Kritik

Scarface 1983

„Scarface“ // Deutschland-Start: 9. März 1984 (Kino) // 26. September 2019 (DVD)

Im Zuge der Mariel-Bootskrise gelangt der Ex-Häftling Tony Montana (Al Pacino) zusammen mit einigen seiner Freunde in die Vereinigten Staaten. Da sie nichts anderes wollen, als so schnell wie möglich aus der Armut und dem Alltag des Auffanglagers zu entkommen, nehmen sie einen Mordauftrag an, der ihnen allen im Gegenzug einen US-amerikanischen Pass einbringt. Doch dies ist Tony nicht genug, denn er will es zu etwas bringen in Amerika und arbeitet sich aggressiv in den Reihen der Organisation von Frank Lopez (Robert Loggia) hoch, einem reichen Geschäftsmann mit vielen Verbindungen zu südamerikanischen Drogenkartellen. Darüber hinaus hat Tony ein Auge auf Franks Frau Elvira (Michelle Pfeiffer) geworfen, der er den Hof macht, die ihn aber immer wieder abweist. Bei einem Drogendeal mit dem bolivianischen Geschäftsmann und Schmuggler Alejandro Sosa (Paul Shenar) sieht Tony deswegen seine Chance und verhandelt auf eigene Faust, was zu einem Bruch zwischen ihm und Frank führt. Tony ist auf sich alleine gestellt und baut sich mithilfe seiner Verbindungen zu Sosa sowie der Loyalität seines Freundes Manolo (Steven Bauer) ein Imperium auf, welches schon bald weit über die Stadtgrenzen Miamis hinaus geht. Doch mit dem Erfolg kommt auch die Gier in Tony hoch sowie sein unberechenbares Temperament, welches ihn immer wieder in Schwierigkeiten bringt.

Der Traum wird wahr
Mit Scarface legte Regisseur Brian De Palma 1983 einen ebenso populären wie auch kontroversen Film über den modernen Raubtierkapitalismus und die Auswüchse des amerikanischen Traums hin. Basierend auf dem Skript Oliver Stones, der während des Schreibprozesses mit seiner eigenen Drogensucht rang, ist Scarface mehr als nur eine Neuverfilmung jenes Filmes von Howard Hawks von 1932, auch wenn De Palmas Version naturgemäß einige Parallelen aufweist. Während Hawks das Amerika zur Zeit der Prohibition porträtiert und dabei den Exzess der Kriminalität, geht es bei De Palma um eine andere Art des Exzess, um exzessiven Konsum und Akkumulation, eingerahmt von der altbekannten Erfolgsgeschichte des Tellerwäschers, der zum Millionär wird.

Als Ausgangspunkt für den Mythos des amerikanischen Traums konzentriert sich Stones Drehbuch, ausgehend von einem realen Ereignis, an der Biografie eines Einwanderers, eben jenes Tony Montana. Bereits in den ersten Szenen, einer Vernehmung Tonys durch Polizeibeamten, entscheidet sich der Streit der Ideologien, wenn Montana in seiner gewohnt ungehobelten Art über die Vorzüge Amerikas berichtet, seine Bewunderung für James Cagney und Humphrey Bogart sowie die Sprache, gefolgt von einer herben Ablehnung des Kommunismus, der einem alles raubt und unter dem jeder gleicht ist. Tony, so wird klar, ist getrieben von dieser Ich-Sucht, der Geltungssucht und der Sucht nach Erfolg: eine Ich-AG, wie sie im Buche steht. Zuerst kommt das Geld, dann die Macht und dann die Frauen, wie er Manolo sagt, nachdem dieser bei einer Bikini-Schönheit abgeblitzt ist, die kapitalistische Grundformel, heruntergebrochen auf den Kontext des aufstrebenden Gangsters und Drogendealers.

Neben beispielsweise der Rolle des Michael Corleone in den Der Pate-Filmen gehört Tony Montana wohl zu den bekanntesten Figuren Al Pacinos, der sich für die Rolle eigens einen Akzent zulegte. Ganz im Sinne des Oberthemas des Films legt er Tony als einen Charakter an, dessen Emotionen und Temperament parallel zu seinen Konsumexzessen stehen: überbordend, übertrieben und stets auf maximale Wirkung bedacht. Fast schon opernhaft wirken Szenen wie jene im Restaurant, in der er die Besucher als Heuchler beschimpft oder die ungefähr in der Mitte des Films zu findende Collage von Bilder, die Montanas wachsenden Erfolg zeigen, begleitet von Paul Engemanns Push it to the Limit und dem Klang von Geldscheinen, die in einer Zählmaschine rattern.

Die Neon-Welt der 80er
Ebenso großen Wert legt De Palmas Film auf eine Darstellung der 80er sowie der Stadt Miami. Die Bilder John A. Alonzos unterstreichen die bereits erwähnte opernhafte Inszenierung, die Idee des exzessiven Konsums, was bisweilen einem fieberhaften, neon-verliebten Traum gleicht. In dem ironischen benannten Nachtklub „Babylon“, in welchem sich viele Schlüsselmomente des Films abspielen, kann man die Essenz dieser Welt erkennen, die sich in einer Mischung aus Eskapismus und Selbstverliebtheit dem Rausch hingibt, verstärkt durch Drogen und Sex, der letztlich jeden verführt und gefügig macht. Auch hierbei spielt die Musik des Films eine gewichtige Rolle, die mit Größen wie Debbie Harry (Hush, Hush) nicht nur bekannte Stars der 80er vereint, sondern die thematischen und visuellen Akzente des Films abrundet.

Credits

OT: „Scarface“
Land: USA
Jahr: 1983
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: Oliver Stone
Musik: Giorgio Moroder
Kamera: John A. Alonzo
Besetzung: Al Pacino, Michelle Pfeiffer, Steven Bauer, Mary Elizabeth Mastrantonio, Robert Loggia, F. Murray Abraham

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Golden Globe Awards 1984 Bester Hauptdarsteller – Drama Al Pacino Nominierung
Bester Nebendarsteller Steven Bauer Nominierung
Beste Musik Giorgio Moroder Nominierung
Golden Raspberry Awards 1984 Schlechtester Regisseur Brian De Palma Nominierung

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Scarface (1983)
„Scarface“ ist ein brutaler, exzessiver und hochgradig theatralischer Abgesang auf den amerikanischen Traum. Hochverdient ist der Status des Kultfilms dank eines großartigen Zusammenspiels von Schauspiel, Ästhetik und Musik, wie sie Brian De Palma nicht immer in seiner langen Karriere erreichte.
9von 10

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