot (Jennifer Ehle) sowie Freddie (Kelvin Harrison Jr.), der ihr im Auftrag eines Lieferservices Lebensmittel bringt, kommen noch in ihrer Wohnung vorbei. Sorgen bereitet June dabei aber auch, dass ständig jemand an ihrer Haustür klingelt, ohne ein Wort zu sagen – selbst mitten in der Nacht. Handelt es sich dabei nur um einen dummen Streich? Oder steckt da doch mehr dahinter?

Gefangen in der eigenen Wohnung

Normalerweise ist die eigene Wohnung so etwas wie ein Schutzraum für die Menschen. Hier können wir wir selbst sein, müssen uns nicht anpassen oder gerade rücken, sind sicher vor dem, was sich da draußen in einer potenziell gefährlichen Welt abspielt. Doch was, wenn nun ausgerechnet diese Wohnung selbst zu einer Gefahr wird, wir nicht mehr in dieser sicher sind? Viele Filme haben mit solchen Möglichkeiten gespielt, seien es dämonische Heimsuchungen oder reguläre Home-Invasion-Thriller, bei denen die Protagonisten und Protagonistinnen von externen Mächten belagert werden. Eine weitere schön gemeine Möglichkeit ist die, wenn Figuren ihre Wohnung nicht mehr verlassen können.

Das ist auch bei Stunde der Angst der Fall, wenn die Hauptfigur an einer Angststörung leidet, die es ihr unmöglich macht, auch nur einen Schritt vor die Tür zu setzen. Auf diese Idee sind zuvor natürlich auch andere Filmemacher bereits gekommen. In Copykill etwa spielte Sigourney Weaver eine Frau, die nach dem Angriff eines Serienmörders nicht mehr ihre Wohnung verlässt. Hier hingegen ist die Bedrohung sehr viel weniger konkret. Zwar spielt der Film im Sommer 1977 in New York City, als tatsächlich ein Frauenmörder sein Unwesen trieb. Doch von dem ist nicht viel zu sehen, ein direkter Zusammenhang ist nicht erkennbar.

Eine vage Bedrohung

Stattdessen bleibt Regisseur und Drehbuchautor Alistair Banks Griffin bei seinem zweiten Langfilm betont vage. Die ständigen Klingelattacken an der Wohnung sorgen beispielsweise für eine Atmosphäre der Belagerung, ohne je etwas zeigen zu müssen. Es geht in dem Film letztendlich gar nicht darum, wer nun wirklich dahintersteckt. Es ist nur ein Element unter vielen in Stunde der Angst, welche zu der Stimmung beitragen sollen. Die Lage spitzt sich immer weiter zu, da draußen, aber auch innerhalb der Wohnung. Als Zuschauer wartet man durchaus gespannt darauf, wohin das alles führen wird und wie genau dieser große Knall aussehen wird, der immer wieder angekündigt ist.

Tatsächlich bleibt dieser aber aus. Der Film, der beim Sundance Film Festival 2019 Weltpremiere hatte, ist irgendwo zwischen Mystery- und Psychothriller angesiedelt. Allerdings erfüllt er nicht die Erwartungen, die ein solcher Film mit sich bringt. Denn streng genommen passiert die ganze Zeit über nichts. Die wenigen Brocken, welche zum Rätseln und dem Aufstellen von Hypothesen einladen, sind ohne Konsequenz. Auch bei der Vergangenheit von June muss sich das Publikum mit wenig zufriedengeben. Wie sie zu der Frau wurde, die sie jetzt ist, wird nicht schlüssig, auch weil da niemand ist, der sich mit ihr darüber unterhält. Stattdessen sieht sie sich alte Videos an, welche einen kurzen, unvollständigen Blick auf das gewähren, was einmal war.

Viel Atmosphäre, kaum Handlung

Dass das für viele nicht befriedigend ist, das ist klar. Man kann sich sogar darüber streiten, ob die Bezeichnung Thriller wirklich angemessen ist. Doch das bedeutet nicht, dass der Film völlig uninteressant ist. Atmosphärisch hat Griffin einiges richtig gemacht, was auch der Ausstattung zu verdanken ist. Die dezent vollgemüllte, stickige Wohnung sorgt recht schnell für Beklemmung, was durch das invasive Klingeln noch weiter verstärkt wird. Zudem brilliert Naomi Watts (Shut in) in der Figur einer Frau, die nach und nach den Verstand verliert. Tatsächlich darf man sich hin und wieder fragen, ob die Ereignisse überhaupt real sind oder nicht doch ihrer Einbildung entspringen. Das ist faszinierend mitanzusehen, was es umso bedauerlicher macht, dass hier eigentlich alles da ist für einen packenden Thriller – bis auf die Geschichte.

Credits

OT: „The Wolf Hour“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Alistair Banks Griffin
Drehbuch: Alistair Banks Griffin
Musik: Danny Bensi, Saunder Jurriaans
Kamera: Khalid Mohtaseb
Besetzung: Naomi Watts, Emory Cohen, Jennifer Ehle, Kelvin Harrison Jr.

Bilder

Trailer

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Stunde der Angst
In „Stunde der Angst“ wird eine von Angststörungen geplagte Autorin zum Opfer ständiger Klingelattacken. Der Film ist dabei irgendwo zwischen Mystery- und Paranoia-Thriller angesiedelt, wenn die Hauptfigur zunehmend den Verstand verliert. Atmosphäre und Ausstattung sind stark, die schauspielerische Leistung auch. Es fehlt nur eine Geschichte, wenn all das nicht wirklich zu etwas führt.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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