Inhalt / Kritik

„Die Welt wird eine andere sein“ // Deutschland-Start: 12. August 2021 (Kino)

Als die türkischstämmige Asli (Canan Kir) und der aus dem Libanon eingewanderte Saeed (Roger Azar) sich über den Weg laufen, dauert es nicht lange, bis es kräftig zwischen ihnen funkt. Aus den beiden Freunden wird schnell mehr, auch wenn Aslis Mutter Zeynep (Özay Fecht) über diese Beziehung so gar nicht glücklich ist und ihre Tochter davor warnt, etwas mit ihm anzufangen. Doch die schlägt die Warnungen in den Wind. Mehr noch: Die beiden heiraten sogar heimlich in einer Moschee und versprechen sich, immer füreinander da zu sein. Und tatsächlich ist die Ehe von viel Liebe und Vertrauen geprägt. Selbst als Saeed eines Tages fortgeht und Asli nicht sagt, wo er hin will und was er vorhat, bleibt sie fest an seiner Seite, hält ihm die Treue und trotzt dem Druck, den seine Familie ausübt. Erst sehr viel später wird sie erfahren, was hinter allem steckte …

Persönlich und doch mehr als das

Auch wenn ihre Filmografie bislang noch überschaubar ist, so sind bei der Regisseurin und Autorin Anne Zohra Berrached doch einige klare Tendenzen zu erkennen. Sowohl in Zwei Mütter über ein lesbisches Paar mit Kinderwunsch wie auch dem Abtreibungsdrama 24 Wochen stellt sie eine Frauenfigur in den Mittelpunkt, deren sehr persönliche Geschichte gleichzeitig eine gesellschaftliche bis politische Komponente hat. Das ist bei ihrem dritten Werk Die Welt wird eine andere sein nicht anders. Denn auch wenn der internationale Titel Copilot es implizieren und der Film zunächst die Liebesbeziehung in den Mittelpunkt stellt: Es ist eindeutig die Geschichte von Asli, welche Berrached da erzählt.

Das soll jedoch nicht bedeuten, dass andere Menschen in dem Film keine Rolle spielen. Denn da ist nicht nur Saeed, der zu einer treibenden Kraft in ihrem Leben wird, selbst wenn er aus diesem für längere Zeit verschwindet. Da sind auch die Freunde und Freundinnen, vor allem aber die Familie der Protagonistin. Selbst wenn es sich dabei nur um Randerscheinungen handelt, die schon mal zwischendurch komplett fallengelassen werden, ihre Einflüsse sind zu spüren und sind auch wichtig. Die Welt wird eine andere sein erzählt maßgeblich auch davon, wie wir von unserem Umfeld und unserer Kultur geprägt werden. Vieles von dem, was Asli da tut und sagt, ist entweder die Folge von oder die Reaktion auf diese Prägungen, wenn sie in diesem Wirbelwind aus Einflüssen sich selbst sucht.

Auf der Suche nach Antworten

Das Drama, welches auf der Berlinale 2021 Weltpremiere feierte, hätte daher gut als Coming-of-Age- oder Selbstfindungsfilm funktioniert. Doch da ist eben diese gesellschaftliche und politische Komponente, die Berrached da erneut einfügt. Worum es dabei geht und worauf das hinausläuft, wird dem Publikum erst mit der Zeit klar. Doch während dieses eindeutige Hinweise erhält und sich das Puzzle zusammensetzen kann, ist es bei Asli sehr viel weniger deutlich, was sie nun weiß oder nicht. Das ist dabei nicht das Ergebnis eines nachlässigen Drehbuchs. Vielmehr will Die Welt wird eine andere sein das sehr gezielt offenhalten. Die Zuschauer und Zuschauerinnen müssen darauf schon ihre eigene Antwort finden.

Das gilt insbesondere für die sich aus der Situationen ergebenden, noch deutlich kniffligeren Frage: Inwieweit bin ich für die Taten meines Partners oder meiner Partnerin verantwortlich? Wo endet die Loyalität innerhalb einer Partnerschaft? Wann sind andere Verpflichtungen bedeutsamer, sei es der Familie oder der Gesellschaft gegenüber? Die Welt wird eine andere sein bietet damit Stoff für zahlreiche hitzige Diskussionen, die sich am einzelnen Fall entzünden, aber deutlich universellerer Natur sind. Für ein solches Publikum hat der Film daher einiges zu bieten. Wer es hingegen konkreter mag, der könnte hierbei seine Schwierigkeiten haben. Zumal es noch in anderer Hinsicht Frustgefahr gibt: Auch wenn sich Asli teilweise freigekämpft hat und ihren eigenen Weg sucht, so agiert sie doch immer wieder zögerlich, zurückhaltend. Bleibt passiv.

Die Tragik des was wäre wenn

Und doch gibt es auch die romantischen Momente, gerade zu Beginn des Films, als sich die beiden jungen Menschen über den Weg laufen und entgegen aller Wahrscheinlichkeit zusammenfinden. So kopflastig Die Welt wird eine andere sein im Laufe der Zeit auch wird, so traurig ist die Geschichte. Gerade weil sie so glücklich miteinander sind, fällt es schwer mitanzusehen, wie sich alles weiterentwickelt. Zu wissen, worauf das alles hinausläuft, während Asli noch davon träumt, wieder ein normales Paar werden zu können, gehört sicher zu den tragischsten Erfahrungen dieses Kinojahres. So sehr man die Hauptfigur aus seiner sicheren Entfernung im Sessel heraus zuweilen verfluchen möchte, so herzzerreißend ist die Vorstellung, was alles hätte sein können, wenn die Welt eine andere gewesen wäre.

Credits

OT: „Die Welt wird eine andere sein“
IT: „Copilot“
Land: Deutschland, Frankreich
Jahr: 2021
Regie: Anne Zohra Berrached
Drehbuch: Stefanie Misrahi, Anne Zohra Berrached
Kamera: Christopher Aoun
Besetzung: Canan Kir, Roger Azar, Jana Julia Roth, Nicolas Chaoui, Ceci Chuh, Özay Fecht, Darina al Joundi, Zeynep Ada Kienast

Bilder

Trailer

Interview

Anne Zohra BerrachedWie kam sie auf die Idee für Die Welt wird eine andere sein? Und wie weit darf Loyalität innerhalb einer Beziehung gehen? Diese und weitere Fragen haben wir Regisseurin und Autorin Anne Zohra Berrached in unserem Interview zum Film gestellt.

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Die Welt wird eine andere sein
„Die Welt wird eine andere sein“ erzählt von einer jungen Liebe, deren Beziehung zunehmend auf die Probe gestellt wird. Diese sehr persönliche Geschichte wird mit einer gesellschaftlich-politischen Komponente verbunden, die sehr universelle Fragen zu Loyalität, Liebe und Partnerschaft nach sich zieht, aber auch zu der nach Verantwortung. Tatsächliche Antworten gibt es kaum, dafür ein Spiel mit kulturellen Einflüssen und Selbstbehauptung.
7von 10
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5.8

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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