Kritik

Soul Pixar Disney+

„Soul“ // Deutschland-Start: 25. Dezember 2020 (Disney+) // 22. April 2021 (DVD/Blu-ray)

Schon immer träumte Joe Gardner davon, einmal wie sein Vater als Jazz-Pianist auf der Bühne zu stehen. Doch das Leben hatte andere Pläne: Anstatt Karriere zu machen, schlägt er sich mehr schlecht als recht als Musiklehrer herum, unterstützt von seiner zunehmend genervten Mutter, die sich für ihn endlich etwas Solides wünscht. Da scheint sich der Traum doch noch zu erfüllen. Ausgerechnet die Jazz-Legende Dorothea Williams bietet ihm einen Platz in ihrer Band an! Dummerweise kommt es aber ausgerechnet an diesem Tag zu einem Unfall. Während Joes Körper nun auf der Intensivstation liegt, ist seine Seele bereits auf dem Weg ins Jenseits. Das wiederum sieht der Musikfanatiker nicht ein, schon gar nicht am Tag seines größten Triumphes! Um diesem Schicksal zu entkommen, geht er einen Pakt mit 22 ein, einer noch ungeborenen Seele, die bisher noch jedem Angebot widerstanden hat, auf die Welt zu kommen …

Ein erwachsener Spaß mit Humor

Die Corona-Pandemie macht auch vor einem der größten Animationsstudios der Welt nicht Halt. Schon bei Onward – Keine halben Sachen hatten im März die Pixar Studios das Pech, dass kurz nach dem Kinostart weltweit nahezu alle Kinos schließen mussten. Der zweite große Titel Soul wiederum hätte ursprünglich bereits im Sommer veröffentlicht werden sollen, wurde dann auf November verschoben, nur um dann doch beim Disney-internen Streamingdienst Disney+ zu landen. Immerhin: Direkt zu Weihnachten ist der Film jetzt da und soll dazu beitragen, dass die Familien alle brav zu Hause bleiben. Das weckt gewisse Erwartungen an den Inhalt. Erwartungen, die Pete Docter und sein Co-Regisseur Kemp Powers aber nicht wirklich erfüllen.

Die Filme von Pixar zeichneten sich schon immer dadurch aus, dass sie stärker als die Werke von Disney, DreamWorks Animation und den anderen großen Studios tatsächlich die ganze Familie bedienen wollen. Während die Grundgeschichte sehr einfach und für Kinder gut verdaulich war, fanden sich immer Elemente, die für Erwachsene gedacht waren. Das konnten mal Nebenthemen sein oder auch versteckte Witze. Die Mischung war meist gelungen, am Ende kamen beide Seiten auf ihre Kosten. Bei Soul versucht man diese Balance zwar auch, doch die Gewichtung hat sich spürbar verschoben. Auch wenn es zwischendurch immer wieder humoristische Szenen gibt, die wohl für den Nachwuchs gedacht sind – Stichwort Katze –, sie sind diesmal in der Minderheit.

Die Suche nach dem Sinn des Lebens

Das liegt vor allem an dem Hauptthema. Existenzielle Fragen wurden bei Pixar natürlich immer schon gestellt. Doch während beispielsweise die Wichtigkeit von Trauer in Alles steht Kopf oder der Umgang mit Tod in Coco – Lebendiger als das Leben noch nahe genug an der Erfahrungswelt von Kindern waren, geht es in Soul um nichts Geringeres als den Sinn des Lebens. Auch das kann für ein junges Publikum wertvoll sein, wenn sich der Film indirekt gegen die Idee der Leistungsgesellschaft wendet – unter der zunehmend schon Kinder zu leiden haben. Die Aussage des Films ist schließlich, dass ein Leben nicht notwendigerweise durch große Taten lebenswert wird, sondern durch die kleinen Momente und das Zwischenmenschliche. Und das ist etwas, das Joe bei seiner Jagd nach dem Traum vergessen hat.

Dennoch dürften die wenigsten Kinder diese Transferleistungen herstellen können. Den größten Eindruck wird Soul vielmehr bei Menschen hinterlassen, die selbst schon im mittleren Alter sind, die einiges erlebt haben und sich fragen müssen: War es das wert? Was habe ich eigentlich erreicht? Auch wenn das Thema der Midlife-Crisis nie direkt angesprochen wird, wird es doch kunstvoll in die größere Frage eingebaut, wozu es die Menschen überhaupt gibt. Eine solche Themenstellung ist in einem Animationsfilm natürlich etwas unerwartet. Da dürften manche, die an Weihnachten vor dem Bildschirm Platz nehmen etwas irritiert sein, auch wenn Docter und sein Team diese Punkte in ein traditionelles Abenteuer gepackt haben und dabei viel Wert auf den Unterhaltungsfaktor legten. Auf diesen Film muss man sich stärker einlassen können als es bei den anderen Werken von Pixar der Fall ist, die komplexe Themen alltagstauglich verpackten.

Visuell überragende Reise

Wer das aber kann, selbst über den Sinn des Lebens nachgrübelt, für den ist Soul einer der schönsten und bewegendsten Filme, die dieses Jahr hervorgebracht hat. Visuell gilt das ohnehin: Der Animationstitel kombiniert 3D mit 2D, Photorealismus mit Surrealem, ist technisch überragend und dabei doch voller kreativer Einfälle. Allein schon die Darstellung der Stadt mit ihren vielen Details ist ein Fest fürs Auge. Beeindruckend ist auch, wie hier sichtlich daran gearbeitet wurde, die vielen Facetten des afroamerikanischen Lebens abzubilden, ohne sich auf Klischees oder Stereotype zu versteifen. Denn letztendlich geht es in dem Film darum: Hier wird das Leben in allen Formen und Farben gefeiert, wird das Individuelle betont, ohne daraus die üblichen Zwänge abzuleiten. Vielmehr ist das hier eine Aufmunterung, rauszugehen, Leute zu treffen, für alles und jeden offen zu sein, dem man begegnet. Darin ist nicht nur die Antwort verborgen, wer man selbst ist, sondern auch eine Anleitung zum Glücklichsein.

Credits

OT: „Soul“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Pete Docter, Kemp Powers
Drehbuch: Pete Docter, Mike Jones, Kemp Powers
Musik: Trent Reznor, Atticus Ross
Animation: Pixar Studios

Bilder

Trailer

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Soul
In „Soul“ stirbt ein Jazz-Musiker ausgerechnet an dem Tag seines großen Auftritts und versucht nun unter allen Umständen zurück ins Leben zu kommen. Der Film ist dabei durchaus unterhaltsames, visuell überragendes Abenteuer mit viel Humor. Die zugrundeliegenden Themen um den Sinn des Lebens und Selbstverwirklichung richten sich aber trotz allem deutlich mehr an ein erwachsenes Publikum, das hier wieder die kleinen Momente zu schätzen lernen darf.
9von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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